Unabhängigkeit

Am kurdischen Neujahrsfest Newroz am 21. März – hier im Osten der Türkei 2015 – drückt sich auch der Ruf nach Selbstbestimmung aus.

Unabhängigkeit

Kampf um Kurdistan

Seit Jahrzehnten streben die Kurden im Nahen Osten nach Unabhängigkeit. Welt- und Regionalmächte legen ihnen aus geo­politischem Interesse Steine in den Weg. Und ihre Bewegung ist zerstritten.

Der amerikanische Einmarsch im Irak 2003 und der Arabische Frühling seit 2011 haben Umwälzungen in der Region ausgelöst, die heute einen oder auch mehrere Kurdenstaaten möglich erscheinen lassen. Doch wie eh und je treffen die politischen Ansprüche des kurdischen Nationalismus auf drei große Hindernisse. Das erste sind die Interessen der Weltmächte USA und Russland und der Regionalmächte Türkei, Iran und Saudi-Arabien: Sie betreffen die Öl- und Gasversorgung, aber auch Sicherheitsfragen und das geostrategische Gleichgewicht.

Zweitens ist die Staatengemeinschaft  sich nicht einig über den Rechtsstatus der Kurden und die Staatsgrenzen in der Nahost-Region. Und schließlich ist die kurdisch-nationalistische Bewegung innerlich gespalten: Der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) von Abdullah Öcalan steht in der Region die Demokratische Partei Kurdistans (DPK) von Masud Barzani, dem Präsidenten der autonomen kurdischen Region im Nordirak, gegenüber.

Ein Blick in die Vergangenheit hilft zu verstehen, warum es der Kurdenbewegung bis heute nicht gelingt, das Heft vollständig in die Hand zu nehmen. Die Kurden werden in der arabischen Geschichtsschreibung seit ihrem Beginn im 9. und 10. Jahrhundert als eigene Gruppe anerkannt – trotz ihrer religiösen, gesellschaftlichen und sprachlichen Unterschiede. Mittelalterliche persische und arabische Quellen verorten die wichtigsten Kurdengruppen in einem großen Gebiet, das in Ost-West-Richtung vom Iran nach Nordmesopotamien reicht und in Nord-Süd-Richtung von Georgien bis zur iranischen Region Chuzestan am Persischen Golf. Zwar leben dort auch andere Völker – Türken, Araber, Perser, Armenier –, doch im Lauf der Jahrhunderte wird die Bezeichnung „Land der Kurden“ (ard al-akrâd) oder „Kurdistan“ auf Karten und in schriftlichen Zeugnissen üblich, etwas weniger in osmanischen Quellen.

Im 12. Jahrhundert honorierte Sandschar (1084-1157), der Sultan der damals von Zentralasien bis ans Mittelmeer herrschenden Seldschuken, die wachsende Rolle der Kurden in seinem Reich mit der Schaffung eines „Kurdistan“ genannten Verwaltungsgebiets. Dort bildeten sich Emirate mit kurdischen Dynastien an der Spitze. Sie hinterließen große Namen in der Geschichte, allen voran den von Sultan Saladin, der im 12. Jahrhundert eine Dynastie in Ägypten begründete und die europäischen Kreuzfahrer entscheidend schlug. Im Jahr 1514 schlossen die Osmanen – die Herrscher des großtürkischen Reiches – einen politisch-militärischen Pakt mit 16 kurdischen Emiraten gegen die Safawiden. Diese Unterstützung dankten die Osmanen den Kurden mit begrenzter Autonomie über ihre Siedlungsgebiete.

Trotz ihrer langen Geschichte sind die Unterschiede zwischen den kurdischen Gruppen nicht verschwunden. Bis heute sprechen sie verschiedene Sprachen aus der nordwestiranischen Sprachfamilie. Die meisten sind Muslime, aufgeteilt auf Sunniten und Schiiten. Das Jesidentum, eine speziell kurdische Religion, ist im Irak, in Syrien, in Armenien und unter den Kurden der Diaspora verbreitet. Die kurdischen Juden sind zum größten Teil in den 1950er Jahren nach Israel ausgewandert. Jenseits dieser Differenzen hat sich eine kurdische Nationalidentität entwickelt, die Grenzen der Stammeszugehörigkeit, des Glaubens und der Sprache überwindet. Sie beruht auf Gründungsmythen und der Idee eines Groß-Kurdistan. Zu einer politischen Einheit finden die verschiedenen Kurdenbewegungen jedoch nicht.

