Landwirtschaft in Tansania

In Lipokela betreibt der Konzern Olam eine Kaffeeplantage. ­Viele Dorfbewohner haben ihm ihr Land verkauft. Die meisten von ihnen hat das ärmer gemacht.

Landwirtschaft in Tansania

Aus Bauern werden Lohnarbeiter

Tansania will mit dem groß angelegten Projekt „Wachstumskorridor“ die Landwirtschaft modernisieren und den Hunger bekämpfen. Doch der Plan droht das Gegenteil zu bewirken.

Früher besaß Geoffrey Lupindu 24 Hektar Land und erntete 150 Säcke Mais pro Jahr. Das war genug für seine Familie. Dann, 2011, kam ein Investor in die Region: Olam, ein Agrarkonzern aus Singapur, bot auch den Bewohnern des Dorfs Lipokela an, ihr Land zu kaufen, um eine Plantage für Arabica-Kaffeepflanzen zu errichten. Viele stimmten zu; auch Lupindu verkaufte einen Großteil seines Grund und Bodens. Heute bewirtschaftet er noch gut zwei Hektar, die er sich mit seinem Vater teilt. Was an Lebensmitteln fehlt, kauft er von Nachbarn ein, oder er improvisiert, bekommt etwas von seinem Vater oder seinen Nachbarn.

Der 35-Jährige steht im Schatten hinter dem Gemeindezentrum und erzählt, wie sich sein Leben in Lipokela verändert hat, seit Olam hier seine Plantage betreibt. Das Dorf liegt im südlichen Hochland von Tansania – einer Region mit vulkanischen, sehr fruchtbaren Böden, in der viel Regen fällt und die Bauern gute Ernten einbringen.

Man könnte hier genug Nahrung produzieren, um den Hunger in Tansania der Vergangenheit angehören zu lassen. Zumindest ist das der ehrgeizige Plan von Regierung, privaten Investoren und ausländischen Geldgebern von Entwicklungshilfe. Kern ihres Projekts ist die Errichtung eines Wachstumskorridors: Auf einer Fläche von der Größe Italiens, die sich von der Hafen- und Wirtschaftsmetropole Daressalam im Osten und über das Hochland bis in den Westen zieht, sollen Plantagen mit industrieller Landwirtschaft errichtet werden. Sie sollen die Produktion steigern, Armut und Hunger beseitigen, Arbeitsplätze schaffen und Nahrungsmittelexporte ermöglichen. Erzeugt werden sollen Getreide, Früchte, Tabak, Tee und Kaffee, auch Forstwirtschaft und Viehhaltung sind vorgesehen. Verkauft werden sollen die Produkte in Tansania, den Nachbarländern und auf dem Weltmarkt. In den ersten Jahren sollen vor allem der Anbau von Reis und Zuckerrohr sowie die Viehzucht gefördert werden.

Geoffrey ­Lupindo.Benjamin Dürr
Je nachdem wie der Plan umgesetzt wird, könnte er aber das Gegenteil der ursprünglichen Intention bewirken. Denn gerade Menschen wie Geoffrey Lupindu, die einmal Selbstversorger waren, könnten in Hunger und Armut zurückrutschen. Etwa 80 Prozent der Bevölkerung in Tansania leben von der Subsistenzwirtschaft – das heißt von Feldern und Gärten, die sie vorwiegend für den Eigenbedarf bestellen. Laut Welternährungsprogramm (WFP) hat sich die Ernährungssicherheit in Tansania in den vergangenen Jahren verbessert, Unterernährung ist aber weiterhin ein ernstes Problem. So ist über ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren aufgrund von Fehlernährung in ihrer Entwicklung gehemmt.

Die Modernisierung soll den Übergang bringen vom Subsistenzanbau zur industriellen Bewirtschaftung auf großen Flächen und vom generationenalten Saatgut der Kleinbauern zu kommerziell gezüchteten Pflanzen. Geht der Plan auf, könnte Tansania zum Vorbild für andere Entwicklungsländer werden.

