„Religionsführer können Einfluss auf Politiker nehmen“

Gespräch mit Stein Villumstad

Gemeinsame Initiativen von Vertretern mehrerer Religionen haben in Sierra Leone und Burundi den Friedensprozess vorangebracht. Gut zwanzig interreligiöse Räte setzen sich heute in Afrika für Frieden ein. Die Weltkonferenz Religionen für den Frieden unterstützt sie dabei, erklärt ihr stellvertretender Generalsekretär.

Die Weltkonferenz Religionen für den Frieden (Religions for Peace, RfP) wurde 1970 von interreligiösen Initiativen gegründet - wegen der von Atomwaffen ausgehenden Gefahren. Heute sind eher Bürgerkriege das Hauptproblem. Wie kann RfP dort vermitteln und Frieden fördern?

Atomwaffen sind noch immer im Blickpunkt unser weltweiten Arbeit. Aber das Ende des Kalten Krieges hat in der Tat die Welt verändert und damit auch die Aufgaben für Religionsgruppen und -führer. Konflikte und Kriege innerhalb von Staaten sind in den Vordergrund gerückt - nicht zuletzt in Afrika, seit die Großmächte den Kontinent verlassen haben. Deshalb gibt RfP nun Afrika mehr Aufmerksamkeit. Von Anfang an gab es in manchen Ländern nationale Gruppen von RfP, zum Beispiel in Deutschland, aber sie standen nicht unbedingt mit offiziellen Institutionen der Glau­bensgemeinschaften in Ver­bin­dung. Wir haben nun die Gründung interreligiöser Räte auf nationaler Ebene und unter der Leitung der Oberhäupter der verschiedenen Glaubensgemeinschaften angeregt. In Sierra Leone wurde zum Beispiel in den späten 1990er Jahren mit Unterstützung von RfP ein interreligiöser Rat gebildet. Damals eskalierte der Bürgerkrieg dort. Die Anführer des Rats gingen auf den Präsidenten von Sierra Leone zu und sagten: „Sie können diesen Krieg nicht gewinnen. Man sollte stattdessen verhandeln. Die Menschen leiden und überall werden Gräueltaten verübt. Lassen Sie uns mit den Rebellen sprechen!" Die Religionsführer erhielten die Erlaubnis und trafen sich mit den Rebellen. Das war der Beginn der Friedensgespräche, die nach vielen Komplikationen zu der recht ermutigenden heutigen Situation in Sierra Leone geführt haben.

Auch in Liberia war der interreligiöse Rat eng in die Friedensverhandlungen eingebunden. Da diese Räte aus Führern verschiedener Glaubensgemeinschaften bestehen, können sie hohe Politiker auf der inoffiziellen zweiten Schiene der Diplomatie beeinflussen. Noch wichtiger ist, dass sie Gemeinschaften repräsentieren und zusammen erheblichen Einfluss auf einen großen Teil der Bevölkerung haben. Wenn Friedensforderungen aus den Glaubensgemeinschaften mit Lobby-Arbeit von Religionsführern zusammenwirken, und das in Kooperation mehrerer Religionen, dann kann das sehr wirksam sein.

Nationale interreligiöse Räte sind in Afrika mit Unterstützung von RfP gebildet worden?

Wir haben unsere Erfahrungen mit den Initiatoren geteilt und die Bildung der Räte mit Expertise und etwas Geld unterstützt. Die Beträge waren allerdings gering, weil unsere Mittel begrenzt sind und die Verantwortung am Ort bleiben soll. Derzeit gibt es mehr als 70 interreligiöse Plattformen weltweit und mehr als 20 interreligiöse Räte in Afrika. Ein Gremium für den ganzen Kontinent wurde 2002 eingerichtet, der „Afrikanische Rat religiöser Oberhäupter - Religionen für den Frieden" (ACRL). Vertreter anderer religiöser Institutionen, etwa  die Allafrikanische Kirchenkonferenz, sind dort vertreten.

Wo in Afrika haben interreligiöse Räte zur Friedenssicherung oder Gewaltvermeidung beigetragen - außer in Liberia und Sierra Leone?

