Divestment
Braunkohlekraftwerk Neurath in Nordrhein-Westfalen. Einige deutsche ­Kommunen ziehen ihre Geldanlagen aus Energiekonzernen ab.
Divestment

Gut fürs Klima – und für den Haushalt

Als erste deutsche Stadt investiert Münster kein Geld mehr in klimaschädliche Unternehmen; weitere Kommunen folgen dem Vorbild. Die meisten Bundesländer halten jedoch noch nichts von der Idee.

Es sind alle Anstrengungen zu unternehmen, damit die globale Erwärmung auf unter zwei Grad begrenzt wird. So hat es die internationale Staatengemeinschaft mit dem Klimaabkommen von Paris 2015 beschlossen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn die bekannten weltweiten Vorkommen an Kohle, Erdgas und Erdöl nicht vollständig verbrannt werden. Nach Angaben des Umweltbundesamtes müsste insgesamt mehr als die Hälfte der bekannten Reserven an fossilen Energieträgern im Boden bleiben, vor allem aber vier Fünftel der Kohlereserven. Ihre Verfeuerung ist besonders klimaschädlich.

Die Vorkommen fossiler Energieträger sind im Besitz von rund 200 börsennotierten Unternehmen weltweit, darunter zum Beispiel die Energieriesen RWE, E.on und Total. Im Jahr 2012 ist in den USA eine Bewegung entstanden, die Kommunen, Staaten, Universitäten und Kirchen drängt, ihr Kapital aus diesen Geschäftsfeldern abzuziehen („divest“). Sie sollen die Gelder stattdessen in nachhaltigere Bereiche wie erneuerbare Energien investieren. Der Divestment-Bewegung haben sich laut der Organisation Fossil Free Deutschland bereits über tausend Großinvestoren aus der ganzen Welt angeschlossen.

Auch in Deutschland haben einige Kommunen begonnen, ihre finanziellen Rücklagen umzuschichten. Die Stadt Münster verfolgt als erste deutsche Kommune seit 2016 eine neue Anlagestrategie mit ethischen Mindeststandards für rund 18 Millionen Euro, die sie in Aktienfonds investiert hat. Aktivisten von Fossil Free Deutschland hatten auf den Beschluss gedrängt; die Stadt steckt ihr Geld nun nicht mehr in Unternehmen, die nukleare oder fossile Energieträger abbauen, veredeln oder vertreiben. Nur bei Erdgas macht Münster eine Ausnahme – sofern das Gas nicht mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren aus Schiefergestein gewonnen wird. Erdgas sei als Übergangstechnologie noch unverzichtbar, heißt es aus der Stadt.

Berlin hat einen eigenen Nachhaltigkeitsfonds

Oldenburg, Stuttgart, Bremen, Berlin, Bonn, Leipzig und Göttingen haben sich dem Vorbild Münster angeschlossen. Bonn schließt fossile Unternehmen nicht grundsätzlich aus, investiert aber nur in Firmen, die weniger umweltschädlich produzieren als Mitbewerber. Berlin legt Geld nur bei Unternehmen an, die im Nachhaltigkeitsindex einer unabhängigen Ratingagentur gelistet sind.
Nicht alle deutschen Kommunen verfügen über Rücklagen, die sie in Aktienfonds oder Firmenbeteiligungen anlegen können; viele Städte sind hoch verschuldet. Für die Öffentlichkeit sei nicht immer transparent, über welche Rücklagen eine Stadt verfügt, sagt Thomas Bollwein von der gemeinnützigen Forschungs- und Politikberatungsfirma Adelphi Research. Daher lasse sich nicht sagen, wie hoch das Anlagevermögen von Kommunen insgesamt sei.

Adelphi Research ist neben dem Verein Forum für nachhaltige Geldanlagen und dem Klima-Bündnis Träger des Projekts „Klimafreundlich Investieren. Kommunales Divestment und Re-Investment“, das von der Nationalen Klimaschutzinitiative der Bundesregierung gefördert wird. Die Projektträger wollen weitere Städte und Gemeinden dazu bewegen, ihre Gelder aus fossilen Energien abzuziehen. „Im Vergleich zu Städten in Frankreich, den USA oder Australien haben wir in Deutschland noch Nachholbedarf“, sagt Bollwein. Das Interesse an nachhaltigen Geldanlagen sei vorhanden, aber die Kämmerer hätten teilweise noch Vorbehalte. Sie befürchteten höhere Risiken und niedrigere Gewinne.

