Schreckgespenst Klimaflüchtling

Klimawandel
„Nichts wird so bleiben, wie es war!“ Was wie aus der Werbekampagne für einen Weltuntergangsfilm aus Hollywood klingt, stammt tatsächlich aus einer Studie von Greenpeace zu Klimaflüchtlingen. Allerdings ist auch bei diesem Thema wie im Katastrophenkino die Grenze zwischen Wirklichkeit und öffentlichkeitswirksamer Übertreibung fließend. Mit zweifelhaften Folgen.

Wenn es um Klimaflüchtlinge geht, wird sprachlich gerne geklotzt. So heißt es in einer Studie von „Brot für die Welt“, Klimamigration trete als Wanderungsbewegung zutage, „die ihresgleichen in der Geschichte sucht“. Und: Die vorliegenden Studien legten nahe, „dass bis Mitte des Jahrhunderts etwa 200 Millionen Menschen de facto als ,Klimaflüchtlinge‘ auf dem Planeten umherziehen“. Die Zahlen, die in der Debatte kursieren, sind in der Tat „atemberaubend“, wie es in dem Papier des evangelischen Hilfswerks heißt. Sie sind aber auch ein Beispiel dafür, wie schnell solche Angaben sich verselbstständigen, von Studie zu Studie, von Zeitungsartikel zu Zeitungsartikel weitergegeben und irgendwann für bare Münze genommen und nicht mehr hinterfragt werden.

Die am häufigsten zitierte Prognose rechnet mit rund 200 Millionen Menschen, die bis 2050 wegen Wetterextremen oder Umweltveränderungen, die mit dem Klimawandel zu tun haben, ihre Heimat verlassen müssen. Sie geht auf eine zehn Jahre alte Studie des britischen Umweltökonomen Norman Myers zurück. Fachleute für Migration haben Myers allerdings vorgeworfen, er habe einfach alle Menschen zusammengezählt, die in gefährdeten Regionen leben und als Klimaflüchtlinge in Frage kämen. Schon in den 1990er Jahren hatte der Professor vorausgesagt, 2010 werde es 50 Millionen Flüchtlinge geben, die aufgrund der Erderwärmung ihrer Heimat den Rücken kehren müssen. Diese Zahl übernahm das UN-Umweltprogramm UNEP 2005 und stellte sie auf seine Internetseite. Im vergangenen Jahr distanzierte es sich dann gegenüber einem „Spiegel“-Journalisten davon, nachdem die Prognose sich als offenkundig falsch erwiesen hatte.

Autor

Tillmann Elliesen

ist Redakteur bei "welt-sichten".


Die Spannweite der Vorhersagen reicht von 25 Millionen bis zum 40-fachen Wert von einer Milliarde Klimaflüchtlingen Mitte dieses Jahrhunderts. Die Prognosen sind also völlig beliebig. Aber das Bild, das sie hervorrufen, ist eindeutig: Hunderte Millionen Menschen, vor allem aus den armen Ländern, werden in nicht allzu ferner Zukunft auf der Flucht vor dem anschwellenden Meer, vor Stürmen und Dürren, vor unerträglicher Hitze und anderen katastrophalen Umweltveränderungen fliehen müssen und heimatlos über unseren Planeten vagabundieren – und zwar in Richtung der reichen Länder im Norden. Diese müssten deshalb „die Herausforderungen beispielloser Einwanderung als Folge eines nicht mehr zu verhindernden Klimawandels bewältigen“, heißt es in der Studie von „Brot für die Welt“. Die Umweltstiftung NatureLife-International  in Ludwigsburg wollte es genau wissen und hat vor der UN-Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen „berechnet“, wie viele Klimaflüchtlinge die größten Umweltsünder bis zum Jahr 2035 in Relation zu ihrem Beitrag zum Klimawandel aufnehmen müssten: die USA 44 Millionen, Deutschland immerhin noch sechs Millionen.

Solche fragwürdigen Rechenspiele zeigen, dass der „Klimaflüchtling“ für Umwelt- und Entwicklungsorganisationen auch ein willkommenes Mittel der Öffentlichkeitsarbeit ist. Die alarmierenden Zahlen und Szenarien sollen Aufmerksamkeit für das Problem der Erderwärmung schaffen. Die Botschaft lautet: Wenn wir weiter nichts gegen den Klimawandel tun, dann kommen die, die am stärksten darunter leiden, irgendwann zu uns.

