Klimaflüchtlinge

Angst vor Afrika

Afrikanische Flüchtlinge vor der libyschen Küste.
Entwicklungsminister Gerd Müller warnt vor dem Zustrom von 100 Millionen Klimaflüchtlingen. Das spielt den Falschen in die Hände.

Dass Entwicklungsminister Gerd Müller einen gewissen Hang zum Pathos hat, ist nach knapp vier Jahren Amtszeit bekannt. Gegen Ende der Legislaturperiode aber scheint er noch eine Schippe draufzulegen. Inzwischen macht sich Müller nicht mehr nur Sorgen um das Schicksal der Menschheit, sondern gleich um die Zukunft des gesamten Planeten, wie er kürzlich in einer Bundestagsdebatte kundtat.

Am vergangenen Wochenende dann warnte Müller in der „Bild am Sonntag“ vor einer Fluchtbewegung ungekannten Ausmaßes aus Afrika: „Wenn wir es nicht schaffen, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, werden in Zukunft bis zu 100 Millionen Menschen Richtung Norden wandern“, gab der Entwicklungsminister zu Protokoll. 100 Millionen. Das klingt nach Völkerwanderung. Nach dem bedrohlichen Szenario aus einem Endzeitfilm, in dem Millionen Afrikaner auf der Flucht vor Überflutungen und Dürren nach Europa strömen.

Natürlich ist es möglich, dass in Zukunft angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums in Afrika mehr Menschen anderswo ihr Glück suchen. Wie viele aber ihre Heimat verlassen, hängt von vielen Faktoren ab – der Klimawandel ist nur einer davon. Wo Frieden herrscht, können Menschen besser mit Dürren umgehen, wo der Staat funktioniert, erhalten Bürger mehr Unterstützung, wenn sie sich an veränderte Umweltbedingungen anpassen müssen.

Aus der Luft gegriffen

Migrationsströme lassen sich nur schwer voraussagen, schon gar nicht über Jahrzehnte hinweg. In Studien ist von ganz unterschiedlichen Zahlen die Rede, ältere Prognosen über Klimaflüchtlinge haben sich bereits als falsch erwiesen. Die 100 Millionen sind eine aus der Luft gegriffene Befürchtung, die aus Müllers Mund aber wie eine fundierte Prognose daherkommt – und die auf die Angst vor dem Zuzug in den Norden, also nach Europa, anspielt.

Auch wenn Müller mit solchen Aussagen vor allem aufrütteln und für seine Afrikapläne werben will, bewirkt er vor allem eines: Er liefert all jenen willkommenes Futter, die schon immer vor der Unterwanderung des Abendlandes gewarnt haben und Stimmung gegen Flüchtlinge schüren. Angst aber ist auch für die Afrikapolitik kein guter Ratgeber.

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