Das Chaos ist der Alltag

Die gegenwärtige Finanzkrise wird oft auf Gier, Vetternwirtschaft und das Fehlverhalten der Finanzmarktteilnehmer zurückgeführt. Doch nach der Liberalisierung der Finanzmärkte seit den 1970er Jahren ist bereits deren normaler Betrieb sehr problematisch. Sie sind intransparent, kaum zu steuern und bringen Turbulenzen hervor, die die Demokratie gefährden können. Grundsätzliche Veränderungen bei der Regulierung der Finanzmärkte sind nötig, damit Regierungen und Bürger nicht selbst zur spekulativen Handelsware verkommen.

Im August 2006 kommt es in einem japanischen Atomkraftwerk zu einem schweren Unfall, und der führt binnen weniger Wochen zu einem Massensterben von Hähnchen in China. Laut der Financial Times stiegen nämlich nach dem Unfall die Preise für Seefrachten im Pazifik dramatisch an, weil Spekulanten davon ausgingen, dass Japan nach der notwendigen Abschaltung baugleicher Atomkraftwerke mehr Steinkohle aus Australien importieren müsste. Die Spekulation trieb die börsengehandelten Frachtpreise dermaßen in die Höhe, dass amerikanische Futtermittelexporte nach China unbezahlbar wurden – ein Debakel für tausende Hähnchenfarmen in China.

Eine über die Finanzmärkte vermittelte Fernsteuerung zeigt sich auch in Berlin im Winter 2007: Auf den Bahnsteigen der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) warten Tausende Fahrgäste frierend auf ihre S-Bahn. Züge werden verkürzt, Fahrpläne ausgedünnt und Wartungsarbeiten gestreckt. Schuld daran ist nicht die BVG, sondern der Preis des Spezialstahls, der für die Reparatur defekter S-Bahn-Fahrwerke benötigt wird: Er ist aufgrund spekulativer Verzerrungen an den Rohstoffbörsen in Schwindel erregende Höhen geklettert. Denn Händler, die aufgrund der ehrgeizigen Infrastrukturprogramme in China mit einem steigenden Bedarf rechnen, haben alle Stahl-Kontrakte gekauft, die sie ersteigern konnten. Für die Wartungsarbeiten an Berliner S-Bahnen ist schlicht kein Stahl übrig.

Autor

Stephan Hessler

ist Politikwissenschaftler und Volkswirt und lehrt an der Universität Frankfurt am Main. Er ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, stellvertretender Vorstand des Vereins Business Crime Control und Mitherausgeber der Zeitschrift BIG Business Crime.

Auch dass sich das Preisniveau für Weizen in wenigen Monaten fast verfünffacht bis zu einem vorläufigen historischen Höchststand im August 2007, hat mit Spekulation zu tun. Ähnliche Entwicklungen vollzogen sich auf den Märkten für Mais, Reis und Hirse. Naturkatastrophen? Missernten? Drastische Nachfragesteigerung? Nein, sondern die amerikanische Hypothekenkrise erreichte im Sommer 2007 ihren Höhepunkt. Massenhaft suchten Investoren nach Alternativen zur Anlage in Immobilien und kauften Kontrakte für börsengehandelte Rohstoffe. Die Märkte insbesondere für agrarische Rohstoffe sind vergleichsweise klein und fungieren in Krisenzeiten als stabiler Rettungsanker. Heute sind die durchschnittlichen Weizenpreise nur noch doppelt so hoch wie vor dem ersten Quartal 2007. Obwohl Spotpreise an den Börsen selten in vollem Umfang auf die Verbraucherpreise umgelegt werden, löste der Preisanstieg in Dutzenden Ländern Hungerunruhen aus. Dass Menschen Hungers sterben müssen, ist ein altes Problem, neu aber ist, dass Menschen in entfernten Weltregionen hungern, weil in einem anderen Land der Häusermarkt kollabiert.

