Myanmar
Kämpfer der Kachin-Armee fahren in Laiza im Herbst 2016 an einer Gruppe Schulkinder vorbei. Die Rebellion der Kachin schwelt seit 1961.
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Die Minderheiten im Abseits

In Myanmar haben nicht nur die Rohingya unter Übergriffen des Militärs zu leiden. Viele Konflikte mit Rebellen im Osten des Landes schwelen weiter und unter den Volksgruppen dort wächst die Verbitterung.

Die Vorbereitungen hatten Wochen gedauert. Aus dem ganzen Staat kamen sie angereist und hatten dafür oft tagelange Strapazen auf sich genommen. Doch als Frauen und Männer unterschiedlichster Stämme und Sippen in Myanmars nördlichstem Teilstaat Kachin Anfang des vergangenen Jahres im feinsten traditionellen Zwirn vor den Toren des Konferenzgeländes standen, ging es nicht weiter. Keine Genehmigung, sagte die Polizei. Die Männer und Frauen mussten wieder gehen. Das Militär hinderte sie daran, sich über ihre Vorstellungen von Frieden auszutauschen.
Die Kachin waren erzürnt. Wieder einmal. Wirklich überrascht war niemand.

Der Konflikt zwischen der christlichen Volksgruppe in Myanmars Norden und der Zentralarmee ist so alt, dass heute über 60-jährige Veteranen der Rebellen erzählen, wie sie schon als Teenager für ihren Staat kämpfen wollten. Oberstleutnant Naw Li zum Beispiel war zwölf, als er in die Rebellenarmee eintreten wollte. Auf seinem rechten Unterarm prangt eine Drachentätowierung. Sein Blick ist starr. Er sitzt im Hauptquartier der Rebellen der Kachin Independence Organisation (KIO) in der größten Stadt des Teilstaates Kachin, Myitkyina. „Das Militär hasst die Kachin. Und wir hassen sie“, sagt Naw Li. „Sie sperren unsere Leute in Häuser und brennen sie nieder, sie vergewaltigen unsere Frauen und stehlen unser Vieh.“

Während die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft auf die Krise im Teilstaat Rakhine konzentriert ist, von wo seit August 2017 fast 700.000 muslimische Rohingya nach Bangladesch geflohen sind und die Vereinten Nationen (UN) einen Völkermord nicht mehr ausschließen, herrschen auch in anderen Teilen des Landes Konflikte, und das seit Jahrzehnten. In Kachin ist die Gewalt im Januar erneut eskaliert; mehrere Tausend Zivilisten sind in der Konfliktzone gefangen. Die UN dürfen wie in weiten Teilen Myanmars keine humanitäre Unterstützung leisten. Lokale Hilfsorganisationen werden manchmal vorgelassen, manchmal nicht. Am vergangenen Heiligen Abend fielen Granaten auf die Rebellenhochburg Laiza.

Kachin besitzt die größten Jadevorkommen der Welt. Es gibt Gold, Bernstein und enormes Potenzial für die Erzeugung von Energie durch Wasserkraft. Der Teilstaat, der an Indien und China grenzt, könnte reich sein. Stattdessen tobt seit Jahrzehnten ein bewaffneter Konflikt, in dessen Schatten sich das Militär, die Rebellen und die Chinesen bereichern.

Anders als im Rest von Myanmar hängen in Kachin keine Bilder der Volksheldin Aung San Suu Kyi, die im Kampf um Demokratie für ihr Land ihre Familie und ihre Freiheit geopfert hat. Stattdessen hängen hier Bilder von Jesus. Die Kachin sind enthusiastische Christen. Gott ist das Einzige, woran die Menschen hier noch glauben können.

Denn die Kämpfe in Myanmar gelten als der längste Bürgerkrieg der Welt. Nachdem die Briten das ehemalige Burma 1948 in die Unabhängigkeit entlassen hatten, gerieten viele bis dahin eigenständige Minderheiten im Vielvölkerstaat unter burmesische Herrschaft. Mit der Machtübernahme des Militärs wenige Jahre später wurde die Unterdrückung der ethnischen Minderheiten zementiert. Jahrzehnte des Konflikts haben im ganzen Land Hass und Misstrauen gesät.

Die Auseinandersetzungen zwischen der Kachin Independence Army (KIA) und dem Militär begannen 1961. Bei wiederholten Friedensverhandlungen fühlten die Rebellen sich regelmäßig nur vom Militär vorgeführt. Damit sind sie nicht alleine. Auch den nationalen Friedensprozess, der mit der Demokratisierung 2012 begann, hielten Beobachter für nicht mehr als Show.

