„Ich will mich nicht wieder ausbeuten lassen“

Aufgezeichnet von Kristin Kupfer

Der 26-jährige Wanderarbeiter Wang Chunqiao hat nach einem Streik seinen Job als Vorarbeiter in einer Elektronikfabrik in Shenzhen verloren. Eine einfache Arbeit will er eigentlich nicht wieder annehmen - er möchte etwas lernen und so viel Geld verdienen, dass er seine Frau, seinen Sohn und seine Eltern auf dem Land ernähren kann. In der Wirtschaftskrise stehen seine Chancen aber schlecht, berichtet er.

Ich bin jetzt seit sechs Jahren in Shenzhen. Wie viele Jungendliche aus einfachen Verhältnissen vom Land bin ich nach dem Abschluss der Oberschule ein halbes Jahr zu Hause geblieben und habe auf dem Feld geholfen. Aber ich wollte schnell weg. Überall habe ich gefragt, wie es mit Jobs im Süden aussieht. Ein Freund erzählte mir, in der Stadt Shenzhen liege auch für Arbeiter Gold vergraben. Viele meiner Mitschüler sind dort hingegangen. Nach dem chinesischen Neujahrsfest 2002 bin ich dann auch los. Am Abend vorher hatten meine Eltern lange auf mich eingeredet. Ich erinnere mich noch gut daran: Meine Mutter weinte. Sie sorgt sich immer noch um mich.

Die Verkehrsanbindung in meinem abgelegenen Bergdorf in der zentralchinesischen Provinz Hubei ist nicht sehr gut. Zur nächsten Bushaltestelle musste ich rund zehn Kilometer laufen. Meine Eltern wollten mich unbedingt hinbringen. Meine Mutter hat den ganzen Weg meine Reisetasche getragen. Immer wenn ich sie ihr abnehmen wollte, schüttelte sie nur energisch den Kopf. Als der Bus sich schließlich in Bewegung setzte, hielt sie meine Hand fest und lief nebenher. Mein Herz war ganz schwer. Viele im Bus haben mich blöd angeguckt, weil ich als junger Mann heulte. Ich nahm mir fest vor, in Shenzhen eine gute Arbeit zu finden, viel zu lernen und viel Geld zu verdienen, auch für meine Eltern.

Nach rund 30 Stunden ruckeliger Busfahrt kam ich an - in einer Stadt, in der man den Kopf in den Nacken legen muss, um die Gebäude zu betrachten, und in der es Autos wie Ameisen gibt. Ich nahm mir zuerst am Stadtrand einen Bettplatz in einem Gasthaus, ruhte mich einen Tag aus und begann mit der Arbeitssuche. Als ich das erste Mal auf einer Stellenbörse ankam und die vielen Anzeigen an den Wänden kleben sah, suchte ich mir in guter Stimmung einige Angebote aus. Nach dem Gehalt und eventuellen Ex-tras habe ich mir dann einen Plan zurechtgelegt, wieviel ich sparen könnte und wieviel ich wofür ausgeben wollte. Aber jedes Mal, wenn ich meinen Lebenslauf bei einer der Vermittlungsstellen abgab, wurde mein Enthusiasmus durch eine Frage gebremst: „Haben Sie Arbeitserfahrung? Alles klar, wir melden uns dann wieder bei Ihnen."

An einem Tag fuhr ich wie immer morgens mit dem Fahrrad zu einer Stellenbörse und nachmittags ohne Zusage zurück zu meinem Gasthaus. Plötzlich fing es an zu regnen. Ich fand keinen Platz zum Unterstellen und wurde klitschnass. Bei uns zu Hause hätten mir sofort viele Leute einen Schutz vor dem Regen angeboten. So aber erkältete ich mich. Weil ich mein Geld während der tagelangen erfolglosen Arbeitssuche fast aufgebraucht hatte, kaufte ich mir für 2 Yuan (umgerechnet 20 Cent) zwei Erkältungspillen. Dann lag ich einige Tage auf meinem Bettplatz. Ich habe mich so nach meinen Eltern gesehnt und hatte solches Heimweh!

Nachdem die Erkältung vorbei war, nahm ich die erstbeste Arbeit an, als einfacher Fabrikarbeiter, Monatslohn 300 Yuan (etwa 30 Euro) inklusive Schlafplatz und Mahlzeiten. Die Arbeitszeiten waren sehr lang, es war sehr anstrengend. Schnell waren neun Monate vorbei und das chinesische Neujahrsfest stand vor der Tür. Da ich immer noch kaum Geld hatte, konnte ich meiner Mutter nur mickrige 200 Yuan (umgerechnet 20 Euro) nach Hause schicken. Meine ganzen Pläne hatten sich in Luft aufgelöst.