Vier Jahre nach dem Start des Projekts 2011 zeichnen sich erste Erfolge ab: Neue Straßen entstehen, alte werden erweitert und ausgebessert. So führt jetzt eine asphaltierte Fernstraße durch Geoffrey Lupindus Dorf Lipokela, und der Flughafen von Daressalam bekommt ein drittes Terminal. Menschen wie Lupindu profitieren allerdings kaum. Die 400 US-Dollar, die er für sein Land bekam, waren schnell verbraucht. Einige Dorfbewohner haben von dem Geld, das sie für ihre Äcker bekommen haben, neues Land erworben, erzählt Lupindu, aber das ist meist weniger fruchtbar. Andere arbeiten jetzt auf der Kaffee-Plantage. Dort beackern sie ihre früheren Böden – als Tagelöhner, meist ohne gesichertes Einkommen und oft unter dem Niveau des Mindestlohns, wie die Hilfsorganisation Misereor in einer im Juli veröffentlichten Studie über Auswirkungen des Wachstumskorridors feststellt. „Weil die Lohnarbeit schlecht bezahlt ist und den Familien jetzt das Land fehlt, um selbst etwas anzubauen, rutschen sie in die Armut“, erklärt Sabine Dorlöchter-Sulser, Expertin für ländliche Entwicklung bei Misereor.

Dadurch, dass weniger Menschen in der eigenen Landwirtschaft arbeiten, nehmen Produktionsmenge und Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln im Dorf ab, die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel steigen. Das Einkommen der Familien aber erhöht sich kaum. So könnte der „Wachstumskorridor“ letztlich dazu führen, dass ausgerechnet Kleinbauern zu wenig zu essen haben.

Darüber hinaus versperren die neu errichteten Großplantagen Wasserquellen, die früher für alle frei zugänglich waren. An anderen Stellen hindern Zäune die Bevölkerung daran, ihrer Vorfahren auf deren Land zu gedenken. Schulwege für die Kinder werden länger, Flächen zum Sammeln von Feuerholz kleiner. Dadurch können Streitigkeiten zwischen den Familien entstehen.

Auch die Gesellschaft verändert sich durch die Industrialisierung der Landwirtschaft und die Beschäftigung auf den Plantagen: Aus Subsistenzbauern werden Lohnarbeiter. Die würden normalerweise einen Beruf ergreifen und bei einer Firma arbeiten. Doch in den abgelegenen Gebieten des Hochlands ist die Landwirtschaft weit und breit der einzige Arbeitgeber.

Das Gefühl der Entmachtung ist weit verbreitet

Die Misereor-Studie schildert ein weit verbreitetes Gefühl von Entmachtung und psychischem Unwohlsein. Für die Menschen ist Land die Lebensgrundlage. Grund und Boden werden nicht nur mit dem Anbau von Nahrungsmitteln verbunden, sondern auch mit einem Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, heißt es in der Studie. Manche Befragte gaben an, lieber unabhängig als Bauern zu arbeiten als im Lohndienst, selbst wenn sie damit deutlich weniger verdienten.

Mit dem Auto sind es etwa zehn Minuten vom Dorf Lipokela zur Einfahrt der Plantage von Olam. Ein Weg führt rechts ab von der Straße durch ein Tor, entlang an Reihen sauber gesetzter Pflanzen. 2000 Hektar groß ist die Plantage von Arabica-Kaffeepflanzen in allen Größen. Olam-Vertreterin Nikki Barber empfängt Besucher vor einem Gebäudekomplex inmitten der Plantage. Seit der Misereor-Studie 2014 habe sich hier einiges getan, sagt sie und deutet den Hügel hinunter – es gibt jetzt feste Toiletten. Außerdem hat Olam einen Lastwagen angeschafft, auf dessen Ladefläche 64 Menschen Platz haben. Damit werden die Arbeiter morgens in den Dörfern abgeholt, um ihre weiten Wege zur Plantage zu verkürzen.

„Wir haben immer guten Willen gezeigt“, sagt Barber, gibt aber zu, dass manche in Lipokela enttäuscht worden seien. Der Bau von Toiletten habe zu lange gedauert; außerdem habe man die Menschen in den ersten Jahren nicht genug einbezogen. „Wir haben erkannt, dass wir der Bevölkerung mehr Informationen hätten geben müssen.“ Nicht nur für den Erfolg der einzelnen Plantage, sondern auch für das gesamte Projekt des Wachstumskorridors ist die Unterstützung der lokalen Bevölkerung aber entscheidend.

