Öffentlich-Private Partnerschaften
Öffentlich-Private Partnerschaften

Eine Chance für Kleinbauern?

Die deutsche Entwicklungspolitik will Agarunternehmen in den Kampf gegen den Hunger einbeziehen. Das soll den Firmen nützen und die Ernährungslage im Süden verbessern. Über die Chancen und Gefahren des Ansatzes streiten ein Vertreter der deutschen Agrarwirtschaft und ein Kritiker von der Entwicklungsorganisation Oxfam.

Herr Hachfeld, was stört Sie an Öffentlich-Privaten Partnerschaften (PPPs) für die Entwicklung der Landwirtschaft?

Hachfeld: Es gibt sehr unterschiedliche Arten PPPs. Manche wie die New Alliance for Food Security and Nutrition sind vor allem politisch: Politiker wollen zusammen mit Konzernen wie Bayer, Syngenta und BASF Rahmenbedingungen im Süden beeinflussen wie Saatgutgesetze, Landrechte oder das Steuerrecht. Das halten wir für den Versuch der organisierten Agrarindustrie, ihr Modell der industriellen Landwirtschaft zu verbreiten. Andere PPPs wie Agrarzentren im Ausland unter Regie des Landwirtschaftsministeriums (BMEL) sollen deutschen Unternehmen beim Markteintritt helfen. Wir sehen das kritisch, auch wenn das erklärte Ziel hier primär die Förderung der Wirtschaft ist. Das Entwicklungsministerium (BMZ) hingegen betreibt PPPs als Teil der Entwicklungshilfe. Da müssen dann auch entwicklungspolitische Grundsätze angelegt werden wie die Konzentration auf die Ärmsten und der Menschenrechtsansatz.

Herr von Busse, wollen Sie mit PPPs die Politik beeinflussen?

Von Busse: Nein. Ich war für die Arbeitsgruppe Agrarwirtschaft Mitglied der German Food Partnership (GFP), aber mit mir hat niemand über Politikbeeinflussung gesprochen. Das ist für mich Lobbyarbeit, mit der Agrarfirmen oder auch Oxfam ihre Sicht an die Politik herantragen. Aber es hat nichts zu tun mit den PPP-Projekten, an denen ich für die Firma Lemken beteiligt war. Die waren immer bezogen auf ein Produkt und eine Region oder ein Land.

Hachfeld: Kein Wunder: In politischen PPPs mischen in erster Linie die ganz großen Agrarunternehmen mit.

Warum machen Sie PPPs? Haben die geholfen, Auslandsmärkte zu erschließen?

Von Busse: Ja. Je weiter weg von Europa, desto hilfreicher sind sie für mittelständische Unternehmen, die bei Auslandsgeschäften gegenüber großen Firmen immer im Nachteil sind. Die haben mehr Geld und ein besseres internationales Netzwerk. Zudem kann man in Afrika nicht nur einzelne Maschinen anbieten. Ein Landwirt in Europa kauft von einer Firma den Traktor, von der anderen den Pflug und von der dritten das Saatgut – er weiß, wie das zusammenpasst. Wo es diese Kenntnisse nicht gibt, muss man ein Paket anbieten. Dafür brauchen mittelständische Unternehmen Partner, während große Konzerne selbst eine ganze Palette anbieten.

In Afrika ist die Ackerkrume dünner und viele Betriebe sind kleiner als hier. Hat die deutsche Agrarwirtschaft dafür überhaupt passende Lösungen?

Von Busse: Ja und nein. Die Ackerkrume ist nicht überall zu dünn für unsere Art der Bodenbearbeitung – es gibt sehr fruchtbare Böden. Aber passende Lösungen für Afrika finden sich nicht im Katalog der meisten Unternehmen, weil Kunden dort andere Erwartungen zum Beispiel an einen Traktor haben. Und unsere Flächen sind in der Tat größer. Deshalb müssen wir für Afrika auf einfachere Geräte zurückgreifen, wie es sie früher bei uns gab. Lemken hat 2012 eine Fabrik in Indien gebaut, wo wir einen Pflug aus den 1960er Jahren reaktiviert haben.

