Sri Lanka
Tamilische Frauen fordern bei einer Demonstration im September 2016 in Jaffna, dass das Schicksal ihrer vermissten Söhne aufgeklärt wird.
Sri Lanka

"Das Herz für die Versöhnung öffnen“

Dishani Jayaweera arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Friedensaktivistin in Sri Lanka. Seit dem Machtwechsel vor zwei Jahren sei ihre Arbeit zwar weniger gefährlich, aber immer noch dringend notwendig, sagt sie. Denn die Regierung tue zu wenig, um die Vergangenheit des Bürgerkrieges aufzuarbeiten.

Sri Lanka wurde bis 2015 von Mahindra Rajapaksa mit harter Hand regiert. Wie hat sich seit dem Machtwechsel das politische Klima verändert?
Die Zivilgesellschaft ist in ihrer Arbeit freier geworden, die Regierung achtet die Rechte der Minderheiten. Unter der alten Regierung hätte ich Sie gebeten, unser Gespräch nicht aufzunehmen, weil ich danach Angst gehabt hätte, nach Hause zu fahren. Heutzutage ist es in Ordnung, wenn ich mich kritisch äußere. Die Regierung von Präsident Maithripala Sirisena hat zudem verschiedene staatliche Friedens- und Versöhnungsinstitutionen geschaffen. Sie hat  eine Kommission einberufen, die eine neue Verfassung erarbeiten und ein Büro eingerichtet, das sich mit den Vermissten des Bürgerkrieges befassen soll. Doch nun passiert nichts, das frustriert die Zivilgesellschaft. Deshalb gehen sie wieder auf die Straße und fordern die Regierung zum Handeln auf.

Das bedeutet, dass sich in der Praxis noch nicht genug verändert hat?
Ja. Einige Vertreter der Regierung sind Teil des früheren Machtapparates. Sie kämpfen dagegen an, wenn eine neue Verfassung oder Instrumente zur Vergangenheitsaufarbeitung eingeführt werden sollen. Versöhnung zwischen der singhalesischen Mehrheit und der tamilischen sowie der muslimischen Minderheit steht auf ihrer politischen Agenda nicht an oberster Stelle. Auch Korruptionsvorwürfe werden wieder laut.

Nach dem Ende des Bürgerkrieges 2009 gab es viele vertriebene Tamilen in Sri Lanka. Sie wurden in Lagern untergebracht. Wie geht es ihnen heute?
Es gibt keine Lager mehr, doch die meisten Tamilen konnten nicht zurückkehren, sondern wurden in neue Dörfer umgesiedelt. Großes Teile des Landes im Norden und Osten, wo die meisten Tamilen wohnten, sind immer noch vom Militär besetzt. Die neuen Dörfer sind einfach, das Wasser ist oft knapp, und es ist schwer, dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Krieg hat die tamilische Gemeinschaft geschwächt.

Was halten die Tamilen selbst davon?
Die Frauen aus Jaffna haben da zwiespältige Empfindungen. Einerseits können sie jetzt wieder frei atmen, die Straßen sind gut und sie haben neue Häuser. Andererseits wissen viele immer noch nicht, was mit ihren Ehemännern oder Söhnen geschehen ist. Solange sie das nicht wissen, können sie nicht nach vorne schauen.

Dishani Jayaweera hat gemeinsam mit ihrem Mann Jayantha Seneviratne 2002 das „Centre for Peacebuilding and Reconciliation” (CPBR) in Sri Lanka gegründet.Johanna Greuter
Können Sie das genauer erklären?
Vielen tamilischen Frauen ist es egal, ob die Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden. Sie wollen nur wissen, ob ihr Ehemann noch lebt. Sie müssen wissen, ob sie ihr Sindoor, den Punkt auf der Stirn, und ihr Thaali, eine goldene Halskette – beides Symbole für verheiratete Frauen –, noch tragen dürfen. Falls sie verwitwet sind und es noch tragen, begehen sie eine Sünde. Falls der Ehemann noch lebt und sie beides abgelegt haben, ebenfalls. Es ist schwer für die tamilischen Frauen. Wegen des Krieges haben viele früh geheiratet, konnten die Schule oder ihre Ausbildung nicht beenden. Viele würden gerne wieder heiraten, um ihre Kinder besser zu versorgen. Dafür brauchen sie Gewissheit.

