Genozid in Namibia

Späte Bitte um Vergebung

Nachfahren der Herero erinnern an den Beginn des Genozids vor über 100 Jahren.
113 Jahre nach dem Völkermord an den Herero und Nama in Namibia hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine Schulderklärung veröffentlicht. Für Kritiker kommt diese viel zu spät und ignoriert wichtige Punkte.

Als zwischen 1904 und 1908 deutsche Kolonialtruppen die afrikanische Bevölkerung im heutigen Namibia massakrierten, schwiegen die deutschen Pfarrer. Zwar riefen sie selbst nicht ausdrücklich zum Mord an den Herero und Nama in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika auf, doch „durch die theologische Rechtfertigung von imperialem Machtanspruch und kolonialer Herrschaft haben sie den Boden für den Tod vieler tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen mit vorbereitet“, heißt es in der Ende April veröffentlichten EKD-Erklärung mit dem Titel „Vergib uns unsere Schuld“. Die EKD bittet alle Nachfahren der Opfer deutscher Kolonialherrschaft „wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung“.

Als Nachfolgeorganisation des Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der damals Pfarrer in die deutsche Kolonie zur seelsorgerlichen Betreuung der Siedler und der Schutztruppen entsandte, sei sich die EKD ihrer historischen und ethischen Verpflichtung bewusst. Gemeinsam mit den Nachfahren wolle sie das Gedenken an die Opfer wachhalten, für die Anerkennung der Massaker als Völkermord eintreten und an der Überwindung des damaligen Unrechts arbeiten. „Wir sind uns gleichzeitig der Lasten bewusst, welche die Nachkommen von Opfern und Tätern bis heute mit sich tragen. Mit ihnen möchten wir gemeinsam den schwierigen Weg der Benennung, der Heilung und der Überwindung von Traumata und Schuld gehen.“

Bei Namibia-Kennern wie Markus Braun vom Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika (Maksa) stößt die Erklärung der EKD auf Unverständnis und Kritik. So schreibe die EKD, die entsandten Pfarrer hätten sich „bis auf wenige Ausnahmen“ dem Völkermord nicht entgegengestellt. „Welche Ausnahmen sollen denn das gewesen sein?“, fragt der pensionierte Pfarrer, der von 1967 bis 1971 in Südafrika in der schwarzen lutherischen Kirche gearbeitet hat und damals von der Apartheidregierung ausgewiesen wurde. „Zwischen 1900 und 1910 waren drei deutsche Pfarrer in Windhoek tätig und von denen ist bekannt, dass sie hinter der Kolonialpolitik standen“, sagt Braun.

Keine Rede von Wiedergutmachung

Braun stört sich auch daran, dass in der Erklärung nur auf die Rolle der Pfarrer eingegangen werde, nicht aber auf die deutschen Gemeindemitglieder, die ja Siedler oder Angehörige der Schutztruppen waren. Sie gründeten später die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia (DELK), die bis heute enge partnerschaftliche Beziehungen zur EKD unterhält. „Von der DELK kam bisher kein Schuldbekenntnis, obwohl deren Mitglieder vor Ort leben“, kritisiert Braun, der sich viele Jahre in seiner Funktion als Weltmissionspfarrer der Rheinischen Kirche mit den Beziehungen der EKD zu Namibia auseinandergesetzt hat.

Auffällig ist, wie stark die Autoren der EKD-Erklärung Heilung und Versöhnung in den Vordergrund rücken, obwohl die Nachfahren der Opfer bisher noch keine Vergebung ausgesprochen haben. Offenbar sieht sich die EKD in ihrer Schulderklärung weniger auf der Täterseite als vielmehr in einer neutralen Rolle, um einen Versöhnungsprozess zu begleiten. Für Braun ist das schlecht möglich: „Dem Schuldeingeständnis kann nur Versöhnung folgen, wenn Wiedergutmachung stattgefunden hat. Und davon taucht in der Erklärung kein Wort auf.“ Besonders bedauerlich findet Braun, dass die EKD nicht einmal Druck auf die deutsche Regierung ausgeübt hat, um den Nachfahren der betroffenen Herero und Nama zu ihrem Recht zu verhelfen.

Die Frage stellt sich, warum die EKD erst jetzt mit ihrer Schulderklärung an die Öffentlichkeit gegangen ist und nicht schon früher, etwa 2004, als Namibia offiziell des Völkermords vor hundert Jahren gedachte. Dass die Kirche an der traurigen Kolonialgeschichte im westlichen Südafrika ihren Anteil hatte, ist schließlich seit langem bekannt. Die EKD sei sich sehr bewusst, dass die Erklärung überfällig war, sagt EKD-Sprecher Carsten Splitt. Man habe aber die Ergebnisse einer mehrjährigen Studie abwarten wollen, in der seit 2007 die Rolle der deutschen evangelischen Kirche im kolonialen südlichen Afrika untersucht wurde. Dass der Lutherische Weltbund im Mai dieses Jahres zu seiner Vollversammlung ausgerechnet in die namibische Hauptstadt Windhuk eingeladen habe, sei ein weiterer Ansporn gewesen.

erschienen in Ausgabe 6 / 2017: G20: Deutschland übernimmt

Kommentare

Ich freue mich sehr, dass bei allem berechtigten Lob überhaupt ein solches EKD Papier nach so und so vielen Jahren zustande gebracht zu haben und in wohlwollender Kenntnis des nicht einfachen Studienprozesses, bei Weltsichten auch Platz ist für die manchmal unbequemen Mahner z.B. der MAKSA. Ich als Antiapartheidaktivist habe diese mahnenden Worte, die ja jemand ergreifen muss, immer geschätzt und offensichtlich haben sie ja immer noch ihre Notwendigkeit in den nicht einfachen gloabalisierten Zeiten. Das ist zweifellos ein unschätzbarer verdienst dieser Stimmen á la marklus Braun. mein tiefster Dank!