Genau das aber wird laut Fachleuten nicht passieren – was nicht heißt, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und Migration oder Flucht gibt. Laut dem UN-Büro für Katastrophenvorsorge UNISDR steigt die Zahl von Wetter­extremen wie Stürmen und Überflutungen seit 30 Jahren stetig an. Entsprechend erhöht sich der Druck auf die Einwohner der betroffenen Länder. Auch leiden schon heute die Einwohner von Inselstaaten oder tief liegenden Küstenregionen wie in Bangladesch oder im Nildelta unter dem Anstieg des Meeresspiegels.

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Aber wie die Leute damit umgehen, ist noch wenig erforscht. Die Annahme, sie alle verließen früher oder später ihre Heimat, ist jedenfalls zu simpel. Auf die plötzliche Zerstörung eines verheerenden Wirbelsturms reagieren die Menschen anders als auf das langsame Vordringen des Meerwassers. Eine Untersuchung des Instituts für Ernährungspolitik ­(IFPRI) in Washington zu umweltbedingter Migration in Nordnigeria, Äthiopien und Bangladesch hat ergeben, dass Ernteausfälle als Folge von Dürren oder Überschwemmungen durchaus eine Rolle spielen bei der Entscheidung, den Wohnort zu wechseln – aber eben nur eine unter vielen; es müssen noch andere Faktoren hinzukommen. Außerdem: Migration oder Flucht als Reaktion auf Umweltveränderungen heißt nicht zwingend, dass Menschen dauerhaft ihrer Heimat den Rücken kehren. Viele wechseln nur zeitweise ihren Wohnort und pendeln hin und her, etwa zwischen Stadt und Land.

Fachleute – auch bei „Brot für die Welt“ – sind sich zudem darin einig, dass die meisten Klimaflüchtlinge die Tore der Festung Europa oder anderer reicher Länder nie erreichen werden – und das  auch gar nicht unbedingt wollen. Die stärkste klimabedingte Wanderung findet innerhalb von Ländern statt, etwa von den Küstenregionen in Bangladesch in die Hauptstadt Dhaka. Daran wird sich wohl auch in Zukunft nicht viel ändern. Das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR meidet deshalb den Begriff des Klimaflüchtlings. Seiner Ansicht nach führt er in die Irre; beim UNHCR spricht man lieber von „Klimamigranten“ oder von „environmentally displaced persons“ – zu Deutsch: von Umweltveränderungen vertriebene Personen.

NGO sind sich über rechtlichen Status uneinig

Anderen reicht das nicht. Die beiden Umweltforscher Frank Biermann und Ingrid Boas von der Universität Amsterdam, die sich gründlich mit dem Klimawandel und seinen Folgen befasst haben, schreiben, man dürfe Menschen, die aufgrund der Erderwärmung ihre Heimat verlassen müssen, den „moralischen Status“ des Flüchtlings nicht verwehren; das sei „respektlos, verunglimpfend und ungerecht“. Und noch vor zwei Jahren beklagten die Teilnehmer einer internationalen Konferenz beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf, der UNHCR erscheine „unwillig“ sich des Themas anzunehmen. Greenpeace fordert gar, die Genfer Flüchtlingskonvention, die bisher nur die Verfolgung aus politischen, religiösen und ähnlichen Gründen als rechtlich anerkannte Fluchtursache nennt, auf Klimaflüchtlinge auszudehnen – ein Vorschlag, von dem man beim UNHCR oder bei der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl gar nichts hält: Sie fürchten, Neuverhandlungen über die Konvention würden wohl eher zu Einschränkungen im Flüchtlingsschutz führen.

Vertreter von Hilfsorganisationen räumen  ein, dass der Begriff des Klimaflüchtlings eine Zuspitzung ist. Das sei aber gerechtfertigt, um die Öffentlichkeit wachzurütteln. Das ist gut gemeint, kann aber auch nach hinten losgehen. Bei der Europäischen Union etwa ist die These vom drohenden Ansturm auf den Kontinent längst angekommen. Allerdings sieht man in Brüssel den Klimaflüchtling weniger als jemand, der Hilfe braucht, sondern als Bedrohung, die es abzuwehren gilt – notfalls militärisch.

Früher war es bei Hilfsorganisationen gang und gäbe, mit Hilfe drastischer und mitleidheischender Bilder von hungernden oder hilflosen Menschen Aufmerksamkeit für die gute Sache zu erregen. Heute ist das verpönt, weil inzwischen klar ist, dass das den Abgebildeten gegenüber nicht fair ist und weil es bei denen, die man mit den Bildern ansprechen will, auch das Gegenteil bewirken kann: Abwehr, Angst und Abscheu. Der Klimaflüchtling könnte sich als ähnliches Schreckgespenst entpuppen.
 

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erschienen in Ausgabe 8 / 2012: Auf der Flucht
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