Der orientierungslose Riese

Weltbank
Für die Weltbank sind unruhige Zeiten ange­brochen. Und ihr schwacher Präsident macht ihre Lage nur schlimmer.

Derzeit sieht die Weltbank sich in einer neuen Lage, die ihre Vorrangstellung in der Entwicklungspolitik stärker denn je infrage stellt. Neue Entwicklungsbanken wie die New Development Bank (NDB) und die Asiatische Infrastruktur-Investmentbank (AIIB) gefährden ihren Einfluss. Trotzdem hält die Weltbank an veralteten Entwicklungsmodellen fest, vergibt Kredite um jeden Preis und nutzt ihre potenziellen Wettbewerbsvorteile nicht. Sie vernachlässigt ihre Forschung, verwässert ihre Umwelt- und Sozialstandards und investiert zu wenig in Personal, um ihren guten Ruf zu erhalten.

Die Kritik in der Weltbank am derzeitigen Präsidenten Jim Yong Kim reißt nicht ab. Sie entzündet sich vor allem an der Frage, inwieweit es ihm gelungen ist, die Bank als führende Institution einer nachhaltigen Entwicklungspolitik zu etablieren.

Viel ist die Rede vom potenziellen Konkurrenten der Weltbank, der neugegründeten und von China geführten AIIB (siehe Seite 29). Ihr jetzt schon beachtliches Kreditvergabevolumen wird sich aller Voraussicht nach noch erhöhen. Die Weltbank bemüht sich nun eifrig, die Effizienz und die Attraktivität ihrer Darlehen zu steigern, etwa indem sie in der derzeit laufenden Reform der sogenannten Safeguards ihre Umwelt- und Sozialstandards senkt (siehe Seite 23). Schon fragen Fachleute, ob billigere und schnellere Darlehen von anderen Kreditgebern die Weltbank überflüssig machen könnten. Aber ein Blick in die Geschichte der Weltbank zeigt, dass sie gegenüber anderen Kreditgebern eher zur Kooperation als zum Wettbewerb neigt.

Die Strategien haben sich verändert

Ursprünglich wurde die Bank gegründet, um die Kapitalnot nach dem Zweiten Weltkrieg zu lindern und Wiederaufbau-Projekte zu finanzieren. Ihr Hauptzweck war es, Marktversagen auszugleichen und Kredite für Projekte zur Verfügung zu stellen, in die private Geldgeber nicht investieren wollten. Seither hat sich ihr Fokus auf die Bekämpfung der weltweiten Armut verlagert. Die Strategien haben sich im Lauf der Jahrzehnte verändert: Während Weltbankpräsident Robert McNamara in den 1970er Jahren vor allem die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen suchte, verfolgte die Bank in den 1980er und 1990er Jahren die Politik des „Washington Consensus“; ihr Kern waren Strukturanpassungsmaßnahmen wie Sanierung des Staatshaushalts und Exportförderung. Derzeit stehen nachhaltige Entwicklungsmodelle im Mittelpunkt.

Die Weltbank befindet sich in einer völlig anderen Lage als die neugegründeten Entwicklungsbanken. Ihre Aufgabe ist es nicht mehr, dort einzuspringen, wo der Markt versagt, und Lücken im globalen Kapitalbedarf zu füllen, wie es nun die AIIB tut. Heute lautet ihr Auftrag, die Armut in der Welt zu bekämpfen. Ihre Bedeutung beruht auf ihrer über Jahrzehnte aufgebauten Erfahrung, ihrem Wissensschatz und ihrem politischen Einfluss.

Als multilaterale Einrichtung kann die Weltbank im Idealfall durch bessere Koordination und langfristige Perspektiven manche Ineffizienz in der dezentralen Hilfe einzelner Geberländer ausgleichen. Ihr Wert für die Staatengemeinschaft besteht in ihrer glaubwürdigen Position in politischen Diskussionen und in ihrem großen Einfluss auf die Geberländer. Die Bedeutung der Weltbank geht weit über die Kreditvergabe hinaus, denn sie setzt Standards für die bilaterale, regionale und private Entwicklungshilfe. Das hat sie in der Vergangenheit mit der von ihr angestoßenen Liberalisierung und Deregulierung in den 1990er Jahren bewiesen, mit ihrem Engagement für weltweite Grundbildung seit Anfang 2000 und mit neuen Programmen für an Bedingungen geknüpfte Sozialhilfe für arme Familien (Conditional Cash Transfers).