In den folgenden zwei Jahren habe ich ständig die Arbeit gewechselt, innerhalb eines halben Jahres habe ich in neun verschiedenen Fabriken gearbeitet. Aber viel mehr konnte ich trotzdem nicht nach Hause schicken. Ich konnte mir ja kaum Kleidung oder Kosmetiksachen leisten. Ich wollte nach Hause, weg aus Shenzhen. Doch kurz vor meiner Abreise vermittelte mir ein ehemaliger Kollege eine Stelle in einer Elektrofabrik. Dort habe ich dann viereinhalb Jahre gearbeitet. Die Belegschaft arbeitete in zwei Schichten je 12 Stunden. Der Monatslohn betrug 1800 Yuan (umgerechnet 180 Euro). Ich wurde Vorarbeiter, doch in den viereinhalb Jahren wurde mein Lohn nie erhöht und ich habe nichts dazugelernt. Die Fabrikleitung brummte uns unter Vorwänden immer wieder Geldstrafen auf. Überstunden wurden nicht bezahlt. Irgendwann hatte ich die Nase voll. Im Sommer 2008 organisierte ich mit meinen Kollegen einen Streik, wir beschwerten uns bei den Arbeitsbehörden und reichten Klagen ein. Darauf hat die Firmenleitung so lange Druck auf mich ausgeübt, dass ich im Herbst 2008 schließlich gekündigt habe.

Bei der Suche nach neuer Arbeit war ich erst richtig wählerisch, der Lohn und die Sozialleistungen waren mir sehr wichtig, auch dass ich etwas lernen kann. Freunde erzählten mir, dass es in ihren Fabriken schlecht läuft, manche wurden entlassen, und auch in den Medien las und hörte ich immer mehr von der Wirtschaftskrise. Ich bin langsam nervös geworden und habe begonnen, meine Anforderungen herunterzuschrauben. Ich habe Freunde und Kollegen um Hilfe gebeten, aber deren Fabriken suchten nur einfache Arbeiter für lange Arbeitszeiten und wenig Lohn. Weil ich von irgendetwas leben musste, habe ich mich wieder auf so etwas eingelassen. Schnell hatte ich die Nase voll und habe eine Stelle nach der anderen wieder verlassen.

So bin ich schon vor dem diesjährigen Neujahrsfest Anfang Februar früher nach Hause gefahren und habe dort rund zwei Wochen verbracht. Vor den eigentlichen Feiertagen bin ich dann wieder nach Shenzhen gekommen. Meine Frau hat ihre Familie besucht und unser Sohn lebt sowieso seit seiner Geburt bei meinen Eltern. Normalerweise werden kurz vor den Feiertagen immer Leute gebraucht, da dann viele Wanderarbeiter nach Hause aufbrechen. Aber an diesem Neujahrsfest war alles anders. Viele Fabriken hatten die Produktion komplett heruntergefahren und viele Wanderarbeiter haben aus Sorge um ihren Arbeitsplatz durchgearbeitet. Deshalb hat keiner kurz vor dem Neujahrsfest neue Arbeiter gesucht. So habe ich alleine ein unruhiges Frühlingsfest verbracht.

Am dritten Neujahrstag bin ich in die Innenstadt gefahren. Viele Stellenbörsen hatten noch gar nicht geöffnet. Ich habe trotzdem die kleineren Börsen abgeklappert und in den Schaukästen und an den Toren der Fabriken nach Stellenanzeigen geschaut. Nichts. Gegen Ende der Feiern haben viele Fabriken wieder angefangen zu produzieren. Aber es gibt viel weniger freie Stellen als in den Jahren davor, um einen Platz konkurrieren rund zehn Leute. Die Löhne sind schlecht. Obwohl sich am offiziellen Lohnniveau nichts geändert hat, bekommt man bei vielen Jobs ungefähr 300 bis 500 Yuan (etwa 30 bis 50 Euro) weniger als früher. Viele einfache Arbeiter können davon so gerade leben. Manche Unternehmen zahlen erst am 25. statt am 15. des Monats, andere zunächst nur Halbmonatslöhne. Manche Firmen haben bis heute das Gehalt für letzten Dezember nicht ausbezahlt. Voriges Jahr wären sie dafür sicherlich bestraft worden, aber in der Wirtschaftskrise beschweren sich die Arbeiter nicht einmal.

Die Stellenbörsen gleichen jeden Tag einem Menschenmeer und nach zwei Wochen habe ich immer noch keine akzeptable Arbeit gefunden. Ich will einfach nicht wieder als einfacher Arbeiter enden oder mich ausbeuten lassen. Meine Mutter und Schwester reden mir zu, ich solle mir Zeit nehmen und etwas Passendes suchen. Das letzte Mal, als mich meine Mutter nach meiner Arbeitssuche fragte, sagte ich, ich hätte eine Stelle gefunden und wäre gerade dort. Da hörte ich plötzlich meinem anderthalbjährigen Sohn im Telefon krähen, mein Papa hat Arbeit, mein Papa hat Arbeit. In Wahrheit bin ich gerade wieder von einer Stellenbörse zurückgekommen.

Kristin Kupfer ist Sinologin und arbeitet als freie Journalistin, unter anderem für den epd, in Peking.

 

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