Südafrika
Studenten der technischen Universität  Durban protestieren im Herbst 2016 gegen Studiengebühren.
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Die Wut der „Frei Geborenen“

Südafrikas Jugend ist enttäuscht von der Revolutionspartei, die ihren Eltern die Freiheit gebracht hat, ihnen aber weder Job noch Ausbildung. Das könnte sich nun erstmals an der Wahlurne bemerkbar machen.

Dicker Rauch hängt in der Luft. Die Polizei fährt mit Wasserwerfern auf. Gewehre sind mit Gummikugeln geladen und einsatzbereit. Keine Chance auf Unterricht, schließlich steht der Vorlesungssaal in Flammen. Wieder einmal waren Südafrikas Universitäten vergangenes Jahr Schauplatz teils blutiger Proteste, als Tausende Studierende für eine kostenlose Hochschulbildung demonstrierten.

Die, so behauptet die Bewegung „Fees Must Fall“ (Weg mit den Gebühren), habe der ANC kurz nach Anbruch der Demokratie vor 23 Jahren versprochen. Die Regierung bestreitet das. Nicht Gratisbildung, sondern Stipendien für ausgewählte Studentinnen und Studenten seien die Antwort auf die hohe Arbeitslosigkeit. „Ich bin überzeugter als je zuvor, dass unsere Jugend den Machthabern egal ist“, schäumt die junge Lehrerin Athambile Masola aus Johannesburg. „Aber anders als unsere Eltern haben wir nichts zu verlieren. Wir verlieren mehr, wenn wir still bleiben und darauf warten, dass uns die Regierung ernst nimmt.“

Zwar hat einst Jacob Zuma seinen Unterstützern versprochen, der Afrikanische Nationalkongress (ANC) werde das Land regieren, „bis Jesus zurückkommt“. Heute aber präsentieren sich die Straßen Pretorias immer öfter in blau, der Farbe der Oppositionspartei: Überall sieht man dunkelblaue T-Shirts, Baseballkappen und Banner. „Gemeinsam für Jobs“ oder „Schluss mit Korruption“, fordern Anhänger der Demokratischen Allianz (DA) in Sprechchören. Südafrikas größte Oppositionspartei arbeitet akribisch daran, den ANC zu entmachten. Bei den nächsten Parlamentswahlen 2019 will sie ihm erstmals die absolute Mehrheit nehmen. Das ist durchaus möglich – vorausgesetzt ihr gelingt es, Südafrikas Jugend von sich zu überzeugen. 

Mit 200 Millionen Jugendlichen lebt auf dem afrikanischen Kontinent die jüngste Bevölkerung weltweit. Bis 2045 soll die Zahl mindestens auf das Doppelte steigen. Für den Arbeitsmarkt bedeutet das vor allem eins: Probleme. Das zeigt sich nicht zuletzt in Südafrika. Seit 1929 untersucht das renommierte südafrikanische Forschungsinstitut Institute for Race Relations (IRR) das Zusammenleben in Südafrika. Laut „Born Free But Still in Chains“, einer Studie des IRR von 2015, versperrt noch immer ein Sumpf aus Arbeitslosigkeit, Analphabetismus und der Trägheit alter politischer Eliten die Chancen der Jugendlichen. Das sei gefährlich, weil die Generation der „Born-frees“, der nach 1994 und damit nach der Apartheid Geborenen, stetig wächst. Schon heute ist ein Drittel der Südafrikaner unter 30 Jahre alt. Und die Hälfte aller Jugendlichen ist arbeitslos. Einen „Cocktail für ein Desaster“ nennt der Leiter der staatlichen Statistik-Behörde Pali Lehohla diese Mischung: „Wenn Eltern mehr Chancen haben als ihre Kinder, dann ist das ein Anzeichen von Rückschritt.“

Freiheit ist ohne Zukunftsperspektiven nichts wert: Junge Leute in der Township Imizamo Yethu in Kapstadt.Artur Widak/Getty Images
Der vermeintliche Retter Südafrikas präsentiert sich mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und erhobener Faust. „Mit dem Fall der Apartheid hat eine Ära der Freiheit begonnen“, dröhnt Mmusi Maimane, der Parteivorsitzende der DA, vor anderen Parlamentsabgeordneten in Kapstadt.  „Aber wir sind nicht frei. Denn Freiheit ohne entsprechende Möglichkeiten ist nichts wert.“ 2015 hat der 36-Jährige den Vorsitz der Oppositionspartei übernommen. Seitdem haben sich ihre Mitgliederzahlen nach eigenen Angaben verdreifacht. „Obama von Soweto“ wird der Politiker in Anspielung auf seine Kindheit im größten Township der Kap-Republik genannt. Unter Maimanes Führung gelang es der Oppositionspartei bei den Kommunalwahlen vergangenes Jahr, erneut Kapstadt und erstmals auch die Städte Johannesburg, Pretoria und Port Elizabeth einzunehmen. Der ANC erlebte eine historische Niederlage.