Die Erklärung von EKD-Sprecher Carsten Splitt, warum die Evangelische Kirche in Deutschland erst so spät um Vergebung für die Mitverantwortung der Kirche am Völkermord im heutigen Namibia bittet, hat es in sich. Splitt sagt, man habe vor Abgabe eines Schuldbekenntnisses die Ergebnisse einer langjährigen Studie abwarten wollen, in der seit 2007 die Rolle der deutschen evangelischen Kirche untersucht wurde.
Wer, wie ich, die Entstehungsgeschichte dieser Studie kennt, die schon vor sieben Jahren zur Veröffentlichung eines umfangreichen Sammelbands geführt hat, und wer sich mit dem Inhalt dieses Sammelbands auseinandergesetzt hat, wird dieser Erklärung des EKD-Sprechers eindeutig widersprechen müssen.
In dem Sammelband wird der Völkermord nur am Rande behandelt, der Begriff "Schuld" kommt, von einer Ausnahme abgesehen, nicht vor und die in der aktuellen Schulderklärung der EKD so heftig als Hauptschuldige an den Pranger gestellten drei Pfarrer kommen in dem Sammelband alle mehr oder weniger gut weg.
Vielmehr muss man davon ausgehen, dass die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes und die jahrelangen Forderungen kirchlicher Gruppen wie des Mainzer Arbeitskreises Südliches Afrika und der Solidarischen Kirche im Rheinland, die auch Delegierten der Vollversammlung bekannt wurden, die EKD zu der Schulderklärung veranlasst haben.

Defizite der EKD-Erklärung

Die EKD-Erklärung "Vergib uns unsere Schuld" ist unter den Lesern der Allgemeinen Zeitung (AZ) in Windhoek, der Tageszeitung der kleinen deutschen Minderheit in Namibia, auf fast einhellige Ablehnung gestoßen. In ihrer Ausgabe vom 26.4. werden die Leser gefragt, "ob die DELK (die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche) dem Beispiel der EKD folgen solle oder nicht." Das Ergebnis ist erschreckend: Nur 17 (11%) der 162 Teilnehmer antworten mit Ja und 145 (89%) mit Nein.
Ausführliche Leserbriefe bestätigen dieses Ergebnis. Man wartet auf eine öffentliche Erklärung der für die DELK verantwortlichen Kirchenleitung. Doch diese hüllt sich in Schweigen.
Die DELK ist mit ca. 5000 Mitgliedern eine Partnerkirche der EKD, die von dieser immer noch finanziell und vor allem personell durch die Entsendung von Pfarrerinnen und Pfarrern unterstützt wird. Noch heute kommt ein Großteil dieser Pfarrer aus Deutschland.

Wenn man sich das Resultat der AZ-Befragung vor Augen hält, wird man sich fragen müssen, wie es zu dieser offensichtlichen Diskrepanz der Einstellungen kommt: War das Schuldbekenntnis der EKD mit der Partnerin DELK abgesprochen und sollte vor allem der Befriedigung der LWB-Vollversammlung dienen? Oder war es nicht abgesprochen und zeigt, wie weit die 'Partner' auseinander sind, obwohl ihre Vorfahren in derselben Weise als Täter an dem Völkermord von 1904-08 beteiligt waren, die der DELK - als Siedler, Schutztruppler und Kolonialbeamte, Kaufleute, Eisenbahner und Handwerker - sogar noch unmittelbarer als die des preußischen Evangelischen Oberkirchenrats, der Vorgängerinstitution der EKD?
Doch abgesprochen oder nicht, das immer wieder beschworene besondere Vertrauensverhältnis zwischen EKD und DELK ist entweder äußerst fragwürdig oder brüchig.
Unverständlich ist auch, weswegen die EKD nicht endlich ihre exklusive Partnerschaft mit der DELK beendet und so den Weg frei macht für eine umfassendere Partnerschaft, die sie in Verbindung auch mit den Nachfahren des Völkermords bringt.
Unverständlich ist es auch, weshalb die EKD noch immer den Studienprozess von 2007-11 als Grundlage ihrer Schulderklärung ausgibt.

Hans-Martin Milk hat in einer kürzlich von der Berliner Gesellschaft für Missionsgeschichte veröffentlichten Studie nachgewiesen, dass der Studienprozess im Hinblick auf die Geschichte des Völkermords erhebliche wissenschaftliche Mängel aufweist, auch indem er die damalige deutsche Gemeinde in Windhoek und die Vorgängerinstitution der EKD zu Unrecht auf Kosten der damaligen Rheinischen Mission zu entlasten versucht.

So wirft ein Beitrag von Hanns Lessing im Studienprozess-Band der Rheinischen Missionsgesellschaft vor, an der Errichtung von Konzentrationslagern der Kolonialtruppe beteiligt gewesen zu sein. Hans-Martin Milk hat demgegenüber nachgewiesen, dass von einer aktiven Rolle der RMG bei der Errichtung von Konzentrationslagern nicht die Rede sein kann. Vielmehr zeigt sich, dass in den von Rheinischen Missionaren eingerichteten "Sammellagern" viele Hereros von einheimischen "Helfern" gerettet wurden.

Milk fragt: "Wie genau ließe sich die schuldhafte Verstrickung der Siedler und ihrer christlichen Organisationen bei einer ähnlich detaillierten Untersuchung in den kirchlichen Archiven darstellen (wie das ja im Hinblick auf die Rheinischen Missionare geschehen ist)? Warum der Studienprozess diese offensichtliche Fragestellung nicht versucht hat, durch einen Forschungsauftrag zu beantworten, bleibt klärungsbedürftig."

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