Sie verkaufen im Süden, was Sie hier früher im Angebot hatten?

Von Busse: So einfach ist es nicht. Alte Geräte müssen zusammen mit den heute üblichen verwendbar sein und man muss modernes Material einsetzen. Das alte gibt es ja nicht mehr, also muss man die Geräte anpassen.

Was ist für Oxfam problematisch an PPPs, hinter denen Projekte am Ort stehen?

Hachfeld: Wir lehnen die Zusammenarbeit mit Unternehmen nicht grundsätzlich ab. Entwicklungspolitik hat auch mit Wirtschaftsförderung zu tun. Aber wir kritisieren, dass unter dem Deckmantel der Entwicklungspolitik ein Agrarmodell gefördert wird, das für die Überwindung des Hungers keine Lösung ist. Diese Kritik richtet sich nicht in erster Linie an die beteiligten Unternehmen, sondern an die Politik, insbesondere an das BMZ.

Der Export von Agrartechnik samt Chemie und Saatgut steuert Afrikas oder Indiens Landwirtschaft in die falsche Richtung?

Hachfeld: Ja. Vier Fünftel der Nahrungsmittel in Afrika werden von kleinbäuerlichen Betrieben erzeugt. Wenn man, wie die GFP, auf eine technische Modernisierung für sogenannte Potenzialbauern setzt, die für den Markt produzieren und relativ gute Erfolgsbedingungen haben, dann geht das an rund 90 Prozent der Landwirte Afrikas vorbei. Für sie kann es schädliche Wirkungen haben, die man zumindest analysieren muss – etwa dass sie von Marktchancen weiter abgekoppelt werden und die Entwicklungspolitik gar nicht mehr versucht, sie in die landwirtschaftliche Entwicklung einzubeziehen.

Von Busse: Das ist völlig falsch. Das Wort Potenzialbauern kenne ich gar nicht, bei uns taucht das nirgends auf. Die GIZ, mit der wir kooperieren, sagt aber das gleiche wie Sie: Wir wollen mit den 90 Prozent Kleinbauern arbeiten. Allerdings werden wir mit Subsistenzlandwirtschaft, mit Produktion nur für den Eigenbedarf, den Hunger in der Welt nicht besiegen. Man muss Wege suchen, um Einkommen zu schaffen und aus der bloßen Subsistenz heraus zu kommen.

Hachfeld: Da sind wir uns einig.

Privates Geld für Agrarentwicklung

Deutsche Unternehmen in Entwicklungsvorhaben einzubinden, ist keine neue Idee: Seit 1999 nutzt das Entwicklungsministerium (BMZ) dazu Öffentlich-Private Partnerschaften (Public-Private Partnerships, PPP). Der…

Die Erträge der afrikanischen Landwirtschaft müssen gesteigert werden?

Hachfeld: In erster Linie müssen die Einkommen der Bauern steigen. Das kann über eine Ertragssteigerung passieren, aber auch zum Beispiel dadurch, dass man neue, speziell für Kleinbauern geeignete Vermarktungswege erschließt und sicherstellt, dass sie kostendeckende Preise für ihre Produkte erzielen können.

Von Busse: Auch Unternehmen müssen mehr als nur zehn Prozent der Betriebe mitnehmen, wenn sie den Markt entwickeln und verdienen wollen. Dafür bilden wir Landwirte vor Ort aus.

Hachfeld: Das ist genau die Auffassung hinter den Projekten der GFP und vieler anderer PPPs: Man entwickelt in Deutschland am grünen Tisch ein Projekt. Wir haben bei der GFP mehrmals nachgefragt und uns deren Dokumente angeschaut. In der Entwicklungsphase ist nie eine einzige afrikanische Bauernorganisation beteiligt worden.