Hähnchen in China, Fahrgäste in Berlin, Hungernde in Afrika – sie alle sind Opfer eines Marktliberalismus, der vorher getrennte und kontrollierte Teile des Finanzmarkts zu einem weltumspannenden und zuweilen brandgefährlichen Geflecht aus Kapitalab- und  -zuflüssen verbunden hat. Die Kritik daran macht sich hauptsächlich an der gegenwärtigen Finanzkrise und den Modalitäten ihrer Bereinigung fest, als ob mit dem Ende der Krise die Probleme gelöst wären. Problematisch ist aber schon der Normalbetrieb liberalisierter Finanzmärkte. Sie verursachen in ihrer gegenwärtigen Form erhebliche Steuerungsprobleme, können Demokratie schädigende politische Turbulenzen hervorrufen und ein entwicklungsfeindliches Umfeld festschreiben.

Instrumente der Finanzjongleure

Eins der grundlegenden Instrumente auf den Finanzmärkten ist die Verbriefung. Damit werden Werte, die nicht einzeln verkäuflich sind – etwa Forderungen, die Schuldner auf Kredite leisten müssen –, gebündelt und…

Das ist weder naturgegeben noch unveränderlich. Die klassische Aufgabe von Finanzmärkten in einer Marktwirtschaft ist es, kostengünstiges Investitionskapital bereit zu stellen und Wohlfahrt und Entwicklung zu finanzieren. Im Prinzip wirkt jeder Marktteilnehmer an der Bildung von Gleichgewichtspreisen für die Kapitalbeschaffung mit und kann indirekt einen Anteil des Marktrisikos übernehmen. Banken, Fonds oder Handelsplattformen vermitteln zwischen unterschiedlichsten Kreditnehmern und Anlegern, überbrücken verschieden langfristige Anlagehorizonte und schaffen Finanzprodukte, die Forderungen und Verbindlichkeiten handelbar machen. Das alles soll Kapital dorthin lenken, wo es am nötigsten gebraucht wird – zu möglichst niedrigen Kosten. Die industrielle Revolution, der Aufstieg des Nationalstaates, der Aufbau multinationaler Konzerne und die Globalisierung wären ohne funktionierende Finanzmärkte undenkbar.

Die moderne Wirtschaftgeschichte bietet viele Beispiele für eine erfolgreiche Synergie zwischen Realwirtschaft und Geldwirtschaft. Aber Fehlentwicklungen haben sich auch immer wieder in Finanzkrisen entladen. Eine Arbeitsgruppe des IWF zählte im Zeitraum von 1971 bis 1999 mehr als 70 ernste Finanz- und Bankenkrisen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Auf der Basis dieser Daten fand eine Studie der Bundesbank, dass zwar ein Zusammenhang von Finanzkrisen mit volkswirtschaftlichen Schieflagen innerhalb der betroffenen Länder nachweisbar ist, er aber im Lauf der Zeit immer schwächer wird. Die von globalen Finanzmärkten ausgehenden Krisenfaktoren, auf die Nationalstaaten keinen Zugriff haben, werden also immer bedrohlicher. Wichtige Gründe dafür sind ein Übermaß an Liquidität – also an flüssigem, nicht fest angelegtem Geld –, die schwache Regulierung dieser Märkte im Verhältnis zu Gütermärkten sowie Informationsprobleme und psychologische Faktoren.

Wo kommt das spekulative Kapital eigentlich her? Die erste Quelle der Liquidität ist staatlich und speist sich aus der Geldschöpfung der Zentralbanken. In der Politik der US-amerikanischen Zentralbank, namentlich ihres Präsidenten bis Januar 2006, Alan Greenspan, sehen neoklassische Kritiker einen wesentlichen Grund für die ausufernde Liquidität auf den Finanzmärkten. Mit einer Politik des leichten Geldes wollte Greenspan die Konjunkturprobleme nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 dämpfen. Die niedrigen Leitzinsen gelten als ein Auslöser des Hypothekenbooms – sie erleichterten den Kauf von Immobilien und trieben deren Preise hoch -, der dann im Sommer 2007 zusammengebrochen ist.