Als 1995 in Burundi die Friedensgespräche begannen, bei denen zunächst Julius Nyerere und später Nelson Mandela vermittelten, gab es dort noch keinen interreligiösen Rat. Religionsführer waren aber bereits früh und religionsübergreifend in die Verhandlungen einbezogen. Zu ihnen gehörte der Obermufti von Burundi sowie Vertreter der Bischofskonferenz, der anglikanischen Kirche und des nationalen Kirchenrats. Der inzwischen gebildete interreligiöse Rat ist nun sehr in der Friedenssicherung engagiert. Ein anderes Beispiel ist eine Initiative in Somalia: Vertreter des Islam aus Ostafrika begannen Gespräche mit somalischen Muftis - also im Islam, aber mit Unterstützung von Vertretern anderer Religionen. Man hatte festgestellt, dass der Islam politisiert worden war und als Religion - also die Muftis und Scheichs als religiöse Führer in den Moscheen - nie konstruktiv für Friedenssicherung und die Stärkung der Gemeinschaft eingetreten war. Unter der Schirmherrschaft des ACRL entwickelten islamische Geistliche aus afrikanischen Staaten eine muslimische Solidaritätsbewegung und trafen sich zweimal mit Geistlichen in Somalia. Die Situation dort ist sehr kompliziert, weshalb die Vermittler sehr vorsichtig vorgehen müssen. Zwar ist Somalia fast komplett muslimisch, aber man kann es nicht isoliert von der Region rund um das Horn von Afrika betrachten. Deshalb ist ein regionaler Ansatz angemessen, der im Rahmen des ACRL stattfindet und die anderen Religionen einbezieht.  

Ist dabei ein Problem, dass tradi­tio­nelle religiöse Anführer Einfluss verlieren, beispielsweise zugunsten von Kriegsherren?

Das ist sicher ein Problem. Den traditionellen religiösen Anführern zu mehr Aufmerksamkeit und einer Stimme zu verhelfen, ist auch ein Versuch, sie zu stärken, damit die Moscheen nicht so leicht von politischen Kräften oder Vertretern eines Clans benutzt werden können.

Können Banditentum und Kämpfe unter Milizen wie im Kongo von religiösen Institutionen überhaupt noch beeinflusst werden?

Der Krieg, der im Osten des Kongo geführt wird, ist einfach grauenhaft. Manche Milizen haben dort den Respekt vor jeglichen traditionellen Würdenträgern verloren, auch vor religiösen. Dennoch versucht der interreligiöse Rat im Kongo, den es erst seit relativ kurzer Zeit gibt, Strukturen im Osten des Landes zu schaffen, die direkt auf die Gemeinschaften und die Kämpfer am Ort einwirken können.

Wo liegen die Grenzen von interreligiösen Friedensinitiativen? Kön­nen Sie Beispiele nennen, wo solche Initiativen weitgehend wirkungslos geblieben sind?

Während des Kriegs zwischen Äthiopien und Eritrea 1998 gehörte das Engagement von Religionsführern auf beiden Seiten zu den ermutigendsten Versuchen, den Konflikt zu bearbeiten. Ich selbst durfte an diesem Engagement teilhaben und habe die Klugheit und den Mut der Geistlichen erlebt. Aber nach einigen international wahrgenommenen Aktionen 2002 hinderten bürokratische Schwierigkeiten etwa mit Ausreisepapieren sie an weiteren Treffen. Es gibt immer noch Versuche, diesen Prozess wiederzubeleben. Das norwegische Hilfswerk Norwegian Church Aid unterstützt diese Versuche.

Was die Erfahrung zeigt, ist nicht überraschend: Religionsführer erzielen Wirkung, wenn sie auf der Grundlage ihres religiösen Amtes tätig werden. Sie werden aber angreifbar, wenn sie in politische Auseinandersetzungen verwickelt werden. Deshalb müssen Religionsführer und interreligiöse Räte ihr religiöses Mandat sorgfältig klären und sich gegenüber der Politik prophetisch äußern. Kenia ist ein gutes Beispiel: Dort haben Religionsführer während des Demokratisierungsprozesses in den 1990er Jahren bis 2002 eine sehr wichtige Rolle gespielt. Doch während der Gewaltausbrüche nach den Wahlen vom Dezember 2008 konnten sie nicht entscheidend einwirken. Kenianische Glaubensbrüder und -schwestern haben mir erzählt, dass einige einflussreiche Religionsführer in den Sumpf ethnischer und politischer Verstrickungen geraten waren - Persönlichkeiten aus dem religiösen Leben ließen sich für ethnische oder politische Zwecke einspannen. Das machte die religiösen Institutionen weniger wirksam als erwartet. Dies zeigt, dass der Grat zwischen dem Einstehen für religiöse Überzeugungen und politischer Vereinnahmung sehr schmal sein kann.  

Spannungen zwischen verschiedenen Religionen sind in Afrika nur in wenigen Fällen die Ursache von Konflikten. Sind interreligiöse Initiativen in solchen Fällen besonders wichtig?

