Schnell unterwegs und doch gefangen

Wer in Bangkok arm ist, muss in der Nähe seines Arbeitsplatzes leben. Denn Mobilität ist teuer – ob mit dem Motorradtaxi oder mit dem eigenen Auto. Diese Erfahrung hat auch der Marktarbeiter Dtong gemacht. Sein Haus in einer Vorortsiedlung musste er aufgeben, weil er die Raten nicht mehr bezahlen konnte. Jetzt wohnt er ohne Frau und Kinder wieder in einem Slum direkt neben dem Markt, auf dem er arbeitet.

Bei Dtong geht alles etwas schneller. Er redet schnell. Er denkt schnell, wenn er auf dem Markt Summen zusammenrechnet. Und wenn er seinen Handkarren schiebt, dann ist er damit schneller unterwegs, als viele andere laufen können. Dtong ist 31 Jahre alt, mit 16 kam er aus dem nordthailändischen Pichit nach Bangkok – von der zwei Hektar kleinen Farm seiner Eltern in die Mega-Stadt. Etwa 12 Millionen Einwohner hat Bangkok offiziell, aber niemand weiß, wie viele weitere Millionen dort leben, die wie Dtong noch in ihren Heimatprovinzen gemeldet sind. Sie füllen die Slums und die Beton-Silos der Industriegebiete, arbeiten in der informellen Wirtschaft, als Taxifahrer, als Tagelöhner in halblegalen Fabriken oder im Nachtleben – den Discos, Bars und Massagesalons.

Ohne echtes Ziel lief Dtong von Zuhause fort. Er hatte nur eine kleine Tasche und 200 Baht (ca. vier Euro) bei sich. Er wollte Arbeit finden und teilhaben am Wohlstand der Stadt – so wie viele andere, die es nach Bangkok zieht, die der Eintönigkeit ihres Dorfes entfliehen wollen, um Glück und Abenteuer zu suchen. Nach sechs Stunden Fahrt auf Holzbänken in der dritten Klasse stieg er am Bangsue-Bahnhof im Norden der Stadt aus dem Zug und ging los. Zufällig traf er einen Verwandten, der auf dem Markt arbeitet. So fing auch Dtong an, dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sein Arbeitsplatz ist der Nachtmarkt am „Wat Saphan Suung“ – dem Tempel der Hohen Brücke. Die Waren werden von den Großmärkten in den Vororten angeliefert, Restaurants und Besitzer von Straßenständen kaufen hier Lebensmittel und Zutaten ein.

Was wie ein Chaos erscheint, ist ein ausgeklügeltes System: Stammkunden des Nachtmarkts lassen ihre Einkäufe einfach bei den Standbesitzern stehen, um sie nicht über den Markt schleppen zu müssen. Dtong, der genau weiß, wer was wo kauft, sammelt die Tüten ein und fährt sie mit seinem Handkarren zu den Pick-up-Trucks seiner Kunden. Manche kommen gar nicht erst selbst, sondern bestellen telefonisch bei den Ständen. Dtong bringt die Waren zu den Tuk-Tuks, den Dreirädern, die mit knatterndem Motor vor dem Markt warten und die Kunden beliefern. Für eine Fuhre erhält Dtong je nach Entfernung zwischen 10 und 30 Baht (zwischen 22 und 65 Eurocent), mal sind es 50 Meter, mal mehrere hundert.

Autor

Nick Nostitz

ist Fotograf und Journalist.

Dtong verdient weitere 200 Baht (4,20 Euro) die Nacht, weil er einen behinderten Standbesitzer beim Auf- und Abbau seines Ladens unterstützt. Wenn er nicht gerade eine Fuhre hat, dann hilft er auch beim Verkauf. Von Mitternacht bis um zehn Uhr morgens ist Dtong auf dem Markt, eilt hin und her, macht im Vorbeilaufen Witze mit Stammkunden und Marktleuten. Jeden Tag. Wenn Dtong krank ist, fährt er zwar keine Waren aus, hilft aber dem behinderten Standbesitzer.