Diese These mag einleuchten, greift aber zu kurz. Denn heute speist sich die Liquidität auf den Finanzmärkten nicht allein aus Zentralbankgeld. Die zweite Geldquelle der globalen Finanzmärkte ist eine markteigene: Der überwiegende Teil des „Spielgeldes“ im globalen Finanzcasino stammt aus privater Geldschöpfung in Form von Krediten, für die es nur wenig greifbare Sicherheiten gibt. Geschäftsbanken müssen nur einen Teil der Kreditsumme, die sie vergeben, mit eigenen Reserven absichern. Sie können also Kredite vergeben, die nur zu einem bescheidenen Teil mit Eigenkapitalreserven abgesichert sind. Banken und andere Finanzinstitute auf dem Interbankenmarkt – dort leihen sich Banken gegenseitig Geld – haben damit einen wesentlichen Anteil an der Geldschöpfung.

Zur privaten Liquiditätsschöpfung trägt auch die Verbriefungsindustrie bei. Seit der Liberalisierung der Finanzmärkte zu Beginn der 1980er Jahre wurden immer neue, teilweise abenteuerliche Finanzinnovationen auf die Märkte gebracht (vgl. Kasten). Der Handel mit Derivaten wächst seither drei-  bis zehnmal schneller als die Realwirtschaft. Angesichts hoher Zinsen während der monetaristischen Geldpolitik in den 1980ern griffen auch weltumspannende Firmen auf diese Finanzierungswege zurück und gerieten in den Sog der Verbriefungsindustrie. Unternehmen wurden zur Handelsware der Investmentbanker, Staaten zum Spielball spekulativer Zinswetten und Währungsgeschäfte.

Der dritte Quell der wundersamen Geldvermehrung speist sich aus der Gesellschaft. Seit Beginn der 1980er Jahre zeigen einschlägige Statistiken für fast alle Staaten eine zunehmende Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen. Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen sinkt und die Erbschafts-, Vermögens- und Unternehmenssteuern werden gesenkt. Wenige verdienen heute mehr, und die Mehrheit verdient – mindestens relativ – weniger als vor drei Jahrzehnten. Diese Beobachtung ist nicht als sozialromantische Anmerkung zu verstehen: Sie erklärt, weshalb sich auf den Finanzmärkten Kapital auftürmt, während anderswo Geld fehlt. Denn je reicher ein Haushalt, um so höher seine Sparneigung. Verfügen die reichen über einen größeren Teil des Volkseinkommens, dann wird ein größerer Teil davon gespart – die innergesellschaftliche Verschiebungsmasse landet auf den Kapitalmärkten und füttert die Spekulation. Seit wir freiwillig länger arbeiten für weniger Geld, seit die Reallöhne hinter dem Wachstum der Produktivität zurückbleiben, nationale Sozialsysteme verschlankt und globale Entwicklungstransfers zurückgefahren werden, suchen gewaltige Mengen an freigesetzter Liquidität nach Renditen. Zusätzlich haben „Reformkräfte“ von Finnland bis Chile, von Irland bis Indonesien sozial gebundenes Kapital aus Renten- und Gesundheitssystemen, aus kommunalen Versorgungsunternehmen, Fluglinien und anderen bisher gemeinschaftlich betriebenen Dienstleistungsbereichen privatisiert und ebenfalls dem Spieltisch der Finanzmärkte zugeführt. Schlanker Staat heißt fettes Geld.