Vor allem die junge, gebildete schwarze Stadtbevölkerung hegt zunehmend Groll gegen den ANC, der ihren Eltern und teils noch ihnen selbst die Freiheit gebracht hat. Dazu haben zahlreiche Skandale beigetragen. Für umgerechnet 17 Millionen Euro Steuergelder hatte Präsident Zuma etwa seine Privatvilla renovieren lassen. Dieses Jahr hat er fünf Minister entlassen, darunter den beliebten Finanzminister Pravin Gordhan, einen der letzten stabilisierenden Faktoren seiner Regierung. Der Kurs der Landeswährung Rand fiel drastisch, zwei Ratingagenturen stuften Südafrika auf Ramschniveau herab.

Der ANC bestreitet, dass seine Wahlschlappe in den Metropolen auf Skandale zurückzuführen sei. Doch „zwei Jahrzehnte nach der demokratischen Wende sind die ‚Born-frees‘ ernsthaft verärgert und die Zuständigen sollten sich fragen: Was hat sie so wütend gemacht?“, sagt der junge Radiomoderator Gushwell Brooks. 2012 hatte Zuma seine schwarzen Mitbürger davor gewarnt, „zu clever zu werden“ – eine Metapher für kritisches Nachfragen. „Jetzt konnten die cleveren Schwarzen Rache an Zuma üben“, meinte der Politologe Justice Malala nach den Kommunalwahlen.  Mit dem bislang größten Wahlverlust des ANC in den Städten seien die Karten für die nächsten Parlamentswahlen neu gemischt.

Die Stimmen der „Born-frees“ könnten im Rennen um die Präsidentschaft tatsächlich den Ausschlag geben.  Bei den Wahlen in zwei Jahren werden sie knapp ein Drittel der Wahlberechtigten stellen, schätzen Marktforscher. Einen Sieg für die Opposition bedeutet dies allerdings noch nicht. „Rassenpolitik spielt immer noch eine große Rolle in Südafrika“, erklärt Lauren Tracey-Temba, Forscherin am Institute for Security Studies (ISS) in Pretoria. „Einige schwarze Südafrikaner misstrauen der DA samt ihrer Geschichte und wählen ihre Vertreter lieber anhand ihrer Volksgruppe.“ Traditionell erhält die DA Unterstützung aus der weißen Minderheit und von den sogenannten Farbigen, die sowohl afrikanische als auch europäisch-stämmige und asiatische Vorfahren haben. Die Wahl von Maimane zum ersten schwarzen Führer der DA konnte dies nur bedingt ändern.

"Weiße Südafrikaner rotten sich heute in der DA zusammen, um das Vermögen zu schützen, das sie während der Apartheid gemacht haben“, erklärt ein junger Südafrikaner dem Radiosender „702“ auf die Frage, weshalb er nicht die DA wählen würde. „Weil die DA bei Wahlen dieselben Bezirke gewinnt, die auch das alte Regime vor 1994 gewann“, sagt eine andere Jugendliche. Auch Südafrikas eingeschworene Politbeobachter bezweifeln, dass die Nachahmung Obamas Maimane wie erhofft die Stimmen der schwarzen jungen Mittelklasse einbringt.

Einer von ihnen ist Eusebius McKaiser. Im Jahr vor Maimanes Amtsantritt hat er das Buch geschrieben „Könnte ich die DA wählen?“ Heute ist er überzeugt: „Maimane hat Schwierigkeiten, politische Statur anzunehmen. Seine wehmütige Obama-Rhetorik kann keine faktische Auseinandersetzung mit den Missständen ersetzen, die Südafrikas Jugend täglich erlebt.“ Pluspunkte konnte Maimane sammeln, als er sich im März überraschend gegen die frühere DA-Chefin und Ministerpräsidentin der Provinz Westkap (Kapstadt), Helen Zille, auflehnte. Zille hatte über Twitter die vermeintlichen Vorteile des Kolonialismus angepriesen: „Unabhängige Justiz, Straßen, fließendes Wasser etc.“ Viele sahen ihre Meinung über die weiße DA bestätigt. Doch Maimane kritisierte seine frühere Vorgesetzte und verwies Zille an ein Disziplinarkomitee.

