Leitfaden
Menschen lassen ihren Glauben nicht einfach zurück: In einem Flüchtlinglager im Südsudan beten Schüler vor Beginn des Schultages. 
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„Nothelfer sollten den Glauben von Flüchtlingen achten“

Der Lutherische Weltbund (LWB) und Islamic Relief haben einen Leitfaden herausgebracht, der humanitären Organisationen dabei helfen soll, mit gläubigen Geflüchteten respektvoll umzugehen. Michael French, Projektleiter beim LWF, erklärt, worauf es dabei ankommt.

Sie haben zusammen mit der Organisation Islamic Relief einen Leitfaden über „Glaubenssensibilität“ veröffentlicht. Wieso war solch ein Leitfaden notwendig?
Die meisten Flüchtlinge haben irgendeine Art von Glauben oder Religion. Aber die humanitäre Arbeit beruht auf den Prinzipien der Unparteilichkeit und Neutralität. Viele Helferinnen und Helfer zögern, sich mit der Frage der Religion zu beschäftigen, denn dann kann es so aussehen, als sei man nicht mehr unparteiisch oder neutral. Doch wenn sie das Thema totschweigen, schweigen sie über etwas, das einen großen Teil der Menschen ausmacht, denen sie helfen wollen. Humanitäre Helfer hatten bislang keinen ausführlichen Leitfaden, der ihnen in dieser Situation hilft, mit geflüchteten Gläubigen umzugehen.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Eine gläubige Frau ist etwa durch eine Krise traumatisiert. Ein Teil ihrer Heilung wird mit ihrem Glauben, ihrer religiösen Identität und ihrem Gott, Allah oder spirituellen Geist verbunden sein. Hier stellt sich die Frage, ob humanitäre Helfer dieser Gläubigen zu diesem Teil ihrer Heilung etwas sagen können oder ob sie schweigen. Es ist wichtig, dass sie die Würde der Menschen, mit denen sie arbeiten, respektieren und verstehen, dass der Glaube Teil ihrer Identität ist.

Was wollen Sie mit dem Leitfaden erreichen?
Die humanitären Helfer sollen den Leitfaden in die Gesäßtasche stecken und direkt bei ihrer Arbeit vor Ort benutzen können. Uns war es wichtig, nicht nur ein Dokument zum Diskutieren zu veröffentlichen.

Michael French ist regionaler Programmkoordinator beim Lutherischen Weltbund in Genf.LWF
Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus der Arbeit an dem Leitfaden?
Man kann sensibel auf Gläubige reagieren und sich trotzdem an humanitäre Prinzipien halten. Das ist der erste Punkt. Das klingt sehr allgemein, es ist jedoch nicht ganz einfach, humanitäre Helfer davon zu überzeugen. Helfer können auf den Glauben von Flüchtlingen eingehen und das muss nicht im Widerspruch zur Neutralität und Unparteilichkeit stehen. Zweitens ist es wichtig, sich mit lokalen Glaubensgemeinschaften zu vernetzen. Diese haben häufig einen guten Draht zu gläubigen Hilfsbedürftigen. Das können Glaubensführer sein, aber es sind nicht immer die Führer in diesen Glaubensgemeinschaften, die einen in einem bestimmten Kontext am besten unterstützen. Eine religiöse Frauengruppe kann bei manchen Themen beispielsweise besser geeignet sein.

Wie findet man die richtigen Personen?
Hier ist wichtig, dass die Helfer „glaubenssensibel“ sind. Das bedeutet, dass sie den Glauben und die Religion vor Ort verstehen, um die richtigen Personen finden zu können. Es geht darum, herauszufinden, mit welchen Glaubensgemeinschaften man zusammenarbeiten kann und mit welchen man vielleicht besser nicht arbeiten sollte. Dabei sind die Kriterien der Zusammenarbeit die Prinzipien der Menschenrechte.

Betrifft die Frage der Glaubenssensibilität alle Arbeitsbereiche?
Ja. Der Leitfaden konzentriert sich zwar auf den Bereich der psychischen Gesundheit und der psychosozialen Unterstützung, aber er berührt auch alle anderen Bereiche. Es geht um Dinge wie: Welches Essen können Gläubige zu sich nehmen oder welche Art von Unterkunft benötigen sie? Der Respekt vor einem religiösen Gegenüber ist mit sehr praktischen Dingen verbunden.

Sie haben den Leitfaden vor Ort in Afrika, Asien und dem Nahen Osten getestet. Wie waren die Reaktionen und was haben Sie gelernt?
Viele Organisationen haben sich gefreut, dass es eine vernünftige Handreichung zu dem Thema gibt. Auch viele Religionsgemeinschaften waren froh, dass die Organisationen mit ihnen gesprochen haben. Viele hatten darauf schon länger gehofft. Aber natürlich mussten wir viele Sachen lernen. In einigen Fällen stellte sich etwa heraus, das unsere Organisationen vermeintlich eine repräsentative Glaubensgruppe identifiziert hatten, die waren aber gar nicht so repräsentativ. Im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia war es schwierig, eine Gruppe von nur fünf religiösen Führern auszuwählen, da es dort so viele verschiedene christliche Konfessionen gibt. Einige beschwerten sich, dass sie außen vor blieben.

Wie lange und mit wem haben Sie an dem Leitfaden gearbeitet?
Wir haben Ende 2016 begonnen und der Leitfaden hat sich über 18 Monate entwickelt. Es hat Zeit gebraucht, dafür eine glaubwürdige Koalition bedeutender Organisationen zusammenzustellen – und zwar sowohl religiöse wie nicht religiöse. Das war uns sehr wichtig. Wir haben bewusst nicht religiöse Organisationen einbezogen wie das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, das psychosoziale Zentrum in Kopenhagen vom Roten Kreuz und die amerikanische nichtstaatliche Organisation HIAS. Außerdem waren in der Koalition religiöse Gruppen vertreten wie die Kirche von Schweden, World Vision und als Projektleiter Islamic Relief und der Lutherische Weltbund.

Das Gespräch führte Johanna Greuter.

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