Nach der neoklassischen Investitionstheorie sollte ein steigendes Angebot an Liquidität Investitionen in die Realwirtschaft entweder verbilligen oder – bei gleichbleibenden Finanzierungskosten – mehr Investitionen ermöglichen. Weshalb die steigenden Mengen Kapital auf den Finanzmärkten offensichtlich nicht den Weg in langfristig orientierte, wohlfahrtsfördernde Investitionen finden, ist einfach erklärt: Kapital fließt dorthin, wo es bei vergleichbarem Risiko den höchsten Profit abwirft oder bei gleichem Profit das geringere Risiko eingeht. Und die Liberalisierungspolitik seit den 1980er Jahren hat das Risikogleichgewicht zwischen Investitionen in die Realwirtschaft und in Finanzprodukte zugunsten der letzteren verschoben.

In der Realwirtschaft herrscht ein hohes und durchaus sinnvolles Regulierungsniveau. So ist es dem Bäcker verboten, in seinen Brötchen Zement statt Mehl zu verarbeiten, pharmazeutische Produkte sollten ihre Wirksamkeit und Unschädlichkeit nachweisen können, Teilnehmer am motorisierten Straßenverkehr kommen um eine Haftpflichtversicherung nicht herum. Die Anbieter müssen eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen, Steuern und Abgaben in ihre Preiskalkulation einrechnen – alle etwa eine Umsatzsteuer.

Auf den Finanzmärkten dagegen vertreibt die Finanzindustrie ganz selbstverständlich Produkte, die völlig nutzlos für den Kunden sein können. Das Marktrisiko liegt beim Käufer; abgesehen von einer Einlagensicherung durch Eigenkapital, die leicht mit Bilanzierungstricks zu umgehen ist, besteht für Anbieter auf den Finanzmärkten keinerlei Versicherungspflicht. Entsteht ein Kollateralschaden wie im Falle einer Finanzkrise, dann zahlen in der Regel nicht die Verursacher, sondern Opfer und Unbeteiligte die Zeche. Und von Umsatzsteuern sind Finanzmarktakteure gänzlich befreit. Genau betrachtet handelt es sich bei diesem Regulierungsrückstand um eine indirekte Subvention.

In einem von Unsicherheit geprägten Umfeld erscheinen Investitionen in kurzfristige Finanzmarktprodukte weniger riskant und lohnender als vergleichbare in die Realwirtschaft. Die Liberalisierungspolitik hat daher einen regelrechten Boom von Finanzinnovationen ausgelöst. Die stärksten Wachstumsraten verzeichneten die Marktsegmente, für die der Regulierungsstandard am niedrigsten ist. Hohe Wachstumsraten wiederum verringern das Risiko für Anleger, weil der Preis von Finanzprodukten mit der Zahl der Neuanleger steigt und damit auch der Wert der Anlagen. Zudem eignen sich Finanzprodukte auch, um an schlechten Konjunkturentwicklungen zu verdienen. Anders als in der Realwirtschaft können Markteilnehmer an den Finanzmärkten von Wohlfahrtsverlusten sogar profitieren.

Ein weiteres Grundproblem sind die Mentalität und die Orientierungslosigkeit auf den Finanzmärkten. Rolf Breuer, ehemals Vorstandssprecher der Deutschen Bank, hat diese Märkte in den Stand der „fünften Gewalt“ erhoben – einer von höherer Hand legitimierten Kontrollinstanz, die ob ihrer Effizienz letztlich über den demokratischen Gewalten stehe. Dieses Selbstverständnis teilen fast alle Beteiligte an den neuen Finanzmärkten. Sie sehen sich als Sendboten einer natürlichen Ordnung, die Unternehmen und Staaten einer „gerechten“ Belohnung oder Abstrafung unterzieht, wenn sie Regeln des Marktes befolgen oder missachten.

Emissionshandel: Heiße Luft für eine neue Blase?