Autor

Markus Schönherr

ist freier Journalist in Kapstadt und berichtet für deutschsprachige Zeitungen und Magazine aus dem südlichen Afrika.
Dass sich der ANC mit der heranwachsenden Wählerschaft neu verbinden muss, hat die Partei nach den Kommunalwahlen 2016 jedoch erkannt. „Der Einfluss des ANC auf junge Intellektuelle und die schwarze Mittelklasse ist zunehmend bedroht“, gestand die Partei vor kurzem. Bei ihrem nationalen Parteitag im Juni will sie neue Wege finden, um die knapp 16 Millionen Jungwähler zu begeistern. Auch die politischen Gegner erkennen die Jungwähler als wichtige Zielgruppe: „Junge Leute haben wenig Vertrauen in politische Parteien. Wenn wir über Arbeitslosigkeit und Bildung, also brennende Themen, sprechen, wird das ihr Interesse wecken“, so die DA-Politikerin Mbali Ntuli.

Südafrikas Jugend ist desillusioniert. Ihr Zorn spielt aber nicht automatisch der Opposition in die Hände. Dem IRR nach zeigten Mandelas Regenbogen-Kinder „klare Anzeichen einer Entfremdung“ gegenüber dem demokratischen System, das ihnen zwar Freiheit, aber weder Jobs noch soziale Sicherheit bietet. Nicht der Stimmzettel, sondern Zerstörung sei das gängigste politische Mittel geworden. „Demonstrationen und Ausschreitungen bleiben Teil von Südafrikas Kultur“, meint der junge Radiomoderator und Forscher am IRR, Phumlani Majozi. Während ihre Eltern auf die Straße gingen, um gegen die Apartheid zu protestieren, demonstrieren ihre Kinder gegen soziale Ungerechtigkeit. Bis heute seien Proteste in den Augen junger Südafrikaner ein wirksames Mittel, die Regierung zur Verantwortung zu ziehen.

Wahlen hingegen sehen viele „Born-frees“ nicht als effektives politisches Mittel an. Bei den Parlamentswahlen im Mai 2014 registrierte sich überhaupt nur ein Drittel der freigeborenen Neuwähler zur Wahl. „Es bräuchte schon ein Erdbeben, um junge Südafrikaner in der nahen Zukunft für den politischen Prozess zu begeistern“, klagt Majozi. „Das ist erstaunlich angesichts der Tatsache, dass 70 Prozent der Arbeitslosen Jugendliche sind. Doch sie denken, ihre Stimme besäße keine Macht.“

Einige Beobachter sehen die Schlappe des ANC bei Kommunalwahlen in den Städten dennoch als Vorboten für die kommenden Parlamentswahlen. Allerdings: In ländlichen Gebieten und Townships ist das staatliche Kindergeld oder die Rente oft das einzige Einkommen. Diese Gebiete sind traditionell ANC-Hochburgen, selbst unter der mittellosen Jugend. Noch. Denn für die Bewohner zählt vorwiegend eine Frage: Kann der ANC, wie versprochen, ein Grundeinkommen, Wasser, Toiletten und Strom liefern?

Der ANC selbst könnte Klarheit schaffen, ob er eine Revolutionspartei mit Verfallsdatum ist: Im Dezember wählt die Organisation einen neuen Präsidenten – und damit vermutlich Südafrikas nächstes Staatsoberhaupt. Als Spitzenkandidaten werden Zumas Vize Cyril Ramaphosa sowie seine frühere Frau Nkosazana Dlamini-Zuma gehandelt. Beide bringen Erfahrung mit: Ramaphosa als Gewerkschaftsführer und dann Großunternehmer, Dlamini-Zuma als Ministerin und als Vorsitzende der Afrikanischen Union (AU). Jedoch fürchten Experten, dass Südafrika unter Dlamini-Zuma dieselbe kompromisslose Politik bevorstünde wie unter deren Ex-Mann. Ramaphosa hingegen gilt als gemäßigter Politiker, der als Vizepräsident bereits Südafrikas dringendste Probleme kennen lernte, wie etwa HIV/Aids oder soziale Ungleichheit . „Eure Partei wird weiter Macht einbüßen – nicht weil es bessere Alternativen gäbe, sondern weil junge Wähler genug von euch haben“, warnt die Lehrerin Masola die ANC-Elite. „Anders als bei eurer Generation haben nicht die Weißen uns wütend gemacht. Das wart ihr.“

erschienen in Ausgabe 6 / 2017: G20: Deutschland übernimmt

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