Als im Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich ein Bündnis mit Deutschland einging, machten die Staaten der Entente – Großbritannien, Frankreich, Russland plus ihre jeweiligen Verbündeten – im Nahen Osten ihre Interessen geltend. Russland sah im Krieg die beste Gelegenheit, die Kontrolle über den Bosporus und damit Zugang zum Mittelmeer zu erhalten. Großbritannien verabschiedete sich von seinem Grundsatz, die Unabhängigkeit und Integrität des Osmanischen Reichs zu erhalten. Frankreich, das als Schutzmacht der in der Levante lebenden Christen auftrat, hatte nie einen Hehl aus seinen Ansprüchen in der Region gemacht.

Nach langwierigen Verhandlungen unterzeichneten die drei Länder 1916 das Sykes-Picot-Abkommen. Es teilte die Provinzen mit hohem oder mehrheitlich kurdischem Bevölkerungsanteil folgendermaßen auf: Der Nordosten Anatoliens sollte unter russische Verwaltung gestellt werden, der Südosten unter französische, und für das irakische Kurdistan war eine gemeinsame wirtschaftliche Aufsicht von Franzosen und Briten vorgesehen (Anatolien entspricht grob dem Gebiet der heutigen Türkei).

Der Rückzug Russlands aus dem Weltkrieg nach der Oktoberrevolution 1917 und der Eintritt der Vereinigten Staaten stellten das Sykes-Picot-Abkommen allerdings infrage. Die neue, kommunistische Regierung in Moskau distanzierte sich von allen während des Kriegs getroffenen Geheimabsprachen; daraufhin überdachte Großbritannien seine Politik gegenüber dem Osmanischen Reich. Am 8. Januar 1918 verkündete zudem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson sein 14-Punkte-Programm, das er als Grundlage einer neuen Friedensordnung verstand. Punkt 12 widmete sich der Frage, was aus den unter osmanischer Herrschaft stehenden nicht türkischen Völkern werden sollte; das eröffnete die Möglichkeit, dass aus den Trümmern des Osmanischen Reichs mehrere autonome Staaten hervorgingen.

Mustafa Kemal – vorne, mit Offizieren Mitte 1923 – wollte die Türkei zu einem einheitlichen Nationalstaat machen. Das hat entscheidende Weichen für den türkisch-kurdischen Konflikt gestellt. Bettmann / Kontributor / Getty Images

Dem standen allerdings die geostrategischen Interessen Großbritanniens und Frankreichs im Nahen Osten entgegen. Die britische Regierung besetzte, den Ölkonzernen gehorchend, schon vor der Kapitulation der Osmanischen Regierung die Provinz Mossul. Und Frankreich trat gegen das Versprechen, es werde an der Turkish Petroleum Company beteiligt, den Nordirak an die Briten ab.

Ein Teil der Politiker in London schloss einen Kurdenstaat unter britischem Einfluss zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus. Auch Frankreich erwärmte sich trotz anfänglicher Vorbehalte für diese Option. Der Vertrag von Sèvres vom 16. August 1920 zwischen dem Osmanischen Reich und der Entente sah vor, im größten Teil des von den Osmanen beherrschten Kurdistan einen autonomen oder komplett unabhängigen Staat zu schaffen. Über das Schicksal der Kurden in der Provinz Mossul sollte später entschieden werden.

Doch die Alliierten wie die Kurden blieben gespalten, hauptsächlich über die Frage eines eigenen armenischen Staates in Nordost-Anatolien. Das und die militärischen Erfolge der türkischen Nationalisten im Jahr 1922 machten auch den Vertrag von Sèvres hinfällig. Er wurde neu verhandelt, und der Vertrag von Lausanne vom Juli 1923 beendete die Hoffnungen auf eigene Staaten für Kurden und Armenier.