Vor Ausbruch der gegenwärtigen Finanzkrise wollte keiner der Beteiligten wahrhaben, dass die Hypothekenkredite, auf denen die riskanten Finanzprodukte basierten, eigentlich längst geplatzt waren.…

Derart überhebliche Äußerungen waren im Rausch der 1990er Jahre keine Seltenheit. Erlaubt sei, was Profit bringe, Verbote schadeten dem Geschäft. Trader, die in ihrer Freizeit den Golfpartnern penibel das sportliche Regelwerk erklären, tricksen im Geschäft die Finanzaufsicht, Steuerbehörden und Bilanzprüfer nach Belieben aus. Mittlerweile gibt man sich in der Finanzwelt etwas bescheidener. Dennoch wollen die monetären Freibeuter allenfalls selbst verordnete Regeln akzeptieren oder Regulierung in Form von privaten Finanzdienstleistungen einkaufen. Die Analyse der Rolle von Rating-Agenturen bei der Entstehung von Finanzkrisen hat aber gezeigt, dass die aufgrund ihrer eigenen Geschäftsinteressen und ihrer Nähe zu den Finanzhäusern meist als gut und sicher bestätigen, was gerade gut läuft oder laufen soll. Sie korrigieren ihre Einschätzungen drastisch, wenn die Herde der Lemminge plötzlich in Richtung Chaos abdreht. Diese Allianz der Selbstbestätiger und Selbstregulierer erzeugt allenfalls eine Sicherheitsillusion.

Mit fatalen Folgen. Studien über die Psychologie von Kapitalanlegern und deren Marktverhalten belegen, dass gerade die gefühlte Marktanarchie zu gefährlichen Übertreibungen und Fehlorientierungen führen kann. Angesichts der gehandelten Summen – allein auf den Devisenmärkten zwischen 1 und 3 Billionen US-Dollar pro Handelstag – und bestärkt dadurch, dass Transaktionen wie ein Computerspiel anmuten können, kommt es zu massenhaften Fehleinschätzungen. In einem von mörderischer Konkurrenz angestachelten Wettbewerb und einem von Hierarchien geprägten Arbeitsumfeld schwankt die Gemütsverfassung der Händler mitunter börsensekündlich zwischen Allmacht und Weltuntergang. In rasantem Tempo wechseln das Personal sowie die Moden und Instrumente, mit denen man glaubt, den Geschäftsrisiken mathematisch auf die Spur zu kommen. Hinzu kommt, dass außer einigen Mathematikgenies keiner der Beteiligten den Wust an neuen Finanzprodukten auch nur annähernd begreifen kann. Systematische Lerneffekte sind in diesem Umfeld ausgeschlossen, systemische Mängel die Regel.

Die gegenwärtige Finanzkrise wird allenthalben auf Gier, Fehlverhalten der Finanzmarktteilnehmer sowie angelsächsische Vetternwirtschaft zurückgeführt. Das verstellt den Blick auf die Krisentreiber im Bauplan des Weltfinanzsystems. Möglicherweise gierige Individuen an den Börsen und in der Finanz-industrie haben nur umgesetzt, was sie umsetzen durften: Alles. Die Entwicklung der neuen globalen Finanzmärkte wurde nie ernsthaft von einer staatenübergreifenden Regulierungsarchitektur begleitet. Aufsichtsgremien wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, der von Keynes einmal die Rolle einer Weltzentralbank zugedacht war, beschränken sich heute weitgehend auf die Bilanzierung des Elends.

Vor einigen Jahren noch war der Eingang der BIZ so unscheinbar, dass man, wenn man als Besucher nach dem Weg fragte, auf die Tür neben einer bekannten Konditorei verwiesen wurde. Heute verfügt die BIZ zwar über eine standesgemäße Fassade. Aber dahinter siechen die Reste früherer Regulierungsinitiativen – etwa des Forum Finanzmarktstabilität und des Ausschusses zur Kontrolle der Highly Leveraged Institutions wie Hedge Fonds – als harmlose Relikte vor sich hin. Sie sind auf freiwillige Zusammenarbeit mit den zu Kontrollierenden angewiesen, werden von diesen aber ebenso höflich wie gründlich ignoriert. Dabei würden die Mitarbeitenden der BIZ, der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) oder der entsprechenden britischen Behörde sicher gern mehr ins Geschehen des Marktes eingreifen. Sie dürfen aber nicht.

