VW-Betriebsrat in Südafrika
VW-Betriebsrat in Südafrika

„Die Politik dient nur den Unternehmen“

Die Auswirkungen des deutschen Dieselskandals sind bis nach Südafrika zu spüren. Der Gewerkschafter Mathemba Mcoteli erklärt, wie das kommt. Und warum sein Verband dem regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC) nicht mehr traut.

Herr Mcoteli, spielen die Gewerkschaften noch eine Rolle in der südafrikanischen Politik?
Ja, sie sind noch genauso wichtig wie während der Apartheid. Die Ausbeutung ist so groß, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter eine Stimme in den Betrieben brauchen. Sie müssen außerdem gut informiert sein und ein politisches Bewusstsein haben, um sich selbst zu befreien. Gewerkschaften können Arbeiterinnen und Arbeiter in ihren Kommunen im Kampf für bessere öffentliche Dienste wie Bildung oder Gesundheit unterstützen.

Sind Sie zufrieden mit der Politik der Regierung?
Der ANC betreibt heute eine neoliberale Politik, die nicht den Interessen der Arbeiter entspricht. Der Nationale Entwicklungsplan, der die ANC-Politik bis 2030 skizziert, wird daran nichts ändern. Er wird lediglich den Unternehmen höhere Profite sichern – auf Kosten der Beschäftigten. Die ANC-Politik bedeutet einen Rückschritt für Südafrika. Während der Apartheid hatten wir ein gemeinsames Ziel. Als der ANC dann von einer Befreiungsbewegung zur Regierungspartei wurde, haben wir uns in der Metallarbeitergewerkschaft NUMSA gefragt, ob er noch unsere Unterstützung braucht. Schon 1993 haben wir im Dachverband COSATU vorgeschlagen, unabhängig vom ANC zu werden. Diesen Kampf haben wir damals verloren, und es hat dann noch einmal bis 2013 gedauert, bis wir beschlossen haben, den ANC nicht weiter zu unterstützen. Wir verfolgen einen radikalen und militanten Ansatz. Wir sind eine rote, revolutionäre Gewerkschaft und wollen nichts mehr mit COSATU zu tun haben. In Südafrika gibt es heute Armut, Ungleichheit und eine Arbeitslosenquote von 27 Prozent. Es gibt viel Korruption und Gier – ein Ergebnis der Regierungspolitik.

Mathemba Mcoteli hat 2004 als Schweißer im Karosseriebau im Volkswagen-Werk Uitenhage in Südafrika angefangen. Seit 2014 ist er Gewerkschafts- und Betriebsratsvorsitzender (Shop Steward) des Werks. Für die Metallarbeitergewerkschaft NUMSA ist er außerdem Mitglied des VW-Weltbetriebsrates. Elliesen
Das muss frustrierend sein für einen Gewerkschafter, der früher mit dem ANC gekämpft hat.
Das ist es. Kräfte von innen und von außen haben die Bewegung gekapert. Es geht nicht mehr um die Emanzipation der armen schwarzen Mehrheit. Wir sind enttäuscht, aber wir kämpfen weiter. Wir haben es nicht geschafft, COSATU für die Arbeiterinnen und Arbeiter zurückzuerobern. Deshalb haben wir 2017 einen neuen Dachverband gegründet, die South African Federation of Trade Unions SAFTU.

Welche Kräfte von innen und außen meinen Sie?
Wenn ich von äußeren Kräften spreche, meine ich, dass der ANC mit seiner neoliberalen Politik ausländischen Investoren gefallen will. Solche Investitionen sollen Arbeitsplätze und soziale Stabilität bringen – aber das Gegenteil ist der Fall. Wir sind abhängig von den Investitionen: Leute außerhalb von Südafrika treffen Entscheidungen, die unser Land betreffen.

Wie Ihr Arbeitgeber Volkswagen?
Volkswagen ist nur ein Spieler von vielen. Ich würde nicht sagen, dass VW Politik macht oder die Richtung des Landes bestimmt.

Und welche inneren Kräfte meinen Sie?
In Südafrika gibt es Leute in Politik und Wirtschaft, die nur ihre Gier befriedigen.

Denken Sie da auch an Leute, die von Black Economic Empowerment, kurz BEE, profitieren – dem Programm, das den Anteil schwarzer Südafrikaner in der Wirtschaft erhöhen soll?
Ja. Wenn du jemanden siehst, der mit BEE zum Milliardär wurde, dann fragst du dich: Hat das Programm erreicht, wozu es gedacht war? BEE sollte die Massen stärken. Es sollte nicht nur zwei oder drei Personen reich und stark machen.

