Somaliland
 Oberhalb eines ausgetrockneten Flusses treten Überreste von Ermordeten zutage.

Kate Stanworth

Somaliland

Wo Knochen aus der Erde ragen

In Somaliland am unruhigen Horn von Afrika herrscht seit 25 Jahren weitgehend Frieden. Jetzt erinnern sich die Leute an die düstere Vergangenheit.

Das „Tal des Todes“ liegt in den Außenbezirken von Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland. Hier hat die somalische Regierung einst Menschen in Reihen antreten lassen, sie erschossen und verscharrt, erzählt Mahmud, ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Untersuchungskommission für Kriegsverbrechen in Somaliland. Die Grabstellen sind nicht markiert. Wo Tote liegen, erkennt man an kleinen Hügeln oder Grabungsspuren. Auch Hinweise von Augenzeugen helfen, sagt Mahmud.

Die Kommission geht davon aus, dass es in Somaliland mehr als 200 Massengräber mit den Überresten von 60.000 Menschen gibt. Einige Schätzungen nennen sogar bis zu 200.000 Tote in der Region; die traurige Wahrheit ist, dass es niemand genau weiß. Im Februar 2014 entdeckte ein peruanisches Team von Forensikern diese Massengräber, sie werfen ein Schlaglicht auf die düstere Vergangenheit von Somaliland. Franco Mora, der Leiter des Teams, sagte der Nachrichtenagentur AP: „Das ganze Land ist ein einziges großes Massengrab. Es gibt sie überall. Die Menschen dort leben mit dem Tod.“

Die Kommission hat den Auftrag, sich einen Überblick über die Massengräber zu verschaffen. Sie wurde von der Regierung Somalilands Mitte der 1990er Jahre eingerichtet und sollte dafür sorgen, dass die Toten würdig bestattet und die Verantwortlichen für die Morde vor Gericht gestellt werden.
Für die Familien, die in der Nähe dieser Gräber leben, ist das düstere Kapitel der Geschichte ihrer Heimat stets präsent. Wenn die Kommission ein neues Grab ausmacht, wird es mit einer roten Markierung versehen. „Die Leute wissen ganz genau, was das hier ist“, sagt Mahmud. Er zeigt auf einen großen Hügel, auf dem Kinder spielen, und erklärt: „Dort haben wir 2013 sechs Leichen geborgen.“

Langsam wächst Hargeisa über die Gräberfelder

Die Massengräber gehen auf die späten 1980er Jahre zurück, als Diktator Siad Barre Somalia mit eiserner Hand regierte. Seine Regierung unterdrückte besonders die Angehörigen des Issa-Clans, der größten ethnischen Gruppe in Somaliland im Nordwesten des Landes, die sich seiner Herrschaft widersetzte. Im Krieg zwischen der Regierung und der Somalischen Nationalen Bewegung wurden zwischen Ende 1984 und 1988 Zehntausende Issa vertrieben, eine unbekannte Zahl kurzerhand hingerichtet. Die meisten Morde wurden zu Beginn des Bürgerkriegs über mehrere Monate im Jahr 1988 verübt. In Somaliland endete der Krieg nach dem Sturz von Siad Barre 1991; Hargeisa erklärte im selben Jahr einseitig seine Unabhängigkeit von Somalia.

Im „Tal des Todes“ am Rand von Hargeisa schieben sich allmählich neue Häuser an die Gräber heran. Die Landschaft ist hier zum großen Teil von Savanne geprägt. Aber die Stadt dehnt sich rasch aus, immer mehr Massengräber gehen für immer verloren – es ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Mahmud erzählt von einem Fall, der sich kürzlich ereignet hat. Ein Bauherr hatte Land gekauft, um einen Wohnblock zu errichten; dass sich auf dem Gelände ein Massengrab befand, sagte man ihm nicht. Als ihn die Kommission darüber informierte, erklärte er, er werde mit dem Baubeginn warten, bis die Leichen geborgen seien. Dies, so Mahmud, sei eine „sehr unübliche“ Reaktion gewesen; die meisten Grundstückseigentümer sagten einfach, da könnten sie nichts tun, und überbauten die Gräber. „Wir ermahnen die Leute, die Gräber oder Knochen, die aus der Erde ragen, nicht anzurühren, und dass sie uns rufen sollen. Aber sie hören nicht darauf.“ Manchmal öffneten Ortsansässige die Gräber und betteten die Toten eilig um, ohne die Kommission zu informieren, da die islamische Tradition ein rasches Begräbnis verlangt. Die Kommission hat dann keine Möglichkeit mehr, die Gräber fachgerecht zu untersuchen. „Auf diese Weise verlieren wir unsere Geschichte“, sagt Mahmud.