Krisen sind günstige Anlässe, um unkonventionelle Allianzen aus den verschiedensten Interessengruppen zu schmieden. Die Zahl derer, die unter den Auswirkungen der Finanzkrise leiden, ist groß und breit gestreut: Millenniumsziele geraten außer Reichweite, Konsumtempel stürzen ein, Mittelständler klagen, Banken brauchen Bürgschaften, Beschäftigte arbeiten kurz, Steuereinnahmen brechen weg und manchem EU-Staat droht der Staatsbankrott. Bisher ist die Krisenbearbeitung aber nicht über das Kurieren an Symptomen hinausgekommen. Es genügt nicht, die Finanzkrise als das Versagen eines Marktsegmentes, der Verbriefung von Hypothekenschulden, zu behandeln. Grundsätzliche Veränderungen bei der Regulierung der Finanzmärkte sind nötig – einschließlich Eingriffen in das realwirtschaftliche Umfeld.

So braucht man eine Genehmigungsinstanz für Finanzinnovationen, eine Art TÜV für Finanzprodukte. Papiere, die auf lebenswichtigen Werten aufbauen, etwa Weizenkontrakte oder Wetten auf Hungersnöte und Wirbelsturmschäden, müssen rigiden Einschränkungen unterworfen werden. Für Investitionen in Märkte, die besonders starken Schwankungen unterliegen, sollten Anleger ein Bardepot hinterlegen müssen; so würden die Kapitalausstattung verstetigt und Preisschwankungen verringert. Teilnehmer auf riskanten, hochspekulativen Märkten sollten einer nach Risiko gestaffelten Versicherungspflicht unterliegen. Die Haftungs- und Regresspflichten von Finanzberatungsunternehmen sollten drastisch verschärft werden.

Weiter dürfen Finanztransaktionen nicht von der Unsatzsteuer befreit werden. Eine Transaktionssteuer von 0,5 Prozent, die bei jedem Währungsübergang fällig wird, kann den Einstieg in ein internationales Regime von Transaktionssteuern befördern. Alternativ ist eine Abgabe oder Gebühr denkbar, deren Höhe an Marktzustandsindikatoren gebunden ist: Wer in sich überhitzende Märkte investieren will, muss mehr zahlen. Der Marktzugang für Standorte und Akteure, die weniger reguliert sind als der globale Durchschnitt, sollte erschwert werden – so würden sie zur Anhebung der Sicherheits- und Transparenzstandards ermuntert. Dies träfe etwa Hedge Fonds und Offshore-Finanzplätze.

Schließlich müssen die innergesellschaftliche und die globale Einkommensverteilung weniger ungleich werden. Dazu sollten Steuerarten, die das Leistungsprinzip fördern wie Erbschafts- und Vermögenssteuern, beibehalten und ausgeweitet werden. Mit Hilfe von Transferzahlungen sollten die besser gestellt werden, deren Einkommen niedrig ist und die deshalb einen großen Teil davon konsumieren.

Die staatlichen Rettungspakete, Bürgschaften, Schuldenübernahmen und Konjunkturpakete aufgrund der gegenwärtigen Krise beliefen sich bis Februar 2009 weltweit auf 15 bis 25 Billionen US-Dollar. Allein die jährliche Zinslast aus dieser Hypothek wird 1000 Milliarden US-Dollar betragen. Die Zahlen belegen, welche Bedeutung einer fundamentalen Änderung der Weltfinanzarchitektur zukommt. Regierungen und Bürger müssen handeln, um nicht selbst zur spekulativen Handelsware zu verkommen. Wir können uns weder den Normalbetrieb unregulierter Finanzmärkte leisten noch eine neue Finanzkrise.

 

erschienen in Ausgabe 7 / 2009: Finanzordnung: Was die Krise lehrt