Von Busse: Das stimmt nicht. Bei dem Kartoffelprojekt in Kenia, an dem wir beteiligt waren, war das anders. BMZ und GIZ machen alle Projekte in Verbindung mit lokalen Stellen.

Hachfeld: Mit lokalen Regierungsstellen.

Von Busse: Nein. Mit Bauernverbänden oder -gruppen, wo es die gibt, oder auch mit Vermarktern. Wer das nicht tut, scheitert. Und Unternehmen bringen Geld mit, das Ertrag bringen soll und das bei einem Scheitern verloren ist.

Hachfeld: An der Umsetzung werden lokale Partner beteiligt – sie werden etwa gefragt, was die Inhalte von Trainings sein sollen. Aber bei der Entscheidung, ob man ein Reisprojekt in Südostasien oder ein Kartoffelprojekt in Kenia machen soll, haben die Betroffenen keine Rolle gespielt und auch nicht bei der Festlegung der Ziele. Da haben GIZ-Kräfte am Ort mitgewirkt, aber nicht die Zielgruppe. Doch entwicklungspolitische Vorhaben gegen den Hunger – auch wenn es PPPs sind – müssen die Hungernden und am meisten Gefährdeten ins Zentrum stellen und an der Planung beteiligen. Das findet bei PPPs nicht statt, weil das Interesse der Auftragnehmer, der beteiligten Unternehmen, im Vordergrund steht.

Von Busse: Wieso denn Auftragnehmer? Ein Auftragnehmer wird bezahlt, aber Unternehmen bringen für PPPs eigenes Geld mit. Sie haben insofern Recht, als die Projektpapiere nicht mit lokalen Stellen zusammen verfasst werden. Aber von denen stammen die Informationen. Im Übrigen: Bei PPPs sind nicht die Firmen die treibende Kraft. Das BMZ beziehungsweise die GIZ „fahren den Bus“, wir dürfen mitfahren. Wenn uns die Richtung nicht passt, können wir aussteigen.

Können auch Projekte den Hunger bekämpfen, die nicht direkt die Ärmsten erreichen – zum Beispiel wenn sie die ländliche Wirtschaft stärken und Erwerbsmöglichkeiten schaffen?

Hachfeld: Nicht jede Maßnahme muss die am stärksten Gefährdeten als Zielgruppe haben – das stimmt schon. Aber man muss zumindest messen, welche Auswirkungen ein Projekt auf sie hat und ob es ihnen vielleicht sogar schadet. In den Risiko-Analysen der GFP-Projekte steht davon nichts.

Haben Sie Anhaltspunkte für Schäden?

Hachfeld: Ja. Im Rahmen des Reisprojektes in Asien gab es Schulungen zum Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln, in denen auch für Produkte der beteiligten Unternehmen geworben wurde. Das stärkt die Abhängigkeit der Landwirte von der Agrarindustrie.

Von Busse: Ihr Menschenbild ist da nicht ganz richtig. Landwirte, auch Subsistenzlandwirte, sind nicht so unbedarft, dass sie gleich süchtig werden. Man kann sie weder bevormunden noch muss man sie vor Bevormundung schützen. Ihnen fehlen nur manche Kenntnisse, wie sie mehr ernten können. Sie müssen zum Beispiel wissen, wie man ein Gerät auf dem Acker effektiv einsetzt. Von welcher Firma das Gerät ist, das ist egal.

Hachfeld: Wissen eignen sich afrikanische Landwirte auch ohne die deutsche Agrarindustrie an. Ein Gerät macht vielleicht nicht abhängig, aber wie sieht es mit Hochertrags-Saatgut aus, das man nicht nachzüchten kann und das bestimmte Pestizide oder Düngemittel erfordert?

Von Busse: Wenn ein Entwicklungsprojekt Bauern von so etwas abhängig macht, dann ist es nicht richtig gemacht. Im Leitfaden der GFP ist übrigens vorgegeben, dass genverändertes Saatgut nicht in Projekten verwendet werden darf.

