„Gender-Themen kommen zu kurz“

Vor zwei Jahren hat die Weltbank einen Aktionsplan für die Gleichberechtigung von Frauen verabschiedet. Doch das Thema genießt in der Bank weiterhin keine Priorität, sagt Claudia Müller, die die vergangenen drei Jahre den deutschen Weltbank-Exekutivdirektor in Washington beraten hat. Projektleiter interessiere die Förderung von Frauen nicht, weil sie keine kurzfristigen Erfolge zeitige. Laut Claudia Müller will der amtierende Weltbank-Präsident Robert Zoellick aber Fragen der Gleichstellung künftig mehr Gewicht geben.

Es heißt, Chancengleichheit von Frauen und Männern ist eine entscheidende Voraussetzung für Wachstum und Entwicklung. Wie hängt das zusammen?

Wenn Frauen arbeiten, wachsen Produktivität, Konsum und letztlich die Wirtschaft. Wenn sie mehr Entscheidungsbefugnisse in der Familie haben, können sie besser für die Gesundheit und Ausbildung ihrer Kinder sorgen. Und das wirkt sich wiederum günstig auf die künftige wirtschaftliche Entwicklung aus.

Gleichstellung ist also auch ein wichtiges Thema für die Weltbank. Wie schlägt sich das in ihren Projekten und Programmen nieder?

Die Weltbank hat 1984 eine erste Gender-Richtlinie erlassen, zehn Jahre später wurde dann ein Strategiepapier verabschiedet. Seit 2001 gibt es eine umfassende Strategie zum Gender-Mainstreaming. Das heißt, bei allen Analysen, bei der technischen Unterstützung und in allen Projekten und Programmen müssen Gleichstellungsaspekte berücksichtigt werden. Die Strategie legt zudem Verfahren zur Kontrolle und Evaluierung fest sowie ein zusätzliches Budget. Aber sie wird leider nicht konsequent angewendet.  

Woran liegt das?

Die Weltbank hat ja den Auftrag, die Armut zu verringern und das Wirtschaftswachstum zu steigern. Chancengleichheit für Frauen ist ein Menschenrechtsthema – und das zählt letztlich nur insoweit zum Mandat der Bank, wie es dem Wirtschaftswachstum dient. Darüberhinaus werden Erfolge bei der Gleichstellung von Frauen nur langfristig sichtbar. Das nützt dem Projektleiter nichts. Außerdem hat die Weltbank 180 Anteilseigner, das sind in der Mehrheit Entwicklungsländer, in denen Frauen oft wenig Rechte haben. Da ist Gleichstellung ein politisch heikles Thema, mit dem man Partner durchaus auch verprellen kann.

Interessieren sich Projektleiter deshalb nicht für Gleichstellung, weil sie sich den Erfolg nicht zuschreiben können?

Genau. In der Weltbank macht man Karriere, wenn man eine Projektvorlage erfolgreich im Direktorium präsentiert hat. Wie das Projekt fünf Jahre später dasteht, interessiert niemanden mehr. Deshalb besteht kein Anreiz für den Projektleiter, langfristige Komponenten wie Gleichstellung zu berücksichtigen.

Wie lässt sich das ändern?

Man muss auf die Anwendung der Vorschriften dringen. Das tut Deutschland bereits, wir brauchen aber mehr Verbündete. Auf Umwelt- und Sozialstandards sowie Vorschriften zur Korruptionsbekämpfung wird großen Wert gelegt. Aber auf die Verwirklichung der Gender-Richtlinie achtet kaum jemand. Das hat mich sehr erstaunt. Es geht ja nicht darum, dass es moralisch gut ist, Frauen mehr Rechte zu geben. Es ist entwicklungspolitisch sinnvoll. Aber das ist vielen Leuten offenbar nicht klar. Es heißt immer wieder, alles habe sich doch verbessert, beispielsweise hätten Frauen inzwischen in vielen Ländern das Wahlrecht. Ich glaube, es ist den Menschen nicht bewusst, wie das Leben von Frauen in Entwicklungsländern wirklich aussieht.

Ist denn mit dem Gender-Mainstreaming etwas erreicht worden?

Es hat sich ein Bewusstsein entwickelt, dass Gender „irgendwie wichtig“ ist. Bei Bildungs- und Gesundheitsprogrammen wird Chancengleichheit inzwischen recht gut berücksichtigt. Das ist allerdings auch einfach. So kann man sich etwa zum Ziel setzen, dass gleich viele Mädchen und Jungen eingeschult oder geimpft werden, und es lässt sich leicht überprüfen, ob dieses Ziel auch erreicht worden ist. Schwieriger wird es bei Infrastruktur und Finanzwesen. Deshalb wurde 2007 der Gender Action Plan ins Leben gerufen.

Welche Ziele verfolgt der Plan?

Mit dem Plan stehen für vier Jahre zusätzlich 60 Millionen US-Dollar zur Verfügung, 12 Millionen Dollar bezahlt die Bank selbst, den Rest die Geber. Damit sollen Wissenslücken geschlossen werden, wie Gleichstellungsaspekte in Infrastruktur- oder Finanzprojekte integriert werden können. Es sollen Best-Practice-Beispiele entwickelt, gesammelt und systematisch aufbereitet werden, damit alle darauf zugreifen können. Mitarbeiter der Bank sollen die Erkenntnisse langfristig nutzen. Aber da bin ich sehr skeptisch. Wer soll diese Arbeit nach Ablauf des Plans weiter finanzieren? Es ist sehr schwierig, festzustellen, wie viel Geld derzeit für Gleichstellungsfragen zur Verfügung steht. Laut Gender-Mainstreaming-Strategie sollten es 2,5 Millionen US-Dollar im Jahr sein. Aber eine interne Evaluierung hat ergeben, dass das Geld nur in den ersten drei Jahren nach deren Verabschiedung bewilligt wurde.

Haben Sie Hoffnung, dass sich die Gleichstellungspolitik stärker durchsetzt?

Wir arbeiten nach dem Motto „Steter Tropfen höhlt den Stein“. Es wird sicher noch einige Jahre schwierig bleiben. Immerhin hat sich Weltbank-Präsident Robert Zoellick öffentlich auf das Erreichen von Gender-Zielen verpflichtet. Er hat zum Beispiel gesagt, dass der für die Kooperation mit den ärmsten Entwicklungsländern zuständige Arm der Weltbank IDA mehr Mittel für die Gleichstellung von Frauen verwenden soll. Bei Nahrungsmittelprogrammen solle darauf geachtet werden, dass Bäuerinnen stärker gefördert werden. Voraussichtlich in zwei Jahren soll außerdem erstmals der Weltentwicklungsbericht zum Thema Gender erscheinen. Und der Präsident hat angekündigt, da ss das Top-Management der Weltbank bis zum Jahr 2012 paritätisch mit Männern und Frauen besetzt sein soll.

Das Gespräch führte Gesine Wolfinger.

Claudia Müller war drei Jahre lang als Beraterin des deutschen Exekutivdirektors der Weltbank unter anderem für Gleichstellungsfragen zuständig. Seit Anfang September arbeitet die promovierte Volkswirtin bei der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG).

 

erschienen in Ausgabe 10 / 2009: Homosexualität: Akzeptiert, verdrängt, verboten