Der gute Ruf ist dahin

Wie kann die Weltbank ihren Stellenwert erhalten? Am besten, indem sie sich auf ihre Stärken besinnt. Aber inzwischen droht sie sogar ihren guten Ruf als „Wissensbank“ zu verlieren, die erstklassige und einflussreiche Informationen produziert. Die neueren Studien der Weltbank sind von sehr gemischter Qualität, sie beschäftigen sich oft mit der Institution selbst oder haben wenig Einfluss. Berichte werden langwierigen Prüfungsverfahren unterzogen, sie sind oft schon bei Erscheinen veraltet, und die Ausarbeitung politischer Konzepte kommt zu kurz.

Bei alldem hat die Weltbank auch noch Führungsprobleme. Der Vorwurf, sie diene den Interessen und politischen Zielen ihrer Hauptanteilseigner, allen voran der USA, begleitet sie schon lange. Tatsächlich aber hat Washington in den vergangenen Jahren seine dominante Rolle weniger stark ausgespielt als früher. Seit etwa zehn Jahren ist der globale Süden stärker an der Führung der Bank beteiligt.

Das könnte man als gutes Zeichen für die weltweite Demokratisierung nehmen. Allerdings sind Entscheidungsträger aus dem Süden nicht notwendigerweise gute Vertreter ihrer Völker. Im Gegenteil, die Exekutivdirektoren der Weltbank aus den Kreditnehmerländern lassen es zu Hause allzu oft an Verantwortung und Transparenz fehlen. Anstatt jenen eine Stimme zu geben, denen die Weltbank verpflichtet ist, untergraben Regierungsvertreter aus Entwicklungsländern oft die Mission der Weltbank, den Armen der Welt zu helfen, etwa indem sie sich für schwächere Sozial- und Umweltstandards einsetzen.

Der jetzige Weltbankpräsident Jim Yong Kim hat das Institut in noch unruhigeres Fahrwasser gelenkt. Er hat eine kostspielige Umstrukturierung eingeleitet, die viele Turbulenzen zur Folge hatte. Und er hat die bisher auf Regionen und einzelne Länder ausgerichtete Arbeit auf global einheitliche Ziele und Themenfelder wie Landwirtschaft, Bildung und Gesundheit umgestellt, die sogenannten „Global Practices“. Das soll die Zusammenarbeit innerhalb der Bank verbessern, hatte bislang aber vor allem das Ausscheiden führender Manager zur Folge. Insgesamt ist Jim Yong Kims Amtszeit durch erhebliche Personalveränderungen belastet; sein Plan, das Budget der Weltbank um 400 Millionen US-Dollar zu kürzen, hat zur Streichung Hunderter Stellen geführt.

Hinzu kommt, dass die Weltbank inzwischen verstärkt auf kurzfristig hinzugezogene Berater setzt und sich weniger auf das Fachwissen ihrer eigenen Mitarbeiter verlässt, das ihrem Ruf als erstklassige Entwicklungsinstitution zugrunde liegt. Laut Paul Cadario, einem Ex-Weltbankmanager, bringt dies die Kreditnehmer bereits zum Nachdenken: „Sie sagen sich, Geld können wir auch woanders bekommen. Von der Weltbank erwarten wir Know-how und echte Erfahrung, nicht bloß ein paar von außen eingeflogene Berater.“

Die Personalprobleme haben das Vertrauen der Angestellten in ihre Bank und deren Leistungsfähigkeit gestört. Laut einer der Öffentlichkeit zugespielten Mitarbeiterumfrage aus dem vergangenen Jahr ist die Belegschaft der Weltbank so unzufrieden wie noch nie. Viele Mitarbeiter bezweifeln, dass Kims Budgetkürzungen und die Umstrukturierung die enormen Kosten gerechtfertigt haben. „Es sieht so aus, dass sich wenig daran geändert hat, wie die Leute ihre Arbeit tatsächlich erledigen“, sagt Cadario. Große Sorge bereitet dem Personal auch die Kultur der Einschüchterung und Vergeltung, die in der Amtszeit von Kim um sich gegriffen hat. Kritiker von innen und Whistleblower werden zur Zielscheibe interner Untersuchungen, die als „Hexenjagd“ empfunden werden. Ein Beispiel ist Fabrice Houdart, früher bei der Weltbank zuständig für den Nahen Osten und Nordafrika, mittlerweile bei den Vereinten Nationen tätig. Gegen ihn wurde ein internes Ermittlungsverfahren eingeleitet, weil er Dokumente weitergegeben haben soll, die die Weltbank in einem schlechten Licht erscheinen lassen.