Sie sind überall wichtig. Wenn der Konflikt nicht genuin religiös ist, dann ist es für religiöse Gruppen aber einfacher, zusammenzukommen und gemeinsame Aufgaben und Lösungen zu finden. Handelt es sich um einen religiösen Konflikt, dann ist die Aufgabe deutlich schwieriger.

Welche Religionen nehmen in Afrika an interreligiösen Räten teil?

Beteiligt sind viele christliche Gruppierungen: Orthodoxe, Protestanten, Katholiken, Pfingstler und indigene afrikanische Kirchen. Dazu kommen Hindus, Sikhs und Juden sowie verschiedene muslimische Traditionen. Auch Repräsentanten indigener spiritueller Gruppen sind vertreten.

Sprechen interreligiöse Räte auch mit fundamentalistischen Gruppen, die Gewalt befürworten oder sich mit einer bestimmten Partei oder ethnischen Gruppe identifizieren?

Ein wesentlicher Grundsatz ist, mit allen zu sprechen, die zu Gesprächen bereit sind. Und wenn die Bemühungen um eine Verständigung zwischen Glaubensgemeinschaften zu sichtbaren Ergebnissen für die betroffenen Menschen führen, dann werden eher fundamentalistische Gruppen vielleicht auch die Vorteile des Dialogs und des gemeinsamen Engagements erkennen. Das Ziel ist, die Hand auszustrecken und mehr und mehr Glaubensrichtungen zu erreichen. Aber für Christen ist es sehr schwierig, das Vertrauen fundamentalistischer Muslime zu gewinnen, und umgekehrt für Muslime, mit christlichen Fundamentalisten ins Gespräch zu kommen. Die entscheidende Rolle haben hier Vertreter derselben Religion. Das heißt die verschiedenen Religionen arbeiten in den interreligiösen Räten zusammen, und die jeweiligen Vertreter einer Religion gehen auf fundamentalistische Gruppen ihrer Glaubensrichtung zu und versuchen, sie vom Nutzen der Zusammenarbeit zu überzeugen.

Welchen zusätzlichen Nutzen haben die zentralen, globalen Gremien von RfP für lokale und nationale interreligiöse Initiativen? Wie helfen sie denen?

Die Weltkonferenz Religionen für den Frieden  hat auf der globalen Ebene drei Aufgaben. Erstens tritt sie auf der globalen Bühne auf, sie hat dort eine anwaltschaftliche Rolle. Zum Beispiel haben sich seit 2006 vor den G8-Gipfeln Religionsführer getroffen, und vor dem Gipfel 2008 in Japan war RfP an dem Vortreffen voll beteiligt. Wir arbeiten eng mit den Vereinten Nationen und dort beispielsweise mit der Kommission für Friedenssicherung zusammen. Manchmal unterstützen wir Entwicklungen oder Forderungen vor Ort mit Stellungnahmen der globalen Ebene. Und örtliche interreligiöse Räte oder - wo es keine Räte gibt - Religionsführer können sich, wenn sie in einer Krisensituation Solidarität benötigen, an die Zentrale von RfP wenden; wir entsenden dann zum Beispiel eine Delegation von Religionsführern aus der Region oder weltweit, oder wir schicken Personal zur Unterstützung. Unsere zweite Aufgabe ist, die Entwicklung und die Arbeit regionaler und lokaler interreligiöser Räte zu unterstützen. Sehr wichtig ist auch der Aufbau der beiden weltweiten Netzwerke der Frauen sowie der Jugend. Drittens muss das RfP-Netzwerk weiter entwickelt werden. Dazu gehört, unsere Mittel miteinander zu teilen und Informationen und Erfahrungen auszutauschen. Die Religionsgemeinschaften müssen global vernetzt werden. Wir bemühen uns, zu dieser Vernetzung etwas beizutragen.

Hat sich das Engagement afrikanischer Kirchen in der Friedensarbeit in den vergangenen Jahrzehnten verändert und haben interreligiöse Initiativen dazu beigetragen?

Erfahrungen mit multireligiöser Zusammenarbeit haben in Staaten wie Sierra Leone oder Liberia die Kirchen inspiriert und ihren Einsatz für den Frieden vorangebracht. Aber das gilt auch umgekehrt. In zahlreichen afrikanischen Staaten haben Kirchen und Kirchenräte die Führung übernommen.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann

Stein Villumstad ist stellvertretender Generalsekretär der Weltkonferenz Religionen für den Frieden in New York. Der Norweger hat zuvor unter anderem im östlichen Afrika die Programme des Hilfswerks Norwegian Church Aid geleitet.

 

 

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