Dabei könnten sich in Zukunft auch Investitionen in Kohle- und Erdölkonzerne als ökonomisch riskant herausstellen. Die Gewinn­erwartungen dieser Unternehmen beruhen auf den Förderrechten für solche Mengen an Kohle und Öl, die sie nach den internationalen Klimazielen bis zum Jahr 2050 eigentlich nicht mehr verfeuern dürfen. Sollten die Klimaziele in verbindliche Gesetze gegossen werden, würde das erhebliche Kursverluste bedeuten. „Es macht also auch rein wirtschaftlich Sinn, Geld in nachhaltige Geschäftsfelder anzulegen“, meint Angela McClellan, Geschäftsführerin des Forums Nachhaltige Geldanlagen.

Wirtschaftlich sind die Auswirkungen noch gering

An den meisten Bundesländern gehen solche Überlegungen noch vorbei. Nach Recherchen des Journalistennetzwerks Correctiv aus dem Jahr 2016 haben Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg erhebliche Summen in fossile Energien investiert. Es gibt aber auch Länder, die aus solchen Anlagen aussteigen. Baden-Württemberg legt seit 2017 die Versorgungsrücklage für Beamte in Höhe von 3,8 Milliarden Euro nicht mehr in Kohle oder Erdöl an. Auch Berlin hat nach einem Beschluss des Landesparlaments von 2016 insgesamt 750 Millionen Euro aus seinem Pensionsfonds umgeschichtet, gefolgt von Bremen im Jahr 2017. Berlin investiert sein Geld in Unternehmen, die in einem Nachhaltigkeitsfonds gelistet sind, der eigens für das Bundesland entwickelt wurde. Allerdings enthält er auch Unternehmen wie Lufthansa, Auto- oder Pharmakonzerne.

Wie Divestment wirkt, ist bisher kaum untersucht. Die wenigen Studien zum Thema sehen einen Einfluss der Bewegung auf gesellschaftliche Debatten. Wirtschaftlich betrachtet sind die Auswirkungen noch gering. Möglich ist jedoch, dass sich der angestrebte Ausstieg aus der Kohle langfristig auch auf die Gewinne der Energieriesen auswirkt. Kommunen und Länder, die ihr Geld aus diesen Unternehmen abziehen, täten dann nicht nur etwas für den Klimaschutz. Sie wären auch wirtschaftlich auf der sicheren Seite.

erschienen in Ausgabe 3 / 2019: Rassismus

Kommentare

Frau Mende, es erstaunt immer wieder, wenn Sie sich an Themen wagen von denen Sie recht wenig verstehen. Da denke ich gern über Ihren Artikel über die Partnerschaft mit Daressalam und den Artikel, worin Sie CO2 "verbrauchen" wollten. Nach meiner Beobachtung produzieren Sie zusammen mit anderen nur Seifenblasen, die ganz schnell im Nichts verschwinden. Nehmen wir mal das Beispiel Münster ganz ernst. Wenn Strom in Münster nicht mehr aus Kern-oder Kohlekraftwerken kommen soll, dann wird man flugs das Energieequivalent aus fossilem Erdgas gewinnen müssen, eine rein kosmetische Retusche. An regenerative Energie mag man dort ja denken, aber wie soll das zeitnah umgessetzt werden? Die Kapazitäten aus Wind- Sonnen- Wasserkraft gibt es nicht, nicht mal für dörfliche Gemeinschaften. Und mit welchen Kfz fährt die Gemeindeverwaltung von Münster? Auch hier wieder nur Seifenblasen, heiße Luft. Das Hirngespinst, den Klimawandel mit einer Reduktion der CO2-Emissionen aufzuhalten, offenbart nur die Unfähigkeit zum logischen Denken. Wenn man davon ausgehen mag, der CO2-Gehalt der Atemluft wäre der Grund für die anhaltende Erwärmung, dann ist es das CO2 das seit etwa 200 Jahren durch fossile Energie in der Lufthülle gespeichert wird und nicht das Prozent, das jährlich hinzu kommt. Selbst bei einer Reduktion auf Null, wäre das vorhandene CO2 weiter klimawirksam. Frau Mende, jetzt schreiben Sie mal über den Abbau des CO2 in der Atmosphäre, das wäre dann wirksam und logisch.

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