Rückgrat der Wirtschaft

Die Zahl der wirtschaftlich selbstständigen und gebildeten Frauen in Sri Lanka wächst. Auf politischer Ebene hingegen haben Frauen bislang kaum Einfluss. Die Rechtsanwältin Kshanika Weeratunge ist Präsidentin der nichtstaatlichen Organisation Agromart, die vom Marie-Schlei-Verein unterstützt wird. Sie setzt sich dafür ein, dass Frauen ihre Rechte politisch durchsetzen.

Marie-Schlei-Verein: 25 Jahre Hilfe für Frauen

Der Marie-Schlei-Verein unterstützt seit 25 Jahren Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekte in Afrika, Asien und Lateinamerika, um Frauen eine berufliche Perspektive zu eröffnen. Neben der…

Ihre Organisation Agromart unterstützt seit 20 Jahren Frauen in den ländlichen Gebieten Sri Lankas. Wie ist deren gesellschaftliche Stellung heute?

Bei Gesundheit und Bildung ist Sri Lanka weiter entwickelt als die südostasiatischen Nachbarländer. Wir haben eine hohe Alphabetisierungsrate und freie Gesundheitsversorgung. Seit 40 Jahren besteht Chancengleichheit im Bildungssystem, auch an den Universitäten ist ein großer Prozentsatz von Frauen vertreten.

Das klingt recht rosig. Wie ist die Situation in Wirtschaft und Politik?

Frauen bilden das Rückgrat der Wirtschaft. Die höchsten Einnahmen erzielt Sri Lanka aus der Arbeitsmigration. Die meisten der etwa eine Millionen Menschen, die in Übersee arbeiten, sind Frauen. Auch in der Textilindustrie und der Teeproduktion ist die Mehrzahl der Beschäftigten weiblich. Von politischen Entscheidungen sind Frauen aber weitgehend ausgeschlossen. Im nationalen Parlament und in den Provinzräten sind nur vier Prozent Frauen vertreten.

Wie lassen sich Beruf und Karriere vereinbaren?

Es gibt viele Frauen, die ihre Familien versorgen. Aber immer mehr arbeiten nach der Hochzeit weiter, viele in Schule und Verwaltung. Was Führungspositionen betrifft, wird es schwieriger. Es gibt keine Betreuungseinrichtungen für Kinder, und die Großfamilie kann sich häufig nicht mehr um sie kümmern. Dann liegt es allein an den Frauen, Beruf und Familie zu verbinden – oder eben die Karriere zu opfern. Diese Probleme haben Männer nicht: Ihnen halten die Frauen den Rücken frei.

Wo sehen Sie die stärksten Benachteiligungen für Frauen?

Das größte Problem ist die geschlechtsspezifische Gewalt. Sie ist weit verbreitet und es wird nicht viel dagegen getan. Zwar werden laut Gesetz Vergewaltiger bestraft, doch es ist schwierig, dieses Recht durchzusetzen. Die Rechtswege sind lang, Verfahren können sich bis zu acht Jahre hinziehen. Ein Vergewaltigungsopfer kann doch nicht sieben Jahre seines Lebens mit dem offenen Trauma leben, nur weil das Justizsystem so träge ist. Deshalb verzichten viele Frauen darauf, diesen Weg zu gehen. Auch die Polizei zeigt kein besonderes Interesse, diese Fälle zu verfolgen.

Agromart arbeitet mit der Landbevölkerung. Wo setzen Sie an?

Wir schulen die Frauen darin, ein Geschäft zu führen, das sich dauerhaft selbst trägt und ein regelmäßiges Einkommen sichert. Mit unserer Hilfe schließen sie sich zu lokalen Gruppen zusammen, für die wir Absatzmöglichkeiten organisieren. Wir geben Mikro-Kredite, die die Frauen selbst verwalten. Es hat sich gezeigt, dass sehr viele Frauen mit dieser Unterstützung große, tragfähige Geschäfte aufbauen können. Im vergangenen Jahr gingen bei der Preisverleihung für die erfolgreichsten Unternehmerinnen der Frauenkammer für Industrie und Handel die goldene, silberne und bronzene Medaille in der Kategorie Kleinstunternehmen an unsere Mitglieder. Das ist auch für uns ein riesiger Erfolg.

Sie beobachten bei den Frauen einen Emanzipationsprozess?

Definitiv. Wenn man ihnen die Möglichkeiten gibt, dann sind sie sehr erfolgreich. Wir müssen sie noch mehr darin bestärken, Führungsaufgaben in den Dorfgemeinschaften zu übernehmen. Daran arbeiten wir jetzt. Der nächste Schritt ist dann, politische Verantwortung zu übernehmen. In einem unserer Programme haben wir 15 Frauen auf ihren Einstieg in die Lokalpolitik vorbereitet. Das ist der Weg, den Frauen gehen müssen, um künftig selbst Entscheidungen zu treffen.

Ruft die Emanzipation auch Konflikte hervor, etwa mit den Ehemännern? Wie reagieren sie auf das erstarkte Selbstbewusstsein der Frauen?

Bisher sehe ich nur positive Auswirkungen. Einige Frauen unterstützen ihre Männer, beispielsweise indem sie ein Boot kaufen, damit die sich ein kleines Geschäft aufbauen können. Auf dem Land ist jedes zusätzliche Einkommen wichtig, da wird nicht geschaut, wo es herkommt.

Das Gespräch führte Michaela Ludwig.

Die Rechtsanwälting Kshanika Weeratunge setzt sich in Sri Lanka für die Frauenrechte ein.

 

erschienen in Ausgabe 8 / 2009: Kaukasus: Kleine Völker, große Mächte
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