Frauen in Friedenstruppen
Frauen in Friedenstruppen

Der weibliche Faktor

Mehr Frauen würden den Friedensmissionen gut tun. Aber ihre Beteiligung ist noch immer verschwindend gering.

Vor 15 Jahren hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Resolution 1325 „Frauen, Frieden und Sicherheit“ verabschiedet. Sie markiert einen Wendepunkt im Gender-Mainstreaming bei UN-Friedenseinsätzen. Denn damit wurde anerkannt, dass vor allem Frauen und Kinder unter gewalttätigen Auseinandersetzungen leiden und dass Frauen wesentlich dazu beitragen können, Konflikte zu verhüten oder beizulegen. Der UN-Generalsekretär wurde aufgefordert, die Rolle von Frauen in den Missionen der Vereinten Nationen zu stärken – als Militärbeobachterinnen, Zivilpolizistinnen, in der Menschenrechtsarbeit und bei der humanitären Hilfe.

Die Resolution 1325 bildet zusammen mit sechs weiteren Resolutionen die Grundlage für die Gender- und Friedensarbeit der UN-Friedensmissionen und der dafür zuständigen Abteilung (Department of Peacekeeping Operations, DPKO). Der Sicherheitsrat empfahl den UN-Mitgliedsstaaten zudem, nationale Aktionspläne zu verabschieden. Mit deren Hilfe sollen sich die Verteidigungs- und Sicherheitskräfte auf die Aufgabe einstellen, Frauen in die Polizei und das Militär aufzunehmen und eine Geschlechterperspektive in die Friedensoperationen zu integrieren. Bisher haben 49 Länder solche Pläne verabschiedet, vor allem die europäischen und afrikanischen Staaten, in denen Friedenseinsätze stattfanden.

Was ist in den vergangenen 15 Jahren erreicht worden? Heute sind mehr Frauen an UN-Friedensmissionen beteiligt als je zuvor in der Geschichte der Organisation. Zwischen 1957 und 1989 gab es bei den Friedenstruppen nur 20 Frauen, laut Angaben des DPKO vom August sind es inzwischen 4400 beim Militär und bei der Polizei. 1993 stellten Frauen nur ein Prozent des uniformierten Personals, heute sind es vier Prozent. Das ist noch weit entfernt von den ehrgeizigen Vorgaben des Generalsekretärs von 2009. Bis 2014, hatte er damals gefordert, müsse der Anteil von Frauen bei den Polizeieinheiten auf 20 Prozent und beim Militär auf zehn Prozent steigen.

Der positive Unterschied

Friedensmissionen profitieren von ihren weiblichen Mitgliedern. Laut einer Studie des DPKO, die auf Fallstudien in Bosnien, Kambodscha, El Salvador, Namibia und Südafrika basiert, macht die Präsenz von Frauen einen „positiven Unterschied“. Sie sorge dafür, dass einheimische Frauen besser unterstützt werden und dass sich die männlichen Mitglieder der Friedenstruppe „reflektierter und verantwortungsbewusster“ verhalten. Frauen erweiterten das Repertoire an Fähigkeiten und Umgangsstilen, häufig würden Konfrontationen und Konflikte so reduziert.   

Andere Experten weisen ebenfalls darauf hin, dass einheimische Frauen eher Kontakt mit weiblichen Friedenskräften aufnehmen, die als aufgeschlossener für ihre Bedürfnisse und Probleme gelten. Sie werden ihnen eher über sexuelle und körperliche Gewalt berichten als den männlichen Blauhelmen, vor allem wenn es sich bei den Tätern um Männer handelte. Außerdem sind weibliche Mitglieder von Friedenstruppen im Vorteil, wenn bestimmte Formen des Kontakts zwischen Männern und Frauen aus kulturellen Gründen verboten oder eingeschränkt sind. Das gilt für Leibesvisitationen an Frauen oder Hausdurchsuchungen in ihrer Anwesenheit.

Hier entschärfen Polizistinnen oder Soldatinnen der UN nicht nur Spannungen, sondern sorgen auch dafür, dass seltener Waffen und Sprengstoff geschmuggelt werden. In der sudanesischen Region Darfur gewährleistete ihre Anwesenheit, dass die einheimischen Frauen sich sicher fühlten und keine Angst davor hatten, zur Polizei zu gehen.