Wichtige kurdische Organisationen

Zwei kurdische Parteien bestimmen die Politik in der Regionalregierung der Autonomen Region Kurdistan, die 1992 im Nordirak nach dem Rückzug der Truppen Saddam Husseins eingerichtet wurde:

In Syrien wurden die Kurden nicht als Minderheit mit besonderen Rechten anerkannt – weder zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, als Frankreich das Gebiet unter einem Mandat des Völkerbundes verwaltete, noch später von den verschiedenen syrischen Regimen. Nur im Irak unter britischem Mandat wurden den Kurden gewisse Minderheitenrechte zugebilligt. Der Iran versuchte die Kurden nach dem Vorbild der Türkei zu assimilieren.

Wie konnte innerhalb so kurzer Zeit die Anerkennung von Minderheiten zurücktreten zugunsten einer Politik, die den Interessen der Staaten freien Lauf ließ? Zum einen schufen weder die Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg noch der Völkerbund einen einheitlichen Rahmen für die Rechte von Minderheiten. Zum anderen empfanden die neuen Staaten Osteuropas und des Nahen Ostens Minderheitenrechte als Ungerechtigkeit, weil sie einzig für diese aus den zerfallenen Reichen hervorgehenden Staaten gelten sollten. Die neuen Eliten dort fürchteten zudem, Minderheiten könnten die gerade erst errungene staatliche Souveränität infrage stellen.

Außerdem wandten sich inzwischen auch die Großmächte, die Ende des 19. Jahrhunderts das Konzept „Minderheit“ entwickelt und nach dem Ersten Weltkrieg auf die politische Tagesordnung gesetzt hatten, wieder davon ab. Sie fürchteten, eines Tages selbst mit Forderungen von Minderheiten oder kolonisierten Völkern konfrontiert zu werden. So zeigte auch der Völkerbund kein großes Engagement mehr in dieser Frage.

Wie entstanden in diesem Kontext kurdische Bewegungen? Den ersten Kurdenclub in Istanbul gründen einige kurdische Honoratioren, kurz nachdem die Reformbewegung der Jungtürken 1908 an die Macht gekommen war. Zur selben Zeit nahmen kurdische Äußerungen in den östlichen Provinzen des Reichs zu. Nach einer Krise im Weltkrieg nahmen die Kurden in Istanbul ihre Bestrebungen mit der Gesellschaft für den Aufstieg Kurdistans (KTC) wieder auf. Sie war gespalten: Einige forderten ein unabhängiges Kurdistan; andere wollten Autonomie in einem neuen türkisch-osmanischen Staat und begründeten das mit religiösen Verbindungen zwischen Kurden und Türken, garantiert durch den Fortbestand des Kalifats (die osmanischen Herrscher trugen auch diesen Titel, der auf die Nachfolger des Propheten Mohammed zurückgeht).

US-amerikanische Soldaten bringen 1991 im Norden des Irak einen Kurden in medizinische Behandlung. Der Krieg zur Befreiung von Kuwait unter Führung der USA löste unter irakischen Kurden und Schiiten Aufstände gegen Saddam Hussein aus. Vincent Amalvy / Getty Images
Die Anhänger der kurdischen Autonomie widersetzten sich unter dem Einfluss der panislamistischen Regierungspropaganda auch der Gründung eines armenischen Staates. Vor Ort schlossen sich viele Kurdenstämme im Namen der muslimischen Brüderschaft den türkischen nationalistischen Rebellen an, die sich gegen die französisch-britisch-russischen Ansprüche stellten. Die KTC blieb während der Friedensverhandlungen uneinig und wurde weiter geschwächt, als die Befürworter einer kurdischen Unabhängigkeit sich abspalteten. Sie orientierten sich an den westlichen Mächten, weil sie sich davon am ehesten die Schaffung eines kurdischen und eines armenischen Staates versprachen.

Mit der Spaltung verlor die Nationalbewegung der Kurden Einfluss auf dem diplomatischen Parkett. Am Vorabend des Sieges der türkischen Nationalisten unter Mustafa Kemal „Atatürk“ 1923 war sie durch persönliche Rivalitäten und Dispute gelähmt, die von der politischen und militärischen Entwicklung längst überholt waren. Bis dahin hatte die kurdische Forderung nach Autonomie der Ostprovinzen hauptsächlich im Widerstreit zu den Ansprüchen der Armenier auf einen eigenen Staat gestanden. Nun aber mussten beide kurdische Lager zu ihrer Überraschung feststellen, dass ihnen der türkische Nationalismus entgegenstand. Die „Kurdenfrage“ unserer Tage stellt sich fortan vor allem in der Türkei, während die übrigen kurdischen Regionen eigenen Wegen folgten.