Probleme mit weiblichem Führungspersonal

Jim Yong Kim ist auch mit dem Aufsichtsrat der Bank und den leitenden Managern zusammengerasselt und hat zahlreiche Führungskräfte entlassen. Insbesondere mit weiblichem Führungspersonal scheint Kim Probleme zu haben. Zwar haben sich die betroffenen Frauen nicht öffentlich über ihren Weggang geäußert, trotzdem haben diese Vorgänge bei Beobachtern zu Stirnrunzeln geführt. Kims Vorgänger Robert Zoellick hatte angestrebt, die Hälfte der Führungsriege mit Frauen zu besetzen, doch unter Kim besteht kaum Hoffnung, dass dieses Ziel erreicht wird.

Kritik, die sich an Sozial- und Umweltproblemen als Folge von Weltbankprojekten entzündete, hat Kim bislang weitgehend unbeschadet überstanden. Auf Studien und journalistische Recherchen, dass Opfer von erzwungenen Umsiedlungen nur unzureichend entschädigt wurden, hat er kaum reagiert. Und er hat nicht für neue Sicherheitsstandards gesorgt, die dergleichen in Zukunft verhindern können.

Autorin

Julia Radomski

ist in der Öffentlichkeitsarbeit für das Bank Information Center (BIC) in Washington, DC, tätig. Das BIC ist eine unabhängige Organisation, die die Arbeit von Entwicklungsbanken kritisch unter die Lupe nimmt.
Auch einige umweltschädliche Projekte, gegen die sogar einflussreiche Exekutivdirektoren Einwände erhoben haben, gehen auf sein Konto, darunter ein Braunkohleprojekt im Kosovo und ein Kohlekraftwerk in Indien. Dass sich Kim von solchen Kontroversen nicht beirren lässt, zeigt, dass es ihm an der Integrität mangelt, die man vom Führer einer der wichtigsten Institutionen der Welt erwarten kann.

Wie soll es mit der Weltbank weitergehen? Zunächst sollte sie einen neuen Präsidenten finden, wenn Kims Amtszeit 2017 endet. Eine Wiederwahl ist zwar möglich, aber eine ehrliche Analyse seiner Amtszeit kann nur zu dem Schluss führen, dass ein Neuanfang besser wäre. Schwierige Zeiten verlangen einen starken Chef – und Kim hat seine Chance vertan zu beweisen, dass er die Bank zu der globalen In-stitution umbauen kann, die ihrem überhöhten Ruf entspricht.

Mit der Wahl des nächsten Weltbankpräsidenten ist die Zeit gekommen, endlich auch einmal jemand anderem als einem US-Bürger eine Chance zu geben. Es muss der beste Kandidat allein auf der Basis seiner Verdienste ausgewählt werden. Dies würde nicht nur dem Präsidenten mehr Legitimität geben, es würde auch dem Anspruch der Weltbank gerecht, wirklich die Bank der ganzen Welt zu sein. Und vor allem sollte die Weltbank erwägen, den Posten einer Frau zu geben. Immerhin hat sie sich die Gleichberechtigung der Geschlechter weltweit auf die Fahne geschrieben. Der neue Präsident oder die neue Präsidentin sollte die Kommunikationsgabe und das politische Geschick haben, die wichtigsten Anteilseigner und starke Führungspersönlichkeiten in der Bank hinter einer gemeinsamen Vision zusammenzubringen. Am vordringlichsten aber ist, dass der neue Präsident oder die neue Präsidentin eine klare Linie für die Richtung der Bank entwickelt, die flexibel genug ist, sie an eine Welt im Wandel anzupassen.

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.
 

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erschienen in Ausgabe 4 / 2016: Entwicklungsbanken: Geld mit Nebenwirkungen
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