Seit den Wahlen 2015 leitet Aung San Suu Kyi Myanmars Regierungsgeschäfte. Auch die von ihr ein Jahr nach dem Wahlsieg ins Leben gerufene Neuauflage des Friedensprozesses hat keinen besseren Ruf. Min Zin, Gründer des Institute for Strategy and Policy in Rangun, beklagt, dass die neue Regierung, anders als ihre militärgestützten Vorgänger, den Rebellen nicht einmal mehr einen echten Dialog anbietet. Neuerliche Offensiven des Militärs auf die Kachin erschweren die Verhandlungen zusätzlich. „Das Militär hat kein wirkliches Interesse an Frieden“, urteilt der Analyst.
So schwer ihr das auch fällt, aber das darf Nang Hka von der myanmarischen Shalom-Stiftung für Frieden so vor ihren Seminarteilnehmern nicht sagen. Sie steht in einem Flüchtlingslager unweit von Myitkyina vor einer weißen Leinwand, auf der sie eine Powerpoint-Präsentation abspielt. Vor ihr sitzen rund 30 Männer, Frauen und Kinder, die in den vergangenen Monaten vor Gefechten geflohen sind. Nang Hka erklärt ihnen den Friedensprozess.

Und der ist kompliziert. Unter den ethnischen Minderheiten, die in Myanmars Grenzgebieten angesiedelt sind, gibt es eine schwer zu überblickende Zahl von Rebellengruppen. Teilweise stehen sie nicht nur mit der Zentralarmee, sondern auch untereinander in Konflikt. Selbst Fachleute geraten angesichts Dutzender Abkürzungen regelmäßig ins Schlingern. Die Flüchtlinge schauen Nang Hka gebannt zu, als sie mit der Fernbedienung Pfeile und Diagramme, Abkürzungen und technische Begriffe an die Leinwand wirft.

So auch Zawng Naw. Für die 45-Jährige bedeutet Aung San Suu Kyis Friedensprozess bisher nur eines – dass sie ihr Zuhause verloren hat. Schon wieder. Die zierliche Frau mit der leisen Stimme ist eine von mehr als 100.000 Flüchtlingen in Myanmars Norden. Sie musste Anfang 2017 aus ihrem Flüchtlingslager an der Grenze zu China fliehen. Dorthin war sie 2011 geflohen, als ein Waffenstillstand zwischen dem Militär und der Kachin Independence Army nach 16 Jahren brach. Die herannahende Frontlinie zwang sie damals zur Flucht; ihr Haus brannte nieder, das Vieh lief davon. Seit 2011 musste sie dann sechs Jahre die enge Ansiedlung schäbiger Bambushütten mit rund tausend anderen Familien teilen. Ihr Leben bestand aus Warten darauf, dass die Kämpfe zwischen den Rebellen und dem Militär endeten.

Immer wieder gibt es Kämpfe im Norden Myanmars. Diesen Kachin-Rebellen hat 2016 ein Granatsplitter verwundet; ein Soldat führt ihn ins Krankenhaus.Vilhelm Stokstad / Kontinent / Laif
Dann fielen Anfang des vergangenen Jahres Bomben auf das Lager. Denn mit Suu Kyis Friedensprozess ist die Situation nicht besser geworden. Ganz im Gegenteil: Die Kämpfe haben zugenommen. „Wir bezahlen für die Demokratie mit mehr Gefechten“, sagt Dr. Tu Ja. Der 71-Jährige hat die Kachin State Democracy Party (KSDP) gegründet und vertritt den Kachin-Staat als einer von vielen Unterhändlern bei den Friedensverhandlungen. „Was soll Aung San Suu Kyi denn schon tun? Sie hat keine Kontrolle über das Militär“, erklärt Tu Ja schulterzuckend.

Spätestens seit der Konflikt um die Rohingya eskaliert ist, das Militär unter Druck steht und die Demokratisierung immer mehr außer Kontrolle gerät, ist Friede unwahrscheinlicher denn je. Bezahlen müssen vor allem die Minderheiten, sagt Gum Sha Awng von der Metta Development Foundation, einer der größten zivilgesellschaftlichen Organisationen im Land. Das Gerangel um Macht zwischen Aung San Suu Kyis ziviler Regierung und dem Militär werde vor allem in Form von Waffengewalt in den Minderheitengebieten ausgetragen. „Die Militärs haben seit der Demokratisierung vielleicht in der Hauptstadt weniger zu sagen, dafür nehmen sie sich militärisch in den Grenzgebieten dafür aber umso mehr heraus“, sagt er.

Während Myanmars Demokratisierung von der internationalen Gemeinschaft lange beklatscht wurde, wird immer deutlicher, wie sehr nach wie vor alles nach den Spielregeln der Generäle abläuft. Der Verwaltungsapparat, ein Viertel aller Parlamentssitze und die zentralen Ministerien für Inneres, Grenzangelegenheiten und Verteidigung unterstehen immer noch dem Militär. Darüber hinaus herrscht bei der zivilen Regierung große Skepsis, die Generäle könnten das Versprechen der Demokratie zurücknehmen, wenn man sie zu stark provoziert. Bereits vor ihrem Wahlsieg betonte Aung San Suu Kyi auffällig oft, wie wichtig ihr die Versöhnung mit dem Militär sei.

