Agarwirtschaft

Geflügelfarm im Landkreis Celle in Niedersachsen.

Agarwirtschaft

Die Zukunft der Fleischfabriken

Ein Austausch kontroverser Positionen: Landwirte, Wissenschaftler, Vertreter von Kirchen und zivilgesellschaftlichen Gruppen kamen über die Folgen von Massentierhaltung und intensiver Landwirtschaft ins Gespräch. Ermöglicht hat das eine Dialogplattform.

Das Oldenburger Münsterland gilt als das Herz der deutschen Massentierhaltung. Die wirtschaftlich erfolgreiche, bäuerlich geprägte Region weist bundesweit die höchste Dichte an Geflügel-, Schweine- und Rinderzuchtbetrieben auf. Doch die Kritik daran wächst: Die Gülle belastet Wasser und Böden, die Arbeitsbedingungen in den Fleischfabriken sind häufig schlecht. Entwicklungspolitische Gruppen kritisieren vor allem die Weltmarktorientierung der Fleischindustrie. Ein Großteil der Futtermittel – vor allem Soja – muss aus Lateinamerika importiert werden. Dort führt der großflächige Anbau zu Umweltschäden und zur Vertreibung von Kleinbauern. Die Teile der Tiere, die in Europa nicht konsumiert werden, gehen zudem als Schlachtabfälle in den Export nach Afrika.

Gespräche über die globalen Folgen der Massentierhaltung in Niedersachsen zwischen Landwirten, Tiermästern und ihren Kritikern fanden im vergangenen November zum ersten Mal statt. Im Rahmen der Dialogplattform luden das Ökumenische Zentrum Oldenburg und der Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen Vertreter der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), des Bundes deutscher Milchviehhalter und der Kreislandvolkverbände Vechta und Cloppenburg ein, um mit ökologischen und entwicklungspolitischen Initiativen zu diskutieren.

Themen der vier Zukunftswerkstätten zwischen November 2015 und März 2016 waren die Krise der Milchbauern, die explodierenden Bodenpreise in Niedersachsen, die öffentliche Beschaffung ökologischer Lebensmittel und die Frage, wie die Landwirtschaft im Jahr 2042 aussehen kann, 50 Jahre nach dem Erdgipfel von Rio. Ziel war es, Positionen auszutauschen, einen Dialog in Gang zu setzen und gemeinsame Projektideen für die Zukunft zu entwickeln. Unterstützt wurde die Veranstaltungsreihe vom Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Verbraucherschutz und Landwirtschaft.

Auch die Bauern hätten Interesse an diesen Zukunftsthemen, sagt Ilka Wäsche, Eine Welt-Promotorin beim Ökumenischen Zentrum in Oldenburg. Bei konventionellen Landwirten wüchsen die Zweifel am wachstumsorientierten Agrarmodell. „Sie merken, dass ihre Form des Wirtschaftens in der Gesellschaft immer weniger akzeptiert ist.“

Denkbarrieren müssen fallen – auf beiden Seiten

Die zentrale Frage ist, wie die Landwirtschaft nachhaltig sein, Ressourcen schonen und gleichzeitig die weltweit steigende Nachfrage nach Lebensmitteln bedienen kann. Für den Agrarökonomen Harald von Witzke kann die Produktion nur mit mehr Innovation und einer intensiveren Nutzung landwirtschaftlicher Flächen gesteigert werden. Der Ernährungsexperte von Brot für die Welt,  Francisco Marí, entgegnete, Nahrungsmittel müssten wieder Qualitätsprodukte werden. Er plädierte für regionale Kreisläufe, die mit wenig Input auskommen und stärker am Wohlergehen von Mensch, Tier und Natur orientiert sind.

Die Produktion von Billigfleisch sei auch wirtschaftlich auf die Dauer nicht nachhaltig, erklärte Marí. Die Konkurrenz aus Schwellenländern wie Brasilien drücke die Preise weiter nach unten, und deutsche Produzenten könnten in diesem Preiskampf auf Dauer nicht mithalten. Die gegensätzlichen Positionen blieben zwar nach der Abschlussveranstaltung Ende April bestehen. Doch bestand Einigkeit, dass Veränderungen notwendig sind und Denkbarrieren fallen müssten. Es sei für alle Seiten wichtig, „andere Positionen zu hören“, resümiert Ilka Wäsche. 

Als direktes Ergebnis des Projekts soll im Oktober in Oldenburg und später auch in anderen niedersächsischen Kommunen ein Ernährungsrat entstehen. In diesen kommunalen Gremien arbeiten Landwirte und Vertreter von Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammen, um die Verbraucher wieder stärker mit den Produzenten in der Region zusammenzubringen und ein nachhaltiges Ernährungssystem voranzutreiben. Die beiden ersten deutschen Ernährungsräte wurden im Frühjahr in Köln und Berlin gegründet. In den USA und in Großbritannien sind solche Gremien bereits weiter verbreitet. Sie haben mit der Abschlusserklärung der Expo 2015 in Mailand zum Thema Städte und Ernährungssicherheit, dem Milan Urban Food Policy Pact, einen Schub erhalten.

erschienen in Ausgabe 6 / 2016: Neue Chancen für die Kurden

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