In Muwimbi hat ein ausländischer Investor sein Land mit Stacheldraht eingezäunt. Die Grundschullehrerin Estalia Ngubi beklagt, dass dies den Schulweg der Kinder deutlich verlängert. Ein versprochener Durchgang fehlt bis heute. Maurice Ressel/Misereor
Das gilt auch für die Holzplantage, die ebenfalls im Gebiet des Wachstumskorridors in der Nähe des Dorfes Magome liegt, nahe der Stadt Iringa im Zentrum des Landes. Deshalb hat sich Meredith Bates einen Kummerkasten für die Dorfbewohner ausgedacht. Hier, wo niemand einen Briefkasten am Haus hat – im südlichen Hochland von Tansania gibt es weder Straßennamen noch Hausnummern, geschweige denn Postboten –, ist am Gemeindehaus von Magome eine Box aus Holz angebracht. „Sanduku la maoni“ steht darauf, „Ihre Vorschläge“. Bisher wird er kaum genutzt, gibt Bates zu. Trotzdem schauen ihre Mitarbeiter regelmäßig nach.

Verhindern, dass Investitionen in Flammen aufgehen

Meredith Bates nennt sich „Chief Impact Officer“ und ist eine Art Ombudsfrau beim Investor New Forests Company. Sie managt die Außenwirkung des Unternehmens, die Pressearbeit und vor allem den Kontakt zur lokalen Bevölkerung. Die Firma New Forests Company hat ihren Sitz auf Mauritius, die Firmenzentrale ist in Johannesburg, und sie besitzt Holzplantagen in Uganda, Tansania und Ruanda. In der Nähe von Magome baut das Unternehmen seit 2010 auf gut 6000 Hektar Kiefern und Eukalyptus an. „Diese Region gehört wegen des Bodens und des Klimas zu den Besten der Welt, um Forstwirtschaft zu betreiben“, erklärt Bates.

Das Unternehmen verfolgt den Ansatz, die umliegenden Gemeinschaften einzubeziehen. Durchaus auch aus Eigeninteresse: Kiefern brauchen 18 Jahre, bevor sie Geld bringen, Eukalyptus 14 Jahre. „Wir müssen langfristig denken“, sagt Bates. Ein enttäuschter Bauer, der nachts einen Brand legt, würde reichen, und die Investition von Jahren ginge in Flammen auf. „Andere Unternehmen geben einen Haufen Geld aus für Versicherungen, Rechtsschutz und Streitigkeiten“, sagt Bates. „Bei einem großen Infrastrukturprojekt können lokale Gemeinschaften entweder ein großer Gewinn oder eine große Belastung sein.“ Investitionen in die Communities sorgten für Unterstützung, seien aber auch eine Strategie der Risikominimierung.

„Wir gehen sicher, dass jedes einzelne Stück Land freiwillig verkauft wird“, erklärt Bates. Einer Landübernahme gingen oft jahrelange Verhandlungen voraus mit allen Beteiligten – dem Ältestenrat, den Ortsvorstehern und den Dorfbewohnern. Das helfe, die Gemeinschaften an Bord zu holen, reiche aber nicht aus. Deshalb beschäftigt die New Forests Company Sozialarbeiter und lokale Kontaktpersonen, die in den Gemeinschaften leben und mit den Menschen im Gespräch sind. Die Briefkästen sind Teil dieses Ansatzes. Dass sie kaum genutzt werden, liegt wohl vor allem daran, dass die Tansanier ein Anliegen lieber mündlich erläutern, statt es aufzuschreiben und auf Antwort zu warten.

Partnerschaft für den Wachstumskorridor

Meredith Bates sieht die New Forests Company auf der Seite der Guten. Konzerne könnten sich durch Drohungen, Korruption und Rechtsstreits relativ leicht Land aneignen, und wenn sie es haben, ende der Kontakt mit der Bevölkerung. Aber nicht jeder Investor sei eine Heuschrecke. Für Unternehmen wie die New Forest Company bedeute Nachhaltigkeit auch, etwas für die Nachbarschaft zu tun. Meist gehe es um Gesundheit, Bildung und Infrastruktur. So hat die New Forests Company nahe Magome bereits ein Wohnhaus für einen Arzt bauen lassen und Klassenzimmer für Schulen. Investoren sollen zwar nicht die Arbeit des Staates übernehmen. „Wir wollen aber zeigen, dass unser Gewinn auch der Gewinn der Anwohner ist“, sagt Bates.