Auf dem Markt hat Dtong auch Bua kennengelernt. Sie verkaufte dort Kaffee. Vor sechs Jahren haben die beiden geheiratet. Zu dieser Zeit lief es in Thailand wirtschaftlich gut, von der Asienkrise 1997 war nichts mehr zu spüren. Gemeinsam erfüllten sich Dtong und Bua mit Fleiß und harter Arbeit den Traum vom Wohlstand. Dtong verdiente in jeder Nacht fast 20 Euro und auch Bua hatte ein Einkommen. In einer kleinen Vorortsiedlung kauften sie ein kleines Haus auf Raten, dort, wo es noch günstige Häuser gibt. Auch einen Pick-up schafften sie sich an. Nachts gibt es keine Staus, deshalb dauerte die Fahrt aus dem Vorort zum Markt nur eine halbe Stunde. Im täglichen Berufsverkehr braucht man mindestens doppelt so lang, mit öffentlichen Verkehrmitteln können es bis zu zwei Stunden Fahrtzeit sein.

Doch seit dem Militärputsch von 2006 geht es auch mit der Wirtschaft bergab. Auf dem Markt blieben die Kunden weg, und Dtong und Bua konnten die Raten für Haus und Auto nicht mehr bezahlen. Noch haben sie ihr Haus, aber ohne Auto kommen sie nachts nicht mehr zum Markt. Und für ein Motorradtaxi zur nächsten Bushaltestelle fehlte einfach das Geld. Also verkauften Dtong und Bua ihre zwei Klimaanlagen, ihre Sofagarnitur, den Computer und den Fernseher. Sie sperrten das Haus ab und zogen in eine Slumgemeinschaft in Gehentfernung vom Markt. Wer arm ist im Moloch Bangkok, muss in der Nähe des Arbeitsplatzes wohnen.

Als Dtongs Sohn Bodae zur Welt kam, konnte Bua dann nicht mehr auf dem Markt arbeiten. Sie trug nur noch wenig zum Familieneinkommen bei, für etwa zwei Euro am Tag zerteilte sie getrocknetes Schweinefleisch im Slum, das dann auf verschiedenen Märkten der Gegend verkauft wird. Schließlich reichte es nicht mehr für die Familie mit inzwischen zwei Kindern. Bua musste zu ihren Eltern zurückkehren in die Provinz Buriram in der Nähe der kambodschanischen Grenze. Dtong bleibt in Bangkok, und Bua besucht ihn einmal im Monat. Sie fährt dann mit dem Zug dritter Klasse. Die Fahrt in den langsamen Zügen ist kostenlos, dafür halten sie an jedem Bahnhof. Vier bis fünf Stunden ist Bua pro Strecke unterwegs.

Dtong schämt sich für seinen Abstieg. Früher fuhr er mehrmals im Jahr in seinem Pick-up in sein Heimatdorf, jetzt nicht mehr. Der Gesichtsverlust schmerzt zu sehr. Sein Leben bewegt sich nur noch zwischen dem Markt und seinem Zimmer im zweiten Stock eines Holzhauses, das über eine steile Holztreppe zu erreichen ist. Meist geht er die zehn Minuten zum Markt zu Fuß, manchmal nimmt er für zehn Baht ein Motorradtaxi.

Wenn Dtong in seinem spartanisch eingerichteten Zimmer auf seiner Matratze liegt, denkt er oft an früher. Als er noch seinen Pick-up hatte, mit Bua ans Meer fahren konnte und das Leben noch nicht auf den Markt und den Slum beschränkt war. Und er denkt an  Buas nächsten Besuch. „Ich kann es kaum glauben, dass wir so abgestürzt sind“, sagt er. „Es war so schwer, uns das alles zu erarbeiten. Und dann war es so schnell wieder weg.“ Er fragt sich, ob er es je wieder zu etwas Wohlstand bringen kann und wie er es schaffen könnte, wieder mit seiner Familie zusammen zu sein. In der Stadt ist es mit zwei Kindern zu teuer, auf dem Dorf gibt es nicht genug Arbeit. Zurzeit geht es nur ums Überleben, von Tag zu Tag.

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2010: Mobilität - Die täglichen Wege

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