Früherkennung
Früherkennung

Warnung vor zu viel Warnungen

Konflikte und Krisen möglichst früh zu erkennen, kann helfen, sie zu entschärfen. Eine aktuelle Studie beschäftigt sich mit den Grenzen der Methode.

Im Science-Fiction-Thriller „Minority Report“ gibt es besondere Menschen mit seherischen Fähigkeiten, die Gewaltverbrechen kurzfristig vorhersagen können. Die Polizei nutzt das, um Morde zu verhindern. In der internationalen Politik, vor allem in der Friedenspolitik, wünschen sich das auch viele. Die Idee: Mithilfe besserer Früherkennung – im Jargon „early warning“ – könnten Krisen und Konflikte antizipiert werden, so dass die Politik eingreifen kann, bevor die Situation eskaliert. Im Film geht das letztendlich schief, und auch in der realen Politik ist Früherkennung nicht der Weisheit letzter Schluss, mahnt Lars Brozus in einer neuen Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Dass politische Entscheidungen auf möglichst verlässlichen Informationen beruhen sollten, ist selbstverständlich. Es ist zudem wünschenswert, dass die Politik mögliche künftige Entwicklungen in Betracht zieht. Die Studie erläutert, wie die Chancen dafür verbessert werden können. Wichtig ist vor allem, dass Fachleute, die Analysen erstellen, und politische Entscheidungsträger Verständnis für die Arbeitslogiken der jeweils anderen Seite haben. Eine Analyse, die ignoriert, dass außer präzisen Informationen noch andere Faktoren wichtig für politische Entscheidungen sind, wird im Zweifel schnell in der Schublade verschwinden.

Für politische Interessen missbraucht

Wichtig ist außerdem, dass beide Seiten einander vertrauen können: Vermeintliche Früherkennung darf nicht missbraucht werden, um bestimmte politische Interessen zu bedienen. Bevor die Vereinigten Staaten 2003 in den Irak einmarschierten, wurde etwa darüber debattiert, inwiefern die US-Regierung „Frühwarnungen“ der Geheimdienste vor Massenvernichtungswaffen im Irak so lange umgeschrieben hatte, bis ihr die Ergebnisse passten. In „Minority Report“ manipuliert ein Mörder das Verfahren zur Früherkennung, um von der eigenen Tat abzulenken. Am Ende des Films wird das Programm deshalb eingestellt.

Früherkennung zu institutionalisieren, kann auch daran scheitern, dass die Beteiligten sich über die Relevanz und die Interpretation von Informationen nicht einig sind – auch weil sie unterschiedliche politische Interessen verfolgen. Unter anderem aus diesem Grund ist es laut der Studie vor einigen Jahren nicht gelungen, im UN-Sicherheitsrat ein Verfahren zur Früherkennung von Krisen und Konflikten einzurichten.

Negativbeispiel Libyen

Im Film „Minority Report“ geht es noch um ein anderes Problem: Die Polizei muss nach jeder Vorhersage handeln; die potenziellen Täter werden präventiv aus dem Verkehr gezogen. Die Möglichkeit, dass sich die Zukunft anders als prognostiziert entwickelt, wird ausgeschlossen. In der Politik gibt es ein ähnliches Problem – und es wiegt laut der SWP-Studie umso schwerer, je verlässlicher die Früherkennung wird: Sie schränkt die Handlungsspielräume derer ein, die auf Grundlage der in die Zukunft weisenden Informationen Entscheidungen treffen müssen.

In der Studie heißt es dazu: „Wird die Früherkennung akkurater, dürfte es der Politik zusehends schwerer fallen, bei einer Warnung nicht zu handeln – selbst wenn die Handlungsfolgen unkalkulierbar sind.“ Der Angriff auf Libyen 2011 aufgrund der Warnung, Machthaber Gaddafi werde in Kürze unzählige Rebellen massakrieren lassen, ist ein Beispiel dafür: Das vorhergesagte Massaker blieb aus, aber Libyen ist als Folge der Intervention seit sieben Jahren ein Schlachtfeld.

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