Hachfeld: Von Gentechnik sprechen wir nicht.

Von Busse: Wo sehen Sie denn die Suchtgefahren für Landwirte?

Hachfeld: Bei Schulungen zu Bodenfruchtbarkeit zum Beispiel. Erst soll gemessen werden, wie viele Nährstoffe im Boden sind und welche fehlen; das ist sinnvoll. Aber dann geht es nur darum, wie man dem Boden Nährstoffe chemisch zuführt. In Teilen dieser Trainingseinheiten fehlen agrarökologische Ansätze – zum Beispiel wie man die Bodenfruchtbarkeit mit Fruchtfolgen und Mischungen verschiedener Früchte fördert.

Von Busse: In Teilen! Aber alle wissen, dass es schädlich ist, wenn man die Fruchtfolgen vernachlässigt und den Boden unfruchtbar macht.

Ist es problematisch, dass in großen PPPs Konzerne wie Syngenta die Agrarberatung übernehmen?

Hachfeld: Ja. Der Staat hat die Agrarberatung Jahrzehnte vernachlässigt, auch unter dem Einfluss der großen Geber wie der Weltbank. Jetzt wird sie wiederentdeckt. Aber das ist eine staatliche Verantwortung, damit Beratung neutral und von Vermarktung getrennt ist.

Von Busse: Das ist in Deutschland auch nicht klar getrennt. Auch hier machen private Firmen Agrarberatung. Anscheinend trauen wir den deutschen Landwirten mehr zu als den afrikanischen.

Hachfeld: Agrarberatung sollte sich an den Bedürfnissen aller Landwirte orientieren, nicht nur an denen, die am weitesten fortgeschritten sind. Ob das passiert, wenn Syngenta oder Monsanto das übernehmen, bezweifle ich sehr. Aber noch wichtiger: Warum schaut man bei PPPs immer zuerst auf die deutsche Agrarwirtschaft statt auf lokale Unternehmen? Mit denen zu kooperieren, finden wir sinnvoll.

Von Busse: Da haben Sie Recht. Allerdings fehlt Lokalen oft ein Teil der Technologie, und die müssen wir mitbringen. Für BMZ und GIZ gilt, lokale Partner vorrangig einzusetzen.

Herr Hachfeld, kann denn die deutsche Agrarwirtschaft überhaupt zur Agrarentwicklung etwa in Afrika beitragen?

Hachfeld: Die deutsche Agrarwirtschaft erschließt sich Märkte in Afrika, und viele Investitionen können da auch zur Wirtschaftsentwicklung beitragen. Wenn Entwicklungshilfe im Spiel ist, müssen aber strengere Kriterien gelten, die der menschenrechtsbasierten Entwicklungsförderung. Auch hierzu kann die Agrarwirtschaft beitragen. Aber die Entwicklungspolitik sollte sich dann nicht Partner suchen, die ein industrielles und auf chemischen Inputs beruhendes Agrarmodell vorantreiben, sondern vorbildliche Firmen mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell.

Wer wäre das?

Hachfeld: Man findet sie wahrscheinlich eher unter Mittelständlern oder unter lokalen Unternehmen.

Von Busse: Sie sagen einerseits, Entwicklungspolitik müsse Einkommen schaffen, das auf Märkten entsteht. Auf der anderen Seite wollen Sie nicht, dass die Entwicklungspolitik deutschen Unternehmen hilft, Märkte zu öffnen. Doch das ist im Interesse beider Seiten. Wir bringen für Projekte Geld mit und bekommen dafür Geschäftschancen. Geld verdienen wir in Afrika aber nur, wenn auch unsere Kunden mit unseren Produkten Geld verdienen. Das ist dann Entwicklung im besten Sinn, oder?

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.

erschienen in Ausgabe 12 / 2015: Agrarindustrie: Vitamine aus der Tüte

Neuen Kommentar schreiben