Tausend Kilometer südlich vom Kachin-Staat tischt eine junge Frau, die sich Sonja nennt, in einem Bergdorf ein Curry-Gericht auf. In Thandaunggyi ganz im Norden des überwiegend christlichen Karen-Teilstaates Kayin wird anders als in Kachin seit sechs Jahren nicht mehr gekämpft. Stattdessen hat die Gemeinde mit Hilfe der deutschen Hanns-Seidel-Stiftung ein Tourismusprojekt ins Leben gerufen. Nach Jahrzehnten des bewaffneten Konflikts soll der Waffenstillstand sich für die Karen-Bevölkerung endlich in einem friedlichen Leben auszahlen.

Sonja betreibt seit kurzem ein Restaurant, in dem sie Besucher verköstigt. Zwölf Pensionen gibt es in Thandaunggyi inzwischen. Bis 2013 konnte sich im Dorf keiner an ausländische Besucher erinnern. Im vergangenen Jahr kamen immerhin mindestens 500. Dabei dreht es sich in dem Projekt nicht in erster Linie um die wirtschaftliche Entwicklung des Ortes. „Es geht vor allem darum, dass das Militär und die Karen wieder Vertrauen zueinander fassen“, erklärt Pastor Saw Bo Thar. Als etwa eine Straße gebaut werden sollte, saßen einstige Feinde an einem Tisch zusammen und brachten das Projekt gemeinsam auf den Weg.

Autorin

Verena Hölzl

ist freie Journalistin und berichtet aus Myanmar unter anderem für die „tageszeitung“.
Im Zuge der Demokratisierung Myanmars hatten die Karen National Union (KNU) und das burmesische Militär 2012 ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. „Aber Friede herrscht deshalb noch lange nicht“, sagt der Pastor und lacht. Zu groß ist nach Jahrzehnten der Unterdrückung durch das Militär und die Mehrheitsbevölkerung das Misstrauen. „Es war ganz egal, wie sehr ich mich anstrengte“, erzählt Restaurantbesitzerin Sonja, die in Rangun zur Schule ging. „Wer nicht zur Mehrheitsbevölkerung gehörte, konnte einfach nicht Klassenbester sein.“ Ob es um Ausweispapiere, Infrastruktur oder Bildungschancen geht: Myanmars Minderheiten fühlen sich wie Bürger zweiter Klasse.

Und sie kennen nur zu gut, was die Rohingya dem Militär vorwerfen: Vergewaltigung, Brandstiftung, willkürliche Verhaftungen. „Wir wissen, wozu das Militär fähig ist“, sagt Sonja. Dennoch: Die einzige Minderheitenorganisation, die bisher für die Rohingya das Wort ergriffen hat, ist die Karen Women’s Association. „Wir haben jahrelang selbst erlebt, was das kriminelle Militär unseren Leuten angetan hat. Dieser Alptraum muss endlich ein Ende finden“, heißt es in einem Statement vom vergangenen September. Die meisten Angehörigen von Minderheiten sagen wie Pastor Saw Bo Thar: „Wir haben genug eigene Probleme und müssen uns erst um uns selbst kümmern.“

Im Armeemuseum in Myanmars Hauptstadt Naypyidaw, einem überdimensionierten Tempel der Selbstverherrlichung, präsentiert das Militär sich wie seit dem Putsch von 1962 weiter als Bewahrer der Einheit des Landes. Dass Soldaten sich für Menschenrechtsverletzungen zur Verantwortung ziehen lassen müssen, bleibt auch seit der Demokratisierung die Ausnahme. Rebellengruppen gelten weiter als illegale Organisationen. Mit ihnen in Kontakt zu treten, kann einen ins Gefängnis bringen.

Als einheimische Journalisten im vergangenen Sommer an einem Treffen der Ta’ang National Liberation Army (TNLA) im Shan-Staat teilnahmen, nutzte das Militär das, um sie mehrere Monate in Untersuchungshaft festzuhalten. Die Journalisten sind wieder frei, zwei Pastoren harren nach wie vor im Gefängnis aus. Sie hatten Medien bei einer Recherche zu einer von Soldaten zerstörten Kirche unterstützt.

Im Oktober 2017 traf es einen 14-jährigen Jungen. Er war nach den Ferien bei der Familie wieder auf dem Weg zurück zur Schule, als Soldaten ihn festnahmen. Angeblich haben sie auf seinem Handy Fotos von ihm in Rebellenuniform gefunden. Er wird nach wie vor festgehalten. „Der Junge ist doch erst 14 Jahre alt!“, sagt Nickey Diamond von der Menschenrechtsorganisation Fortify Rights. „Wie sollen wir so denn jemals Versöhnung finden?“

erschienen in Ausgabe 4 / 2018: Globale Politik von unten

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