Partner für das Großprojekt – beim Agrarkongress in Daressalam 2014 begrüßt Staatspräsident Jakaya Kikwete (links) den Geschäftsführer von Sagcot, Geoffrey Kirenga. michuzi-matukio.blogspot.com
Um Ausbeutung und Landraub zu verhindern, haben die tansanische Regierung und mehrere Investoren Sagcot gegründet: Southern Agricultural Growth Corridor of Tanzania, eine öffentlich-private Partnerschaft für den Wachstumskorridor im Süden des Landes. Auch die G7-Staaten, darunter Deutschland, unterstützen die Initiative als Teil ihrer Neuen Allianz für Ernährungssicherung. Der Hauptsitz von Sagcot liegt im Erdgeschoss eines Bürogebäudes am Rande von Daressalam. Sagcot wird als Investoren-Lobby häufig für Landraub und Ausbeutung verantwortlich gemacht. Dabei wolle die Organisation genau das Gegenteil bewirken, sagt ihr Geschäftsführer Geoffrey Kirenga: Regeln durchsetzen, Beteiligte zusammenbringen, Wohlstand schaffen.

Kirenga verteidigt das Konzept des Wachstumskorridors: „Der Ansatz in der Landwirtschaft, der seit fünfzig Jahren angewendet wird, hat nicht zu dem gewünschten Wandel geführt.“ Viele Bauern lebten in Armut. Jetzt sei es an der Zeit, etwas Neues zu versuchen. Sagcot biete den Landwirten die Möglichkeit, durch die Zusammenarbeit mit Firmen neue Anbaumethoden zu erlernen, Zugang zu Märkten zu bekommen, zu verbessertem Saatgut und zu Düngemitteln. „Dafür braucht es ein System, damit die Angebote die Landwirte erreichen.“

Autor

Benjamin Dürr

ist Analyst und Journalist und beschäftigt sich mit globalen Fragen.
Sagcot arbeitet nicht nur mit Agrarunternehmen und Lebensmittelproduzenten, sondern auch mit Lieferanten von Dünge- oder Pflanzenschutzmitteln. 2011 waren etwa zwanzig Unternehmen und öffentliche Stellen Partner von Sagcot, derzeit sind es etwa achtzig. Sie müssen sich auf drei Standards verpflichten, erklärt Kirenga. „Die Investitionen in die Landwirtschaft müssen der Ernährungssicherung dienen, sie müssen die Menschen einbeziehen, und sie müssen nachhaltig sein.“ Deshalb sind die Investoren verpflichtet, mit den Erträgen zuerst lokale Märkte zu bedienen. Nur Überschüsse dürfen exportiert werden. Wer gegen diese Standards verstoße, könne von Sagcot ausgeschlossen werden, sagt Kirenga.

Kirenga versucht, immer mehr Unternehmen ins Boot zu holen. Je mehr Partner es gebe, desto besser könne man Problemen wie Landraub, Entmachtung und Zwang, wie sie Misereor benennt, entgegentreten. „Alles, was wir brauchen, ist Zeit“, sagt Kirenga.

Das Projekt des Wachstumskorridors ist auf Jahrzehnte angelegt. Die meisten Verträge, die die Konzerne mit den Dörfern und Bauern geschlossen haben, gelten für 99 Jahre. Eine Voraussetzung für den Erfolg des Plans ist, dass Behörden und staatliche Initiativen wie Sagcot kritisch prüfen, welche Investment-Projekte zur Entwicklung des Landes beitragen. Durch Aufsicht kann auch verhindert werden, dass die Modernisierung der Landwirtschaft auf dem Rücken der Landbevölkerung ausgetragen wird. Kleinbauern – besonders wenn sie ihr Land als Lebensgrundlage nicht mehr besitzen – brauchen Unterstützung, sodass sie auch weiterhin Zugang zu Nahrung haben. Zudem sollten Gemeinschaften in die Entwicklung ihrer Region einbezogen, umfassend informiert und bei Entscheidungen angehört werden. Dann könnte die Sagcot-Region tatsächlich ein Korridor des Wachstums werden.

erschienen in Ausgabe 12 / 2015: Agrarindustrie: Vitamine aus der Tüte

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