Zwischen welchen ethnischen Gruppen herrschen heute noch die größten Spannungen?
In der Jaffna-Region herrschen Spannungen zwischen der tamilischen und der muslimischen Gemeinschaft, die historisch begründet sind. Schwierig ist auch, die buddhistischen Singhalesen aus dem Süden mit den Tamilen und Muslimen aus den nordöstlichen Provinzen zu versöhnen. Die Zivilisten aus dem Süden haben den Krieg nicht am eigenen Leib erfahren, ihnen wurde der Hass auf die anderen eingetrichtert. Sie debattieren kopflastig, für eine Versöhnung muss aber das Herz geöffnet werden, weshalb unsere Friedensorganisation auf zwischenmenschliche Begegnungen setzt.

Wie haben Sie mit Ihrer Friedens- und Versöhnungsarbeit vor 15 Jahren  angefangen?
Wir haben angefangen, indem wir 30 buddhistische Mönche zu den Themen Konflikttransformation und Buddhismus unterrichtet haben. Diese Mönche sollten als Schlüsselpersonen dienen, da Geistliche gut in ihre Gemeinschaft vordringen. Neben religiösen Führern wenden wir uns vor allem an Frauen und Jugendliche. Wir bringen Gruppen aus verschiedenen Gemeinschaften durch eine gemeinsame Tätigkeit, wie Kunst, Fotografie oder Handarbeiten, in einen religionsübergreifenden Dialog. Sie sollen ihre kulturellen Unterschiede verstehen lernen und Vertrauen zueinander aufbauen. Danach wollen wir, dass die Leute sich organisieren, damit man sie auf politischer Ebene anhört.

Hatten die Leute anfangs überhaupt Interesse an Ihren interreligiösen Workshops?
Ja. Vor fünf Jahren haben wir dann sechs interreligiöse Zentren eingerichtet, um alle zu erreichen, die teilnehmen wollten. Im Süden hatten wir die meisten Probleme. Dort haben die buddhistischen Extremisten großen Einfluss. Als sie das Wort „interreligiös“ hörten, vermuteten sie sofort einen Einfluss aus dem Westen und eine damit verbundene Unterstützung der tamilischen Rebellengruppe LTTE dahinter. Wir mussten gegen viele Vorurteile kämpfen. Einmal wollten uns Leute umbringen, wir konnten nur entkommen, weil uns buddhistische Mönche auf Motorrädern Geleitschutz bis an die Provinzgrenze gegeben haben. Das war noch zu Zeiten des Regimes von Mahindra Rajapaksa.

Wie arbeiten Sie mit Jugendlichen?
Unser erfolgreichstes Projekt „Voice of Image“ haben wir 2012 begonnen. Zehn bis 15 Jugendliche in einem Dorf lernen von einem professionellen Fotografen, mit der Kamera umzugehen, und zeigen mit den Bildern ihre Sichtweise auf die Gesellschaft. In der nächsten Runde stellen wir die Bilder aus, um Leute zusammenzubringen und zum Dialog anzuregen. Das haben wir in sieben Dörfern gemacht. Zurzeit arbeiten wir an einer Ausstellung auf nationaler Ebene, die „unser Land, unsere Leute“ heißt. Unser Traum ist, dass die jungen Leute ihre eigene Versöhnungsorganisation aufbauen.

Und wie sieht die Arbeit mit Frauen aus?
Wir bilden religiöse Führerinnen zu Konflikttrainerinnen aus, zu ihnen haben die Frauen in den Gemeinschaften einen direkten Kontakt. Außerdem bringen wir Frauen in Workshops das Konzept eines föderalen Staates näher oder gestalten gemeinsam Tagesdecken sowie Schmuck. Unsere Frauenorganisation ist gerade dabei, einen Laden in Colombo zu eröffnen.

Ist das Ziel, dass die Frauen dadurch ihren Lebensunterhalt verdienen können?
Das ist nur ein Ziel. Es geht vor allem darum, dass sie ihre innere Stärke finden. Wenn die Frauen anfangen, Dinge zu gestalten, fühlen sie sich gestärkt und finden zu sich selbst. Das ist die Basis für Konflikttransformation und Versöhnung. Dadurch verändert sich ihr Lebensstil und sie ziehen ihr Umfeld mit.

Was sind die größten Anforderungen in Ihrer Arbeit?
Zum einen immer so zu handeln, wie wir es predigen. Sich immer selbst zu reflektieren im stressigen Alltag ist anspruchsvoll. Zum anderen ist es nicht leicht, gute Leute für die Friedensarbeit zu finden. Friedensförderung ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Neben politischem Engagement und rationalem Denken braucht man Spiritualität und Mitgefühl.

Das Gespräch führte Johanna Greuter.

erschienen in Ausgabe 12 / 2017: Internet: Smarte neue Welt

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