Der Sieg der türkischen Nationalisten markiert eine Wende in den Beziehungen der Kurden zum neuen Führer der Türken, Mustafa Kemal. Für Kemalisten ist nach der „Regelung“ der Armenier- und Griechenfrage das Kurdenproblem das größte Hindernis auf dem Weg zu einem ethnisch einheitlichen türkischen Staat. Sie verfolgten daher eine Politik der Türkifizierung. So wurde an den Schulen Kurdisch verboten und generell ab 1925 das Sprechen einer anderen als der türkischen Sprache mit einem Bußgeld belegt.

Die Unterdrückung sorgte in den Jahren 1940 bis 1950 für Ruhe in den ländlichen Regionen der Türkei. Zudem bemühten sich die Türkei und andere Staaten des Nahen Ostens, die Kurdengebiete an der Peripherie stärker ans Zentrum anzuschließen. Dazu wurden Straßen gebaut und staatliche Schuldbildung bis in die Dörfer gebracht.

Die Kurdenfrage trat Anfang der 1960er Jahre erneut zutage. Im Irak flammten Auseinandersetzungen zwischen der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) von Masud Barzani und der irakischen Regierung wieder auf, und in der Türkei begann eine politische Liberalisierung. Beides erlaubte einer neuen Generation von Militanten, sich an die Spitze der kurdischen Bewegung zu setzen – dieses Mal unter marxistischer Ideologie. Für die kurdischen Parteien müssen fortan nationale und soziale Befreiung miteinander einhergehen. Unterdrückungsmaßnahmen der türkischen Regierung verschärften die Radikalisierung. In diesem Kontext entstanden Parteien wie die Kurdische Arbeiterpartei (PKK). Zu ihren Zielen gehörte die Schaffung eines Groß-Kurdistans, das durch bewaffneten Kampf alle kurdischen Regionen des Nahen Ostens unter dem Banner einer marxistisch-leninistischen Revolution vereinen sollte.

Die Opferbilanz dieses Kampfes war hoch. Zwischen 1984 und 1999 kostete der Konflikt in der Türkei 40.000 Menschen das Leben. Tausende Kurden wurden verhaftet und gefoltert. Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren waren an der Tagesordnung. Die freie Meinungsäußerung war stark eingeschränkt und 4000 Dörfer und Siedlungen wurden von der türkischen Armee geräumt. Wie im Irak ermutigte die Regierung in der Türkei die Gründung von Hilfsmilizen – im Wesentlichen Mitglieder der Kurdenstämme, die vom Staat bewaffnet und bezahlt wurden – und ließ der radikal-islamistischen Gruppierung Hisbollah freie Hand, kurdische Führer zu eliminieren.

Trotz alledem hat es die PKK geschafft, nicht nur in der Türkei, sondern über ihre Zweige im Iran, im Irak und in Syrien zum ernst zu nehmenden Machtfaktor in der Region zu werden. Doch gerade ihre Vormachtstellung ist zur Quelle von Spannungen zwischen der PKK und der Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Irak geworden, die 2005 nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein entstanden war. Während sich deren Regierung als wirtschaftlicher Partner der Türkei unter Erdogan etabliert, führen die PKK und die türkische Regierung jetzt wieder einen Krieg gegeneinander, der an Brutalität den Auseinandersetzungen der 1990er Jahre in den türkischen Kurdengebieten in nichts nachsteht.

Der kurdischen Bewegung ist es zu verschiedenen Zeiten gelungen, die Stabilität des Irak, des Iran, Syriens und der Türkei auf die Probe zu stellen. Als Interessenvertreterin einer Minderheit muss sie sich jedoch mit zwei Gegebenheiten arrangieren: der staatlichen Ordnung und der politischen Dynamik in der Region und global, auf die sie keinen Einfluss hat. Ob die Kurdenfrage ihre Brisanz behält, wird sich daran entscheiden, inwieweit die Kurdenbewegung zur Einheit findet und welche Kräfte von außen auf das Gebiet einwirken.

Aus dem Französischen von Thomas Wollermann.

erschienen in Ausgabe 6 / 2016: Neue Chancen für die Kurden

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