Das Hauptquartier der Kommission im Zentrum von Hargeisa wirkt überaus schlicht, auf dem Grundstück stehen Hütten, in denen Familien leben, Ziegen laufen frei herum. Man ahnt, welche gewaltigen Aufgaben noch vor Somaliland liegen – es fehlen schlicht die Mittel, um die Massengräber professionell zu untersuchen. Mahmud zeigt ein paar Dinge, die die Kommission bislang geborgen hat – darunter blutbefleckte Kleidung, die einem unbekannten, vor langer Zeit zu Tode gekommenen Somalier gehörte.

Für die Suche nach der Wahrheit zurückgekehrt

Die Waffen schweigen nun schon lange in Somaliland. Aber die junge Nation vermochte es bislang nicht, sich ihrer grausigen Vergangenheit zuzuwenden. Immerhin hat das Land am Horn von Afrika, einer der gefährlichsten Regionen der Welt, unter schwierigen Bedingungen viel Aufbauarbeit geleistet. Somaliland besitzt heute ein beträchtliches Maß an Frieden, Stabilität und Demokratie in einer Region, in der all dies Mangelware ist.
Jetzt, da Somaliland relative Ruhe genießt, wendet sich die Aufmerksamkeit verstärkt der dunklen Vergangenheit zu. Leute wie Mahmud kehren aus der Diaspora zurück und bemühen sich, die jüngere Geschichte aufzuklären. Die Suche nach der Wahrheit bewog ihn zur Rückkehr aus Saudi-Arabien, wo er jahrzehntelang als Ingenieur gearbeitet hat. Inzwischen ist er im Ruhestand.

###bild-2-30Mahmud ist überzeugt, dass Somaliland nur Frieden finden kann, wenn es sich seiner Vergangenheit stellt. Aber für Überlebende sind die Traumata noch zu frisch. Zum Beispiel für Yusuf Mire: Als Barres Truppen 1988 einen Aufstand in der Stadt Burao niederschlugen, wurde seine Familie verschleppt und ermordet, er selbst verlor seinen linken Arm.

Nicht nur die Menschen in Hargeisa erlebten Ende der 1980er Jahre großes Leid, auch die Nomaden auf dem Land wie Ali, ein Ziegenhirte und Vater von acht Töchtern und zwei Söhnen. In einem knallorangen Obama-T-Shirt und mit einem breiten Lachen im Gesicht treibt er seine Ziegen vor sich her. Auf die Frage, ob er sich an den Krieg erinnern kann, nickt er sehr bestimmt. Ja, er war hier, in diesem Gebiet, in den Außenbezirken von Hargeisa. Ali erzählt, er sei als junger Mann zusammen mit anderen verschleppt worden; man habe ihn verdächtigt, ein Mitglied der Somalischen Nationalen Bewegung zu sein. Schließlich habe man ihn freigelassen.

„Ich kenne viele, die nie zurückgekommen sind“, sagt Ali. Einer von ihnen war sein Cousin Sharmarke. Bis heute wissen Ali und seine Familie nicht, was mit ihm geschehen ist oder wo er vielleicht begraben liegt. Ali floh schließlich wie etliche Hunderttausend andere ins benachbarte Äthiopien, wo er viele Jahre in einem Flüchtlingslager lebte, bevor er zurückkehrte und das Hirtenleben wieder aufnahm.

Ismail Abdi, Mitarbeiter einer zivilgesellschaftlichen Organisation in Hargeisa, plagen ebenfalls düstere Erinnerungen. Er lebte als Kind in einem Waisenhaus in Hargeisa. Dort, sagt Ismail, ging es ihm gut, doch das änderte sich im Mai 1988, als Gerüchte von einem Krieg die Runde machten. Vom Fenster des Waisenhauses aus beobachtete er, wie Soldaten von Barre in einem gegenüberliegenden Haus eine Familie massakrierten. Er hörte die Schüsse und die Schreie der sterbenden Kinder. Die Geschichte macht Ismail bis heute zu schaffen, er ist sichtlich bewegt, als er davon erzählt.