Wie Cyril Ramaphosa, den amtierenden Präsidenten von Südafrika?
Richtig. Unser Präsident hat von BEE profitiert. Und er kommt von den Gewerkschaften: In den 1990er Jahren war er COSATU-Chef.

Es gibt derzeit vier Gewerkschaftsdachverbände in Südafrika. Arbeiten die gut zusammen?
Um ganz offen zu sein: Wir haben keinen guten Job gemacht, uns als Arbeiterinnen und Arbeiter zu vereinen. Weniger als ein Drittel ist überhaupt gewerkschaftlich organisiert – und das in vier verschiedenen Verbänden! Das macht keinen Sinn. Ja, es gibt ideologische Differenzen. Aber wir von SAFTU haben den anderen Verbänden vorgeschlagen, in den Fragen zusammenzuarbeiten, in denen wir übereinstimmen. COSATU lehnt das ab, weil sie noch immer mit dem ANC verbündet sind. Sie glauben, der ANC wird etwas für die Arbeiterinnen und Arbeiter tun. Wir dagegen sagen, dass wir selbst kämpfen müssen und uns nicht auf die Regierung verlassen dürfen. Kurz: Es gibt keine Einheit.

Versucht die Regierung, die Gewerkschaften zu spalten?
Ich würde sagen, sie versucht, Teile der Gewerkschaften zu vereinnahmen. Nehmen Sie die neue COSATU-Präsidentin, Zingiswa Losi, die gleichzeitig Mitglied des ANC-Exekutivkomitees ist. Man könnte jetzt sagen: Es ist gut, dass dort eine Person dabei ist, die die Arbeiterinnen und Arbeiter repräsentiert. Wir hingegen sehen das als Widerspruch und als Zeichen dafür, dass die Regierung die Gewerkschaften kooptieren will. Ein Sprichwort sagt: Du beißt nicht die Hand, die dich füttert. Wenn eine Gewerkschaftschefin von der Regierung versorgt wird, wie kann sie dann kritisch sein?

Anderes Thema: Wie steht es um die Automobilindustrie in Südafrika?
Nehmen wir das VW-Werk in Uitenhage als Beispiel: 1996 hatten wir dort 11.500 Beschäftigte, die jährlich gut 46.000 Autos gebaut haben. Heute sind es 160.000 Autos und nur noch 4200 Arbeiterinnen und Arbeiter. Durch den technologischen Fortschritt hat sich die Produktion mehr als verdreifacht, während die Zahl der Beschäftigten dramatisch gesunken ist. Die Arbeiterinnen und Arbeiter haben vom Fortschritt nicht profitiert. Meine Meinung ist: Wer bei VW oder Mercedes arbeitet, sollte sich die Autos auch leisten können, die er baut. Allerdings können das nur 10 bis 15 Prozent der Beschäftigten.

Wohin gehen die in Uitenhage gefertigten Autos?
30 Prozent der Produktion sind für den südafrikanischen Markt, 70 Prozent für den Export, etwa nach Großbritannien, Japan, Australien und nach Südamerika.

Hat sich der VW-Dieselskandal bei Ihnen ausgewirkt?
Ja, das haben wir in Südafrika ebenso zu spüren bekommen wie in Brasilien. VW musste ja in den USA enorm hohe Strafen zahlen. Wo ist das Geld wohl hergekommen? VW sagte uns, ihr müsst effizienter und produktiver arbeiten. Das hat sich auf unsere Wertschöpfungskette ausgewirkt: Wir haben Zulieferer, die ihre Produktion in andere Länder Afrikas verlagern mussten, um Kosten zu sparen. Die Firma Johnson Controls zum Beispiel, die uns mit Sitzen beliefert, war gerade auf der anderen Straßenseite in Uitenhage. Aber der Druck, der auf sie ausgeübt wurde, hat die Firmenleitung gezwungen, ihren Beschäftigten zu sagen: Entweder halbieren wir eure Löhne oder wir müssen woanders produzieren. Welcher Arbeiter würde einer Halbierung des Lohnes zustimmen? Also sind sie ins benachbarte Lesotho gezogen, beliefern uns jetzt von dort und zahlen den Arbeiterinnen und Arbeitern deutlich weniger.

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen

erschienen in Ausgabe 2 / 2019: Jugend und Bildung

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