Ausschließlich aus Frauen bestehende Polizeieinheiten scheinen sich ebenfalls günstig auf das Mandat und die Operation einer Mission auszuwirken. Solche Einheiten gab es in Liberia, Ruanda, dem Sudan, der Demokratischen Republik Kongo, Haiti und Ost-Timor. Die erste wurde 2007 in Liberia eingesetzt – und wurde für viele Frauen und Mädchen zum Vorbild. Nach ihrem Einsatz stieg der Anteil der Frauen in der nationalen Polizei in einem Jahr um zwei auf 15 Prozent. Allerdings werden die weiblichen UN-Einheiten häufig von männlichen Friedenskräften getrennt – ein Verstoß gegen den Geist des Gender-Mainstreaming. Sie sollten besser in ein gemischtes Umfeld integriert werden.

Weibliche Kontaktteams wecken Vertrauen

UN-Friedenstruppen sind darauf angewiesen, das Vertrauen der Einheimischen zu gewinnen, um sie zu schützen und bei der Meldung von Gewalttaten zu unterstützen. Im Kontakt mit der örtlichen Bevölkerung können Erkenntnisse über bewaffnete Gruppen oder bevorstehende Anschläge gesammelt werden. In Afghanistan erwarben „Female Engagement Teams“ (Weiblichen Kontaktteams) durch regelmäßige Gespräche das Vertrauen einheimischer Frauen, bis diese bereit waren, Informationen über Gegenden preiszugeben, in denen die Taliban Anhänger anwarben. Auf diese Weise erhielten die Teams Zugang zur konservativen, männlich-dominierten Gesellschaft.

Aus zahlreichen Gründen war es bisher schwierig, die Zahl der Frauen in Friedeneinsätzen zu erhöhen. Die Verantwortung dafür tragen die Länder, die Truppen und Polizisten stellen. Sie erklären häufig, sie hätten in ihren nationalen Streitkräften nicht genügend Frauen, um mehr weibliches Personal in Friedensmissionen einzusetzen. Das ist aber nicht immer der Fall. Ein weiterer oft vorgebrachter Grund ist, dass die Länder je nach Anforderungen der UN ganze Einheiten bereitstellen; die Zahl der weiblichen Blauhelme hängt dann davon ab, wie viele Frauen in diesen rekrutierten Einheiten sind.

Andere Schwierigkeiten sind rein praktischer Natur. Viele Missionen haben Gemeinschaftseinrichtungen und sind daher für den Einsatz weiblicher Kräfte nicht geeignet. Die UN-Abteilung für Friedensmissionen versucht, dieses Problem durch bessere Planung zu lösen.

Sahana Dharmapuri vom International Peace Institute ist der Meinung, dass es den Mitgliedsstaaten immer noch an Verständnis für die Resolution 1325 und die UN-Politik zur Gleichstellung der Geschlechter in Friedensmissionen fehle. Möglicherweise komme darin auch der mangelnde politische Wille zum Ausdruck, mehr Frauen in die nationalen Streitkräfte zu integrieren. Ferner seien noch immer soziale Normen und Vorurteile verbreitet, die dazu beitragen, dass Frauen und Männer im Sicherheitsbereich nicht gleichberechtigt sind, erklärt Dharmapuri.

Frauen sind nicht dort, wo sie gebraucht werden

Das DPKO versucht, diese Hindernisse mit Richtlinien für die Integration einer Geschlechterperspektive in Friedensmissionen aus dem Weg zu räumen. Mitarbeiter, die Truppen stellende Länder besuchen, sollen deutlich machen, dass schon zu Beginn einer Mission Wert auf weibliches Personal sowie gemischte Teams aus Frauen und Männern gelegt werden sollte. Das soll den richtigen Akzent für eine verstärkte Entsendung in späteren Phasen setzen.