Das kollektive Trauma Somalilands hat dazu beigetragen, dass es dieses Land überhaupt gibt. Die Menschen erzählen häufig von den Kriegsverbrechen, die das Regime von Siad Barre begangen hat. Sie waren der Grund dafür, dass Somaliland einseitig die Unabhängigkeit von Somalia erklärte, und ihretwegen lehnt bis heute eine Mehrheit seiner Bewohner eine Wiedervereinigung ab. Aber Somaliland ist als Staat nicht anerkannt, und daher hat es die Kommission bislang nicht geschafft, einen einzigen Verantwortlichen für die Massenmorde vor Gericht zu bringen.
Dabei müsste man viele Täter gar nicht lange suchen. General Morgan, der den Beinamen „Schlächter von Hargeisa“ trägt, lebt unbehelligt in Kenia. Auf dem Höhepunkt der Massenmorde im Jahr 1988 war er einer von Barres Generälen. Viele hier sind überzeugt, dass er eine zentrale Rolle bei den Massenmorden an den Issa spielte. Auch die Kommission, die die Vergehen als Genozid wertet, sieht es so.

Täter bekannt, aber sicher im Ausland

Khadar Ahmed, der Vorsitzende der Kommission, sagt, die Menschen in Somaliland seien von Barre ins Visier genommen worden, weil „sie zu den Issa gehörten“. Zehntausende seien aus ihren Häusern geschleppt, gefoltert und ermordet worden. Viele der Mörder lebten in Kenia, Kanada oder den USA, sagt Khadar Ahmed. Aber, so klagt er bitter, Somaliland habe nicht den internationalen Rückhalt, einen Kriegsverbrecherprozess auf die Beine zu stellen, wie es ihn zu Jugoslawien oder Ruanda gegeben habe. Für die übrige Welt gehört Somaliland rechtlich immer noch zu Somalia, das den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag nicht anerkennt.

Zudem verfüge die Kommission nicht über die Mittel, um die Massengräber richtig zu untersuchen oder die Beweise zu sammeln, die für eine Strafverfolgung nötig sind, sagt Khadar Ahmed. Die Kommission hat die Vereinten Nationen wiederholt um technische Unterstützung gebeten, bislang aber keine Antwort erhalten. Derzeit muss sie das Team aus Peru, das die Gräber aushebt, selbst bezahlen, aber die Regierung von Somaliland kann nur zwei Einsätze pro Jahr finanzieren; viel zu wenig, um die mehr als 200 über das ganze Land verteilten Gräber zu öffnen.

Autor

Ismail Einashe

stammt aus Somalia und ist freier Journalist in London.
„Wir können das nicht aus eigener Kraft schaffen“, erklärt Khadar, und zu einer Reihe bislang unbeantworteter Anfragen an die Vereinten Nationen meint er: „Wir geben die Hoffnung nicht auf, wir erwarten immer noch ihre Hilfe.“ Nach wie vor ist es das große Ziel der Kommission, ein Tribunal in Somaliland zustande zu bringen.

Doch im Unterschied zu Darfur im Sudan scheinen die Vereinten Nationen kein Interesse daran zu haben, Kriegsverbrechen und Genozid in Somaliland zu untersuchen. Somalia hat zwei Jahrzehnte Krieg und Chaos hinter sich, es hat eine international anerkannte Regierung in Mogadischu, die das Land, einschließlich Somaliland, als föderalen Staat organisieren möchte. Auch dieses neue Somalia ist nicht interessiert an einem Tribunal, das die Verbrechen Siad Barres in Somaliland unter die Lupe nimmt – genauso wenig wie andere Gräueltaten, die sich in den vergangenen Jahren in Somalia ereignet haben.

Die grausame Vergangenheit von Somaliland wird möglicherweise nie richtig ans Tageslicht kommen. Die Erfahrung der späten 1980er Jahre sind der Nation ins Herz geschrieben, das kollektive nationale Trauma definiert und formt die Identität seiner Bewohner. Doch die Kinder, die im Tal des Todes Fußball spielen, wissen nicht, was hier geschehen ist. Ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung Somalilands sind jünger als 25 Jahre und wurden nach den Ereignissen von 1988 geboren. Es besteht die Gefahr, dass die Geheimnisse der Massengräber im Dunklen bleiben und dass die Verantwortlichen für die Massaker für immer ihrer gerechten Strafe entgehen.

erschienen in Ausgabe 8 / 2016: Zucker: Für viele süß, für manche bitter

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