Eine Studie der US-amerikanischen Emory-Universität über weibliche Friedenskräfte, die zwischen 2006 und 2011 eingesetzt waren, weist auf weitere Bedenken Truppen stellender Länder hin. Sie ergab, dass Frauen am häufigsten in die „sichersten“ Gebiete entsandt wurden und nicht in die, in denen sie am meisten gebraucht werden – nämlich abgelegene Gegenden, wo es kaum Hilfe für weibliche Gewaltopfer gibt. Truppen stellende Staaten wägen also möglicherweise die Risiken für Frauen ab, in gefährlichen Gegenden verletzt oder getötet zu werden – und zugleich die schädlichen politischen Folgen, die das für sie selbst haben könnte.

Eine Studie des norwegischen Institutes für internationale Beziehungen von 2014 befasst sich mit der Frage, in welchen Bereichen die weiblichen Friedenskräfte eingesetzt werden. Die meisten aus Lateinamerika und den karibischen Ländern entsandten Frauen zählten zum militärischen Personal und seien als Ärztinnen, Übersetzerinnen und Anwältinnen in der Verwaltung oder in der Gesundheitsversorgung tätig, heißt es darin.

Ein Großteil ihrer Arbeit beschränke sich auf die Kasernen, und sie hätten nur sehr wenig Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. In der Demokratischen Republik Kongo seien nur zwei Prozent der Blauhelme weiblich, heißt es weiter. Die meisten seien auf den unteren Ebenen der Hierarchie tätig, im Nachrichtenwesen, der Logistik oder in der Krankenpflege. Sie seien nur selten im Außeneinsatz; zugleich seien sie in der Mission mit einer hartnäckigen Machismo-Kultur konfrontiert.

Diese Studien legen den Schluss nahe, dass geschlechtsspezifische Diskriminierung und Vorurteile Gründe dafür sind, warum Länder, die Truppen bereitstellen, nicht mehr weibliches Personal zu Friedenmissionen entsenden. Das macht deutlich, wie schwierig es ist, die Prinzipien der Resolution 1325 auf nationaler Ebene zu berücksichtigen. Und es untermauert Dharmapuris These, dass das Bemühen der Vereinten Nationen und der Mitgliedsstaaten, den Anteil des weiblichen uniformierten Personals zu erhöhen, das ebenso wichtige Ziel, eine Geschlechterperspektive in die Arbeit der Friedensmissionen zu integrieren, in den Hintergrund gedrängt hat.

Autorin

Alexandra Ivanovic

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Politikforschung der Universität der Vereinten Nationen.
Das DPKO hat versucht, einige dieser Probleme zu lösen. Es gibt nun Genderabteilungen, Genderbeauftragte und Anlaufstellen für Genderfragen in Missionen. Programme und Mechanismen zum Gender-Mainstreaming wurden in die Arbeit von Missionen integriert und man arbeitet in diesen Bereichen mit den Ländern zusammen, die Truppen bereitstellen. UN Women hat kürzlich in Indien und Südafrika mehrere Workshops für weibliche Friedenskräfte angeboten, um sie in der Prävention und Bekämpfung sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt zu schulen.

Eine größere Zahl weiblicher Blauhelme ist kein Allheilmittel zur Lösung aller Probleme, mit denen Friedensmissionen konfrontiert sind. Die UN-Friedenstruppen arbeiten in schwierigen Umgebungen. Es wird Zeiten geben, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt, in denen eine Frau in Uniform so wie ein männlicher Soldat einfach als Autoritätsperson mit Waffe gesehen wird, oder in denen Barrieren wie Sprache, Kultur, Rasse oder Religion wichtiger sind. Doch allein die Tatsache, dass Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, sollte Grund genug dafür sein, mehr von ihnen an der Sicherung des Friedens zu beteiligen.

Aus dem Englischen von Elisabeth Steinweg-Fleckner.

erschienen in Ausgabe 11 / 2015: Blauhelme: Abmarsch ins Ungewisse

Kommentare

Sehr gut argumentierter Text.
Ich stimme dem in jeder Hinsicht zu. Insbesondere dem Argument, warum Frauen nicht in dieselben Gebiete wie männliche Kollegen entsandt werden sollten. Es kann nicht richtig sein, im Gefahrenbereich auf einmal eine Geschlechtertrennung durchzuführen, weil man Angst vor den Risiken hat. Gerade in solchen Brennpunkten sollte eine ausgeglichene Präsenz vorherrschen. Nur leider ist auch heute noch der Frauenanteil in diesen Bereichen deutlich zu gering.

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