Demokratisierung
Von einem Autodach aus führt Alaa Salah im April in Khartum Proteste gegen Staatschef Omar al-Baschir an.  
Demokratisierung

Ein neuer Start für den Sudan

Nach dem Sturz von Präsident Omar al-Baschir besteht Aussicht auf eine echte Demokratisierung des Landes. Wird diese Chance aber vertan, könnte das den Sudan in den Abgrund reißen.

Von außen betrachtet wirkt die Geschichte des Sudans wie ein endlose Kette von Fehlern und nicht wie eine Abfolge von Entwicklungsschritten. Es war nie leicht, ein politisches Modell für das Land zu finden. Das hat zum Teil mit den besonderen Umständen zu tun, unter denen der Sudan geschaffen wurde. Die Unabhängigkeit 1956 war der Beginn einer neuen Ära. Damals dachte man, der Wandel vom Kolonialstaat in eine souveräne Nation werde einfach einem natürlichen Weg folgen. Dabei hat es von Anfang an Probleme gegeben.

Die innere Zerrissenheit des Landes führte dazu, dass regionale und ethnische Interessen über eine gemeinsame politische Idee gestellt wurden. Dieses Problem hatten alle neuen unabhängigen Länder Afrikas; letztlich ging es um eine Antwort auf die Frage nach einer nationalen Identität. Der Widerstand gegen die europäischen Mächte, die den Kontinent im 19. Jahrhundert aufgeteilt hatten, war das gemeinsame Motiv für die Unabhängigkeit. Kaum aber war sie erreicht, war die Einheit dahin und traten Brüche zutage. In gewisser Weise hatte allein die Kolonialmacht, die sich gerade erst zurückgezogen hatte, das Land zusammengehalten. Während der Kolonialzeit war eine nationale Identität nicht gefördert worden, und davor hatte es eine Reihe von Königreichen und Sultanaten gegeben, die nicht miteinander verbunden waren. Wir wussten nicht, wer wir sind.

Während der vergangenen zwei Jahrzehnte hat sich das geändert. Khartum, die Hauptstadt, ist gewachsen, Menschen aus dem ganzen Land sind hierher geströmt auf der Flucht vor Dürren, Hunger und Krieg. Die Stadt ist ein Spiegelbild des Landes. Zugleich ist das Problem der politischen Vertretung gewachsen: Die ländlichen Gegenden werden vom Zentrum aus von einer kleinen Elite regiert.

Der Schlüssel für die Zukunft

Revolution ist nicht einfach. Wir alle sind Zeugen geworden, wie Libyen, der Jemen und Syrien in mörderische Konflikte abgerutscht sind. In Ägypten ist die alte Militärjunta in neuer, noch böserer Gestalt wiederauferstanden; die Hoffnungen auf eine wirklich repräsentative Regierung haben sich in absehbarer Zeit zerschlagen.

Autor

Jamal Mahjoub

ist britisch-sudanesischer Schriftsteller und lebt in Amsterdam. Zuletzt ist von ihm der Roman „A Line in the River: Khartoum, City of Memory“ (Bloomsbury 2019) erschienen.
Der Sudan unterscheidet sich davon in einem wichtigen Aspekt: Der politische Islam und die von ihm ausgehende Drohung haben sich über die vergangenen drei Jahrzehnte erschöpft, weil es ihm nicht gelungen ist, das Land zu einen und Wohlstand für alle zu bringen. Die Protestierenden der vergangenen Monate haben klar gemacht, dass sie nicht bereit sind, ihre Freiheit gegen Finanzhilfen aus Ländern wie Saudi-Arabien zu tauschen.

Der Schlüssel zur Zukunft liegt darin, die vielfältige Identität des Landes anzuerkennen und sich den damit verbundenen Problemen zu stellen, statt auf eine Politik des „Teile und Herrsche“ zu setzen wie unter Omar al-Baschir. Die Proteste waren von großer Kreativität geprägt, was auf langjährige Frustration insbesondere der Jugend hinweist. Auf den Straßen wurde Musik gespielt, an den Hauswänden der Hauptstadt blühte Street Art auf. Es war eine Zeit der Einigkeit, geprägt von symbolischen Verweisen auf die vorislamische Zeit des Landes. Die matriarchale Königin – Kandaka – aus der nubischen Kultur ist im Bild der jungen, protestierenden Frau eingefangen worden, das um die Welt gegangen ist: Alaa Salah, die auf einem Auto stehend die Demonstranten anführt. Dieser Revolution ist es darum gegangen, das Land zu seinem wahren Wesen zurückzuführen.

Die alten Abgrenzungen müssen überwunden werden

Die Sudanesen hatten schon immer Probleme damit, das Private vom Politischen zu trennen. Seit der Unabhängigkeit 1956 ist es nur selten gelungen, eine gemeinsame Idee über den regionalen oder ethnischen Zusammenhalt zu stellen. Aber genau das ist eine Voraussetzung der Demokratie. Einigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg. Die alten Abgrenzungen und Vorurteile müssen überwunden werden. Die Revolution wurde ausgelöst von der wachsenden Ungleichheit und der Frustration einer Mehrheit über den Mangel an Möglichkeiten. Die Menschen haben sich ausgebremst gefühlt, während sie zusehen mussten, wie andere mit mehr Glück an ihnen vorbeiziehen, sicher verschanzt hinter ihrem Schild aus Privilegien und Reichtum.

Viele wollen, dass die Revolution scheitert. Ganz oben auf der Liste stehen die Saudis, die al-Baschir Millionen gezahlt haben, um ihn an der Macht zu halten. Sowohl Saudi-Arabien als auch die Vereinigten Arabischen Emirate haben jetzt schon ihren Willen gezeigt, mit Geld für militärische Schlüsselfiguren die Entwicklung des Landes zu beeinflussen. Sie würden den Sudan weiterhin gern auf Kurs eines konservativen Islams sehen. Zudem haben sie große landwirtschaftliche Interessen in dem Land, aus dem das Futter für ihren Viehbestand kommt. Die Gefahr ist, dass das Militär einknickt und die Geduld mit der zivilen Regierung verliert.

Putschversuche von Hardlinern

In den vergangenen Monaten gab es mindestens vier militärische Putschversuche, alle offenbar von Hardlinern des alten Regimes angeführt. Putsche gab es bei uns schon immer: Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich als Kind vom Geräusch ferner Schüsse aufgewacht bin und dann die Schule ausfiel, weil gerade ein Putsch stattfand.

Die vergangenen 30 Jahre unter al-Baschir wirken wie eine Verirrung, wie ein Versuch, uns von der Modernität weg und in eine vergangene Zeit zu führen, in der man die Lösung aller Probleme in einem einzigen Buch zu finden glaubte. Die Verbindung des Landes zur arabischen Welt ist aber brüchiger, als viele wahrhaben wollen. Der Sudan hatte schon immer ein ganz eigenes Wesen. Die Geschichte verbindet uns ethnisch und kulturell mit unseren afrikanischen Nachbarn im Süden und Westen. Autoren und Denker haben immer wieder versucht, das einmalige kulturelle Erbe des Sudans in Literatur und Kunst einzufangen, indem sie afrikanische und arabische Elemente miteinander verknüpften.

Die Übergangsregierung steht schon jetzt für die Rückkehr zu einer vielfältigeren politischen Landschaft. Die Entsendung einer koptisch-christlichen Frau in den derzeit regierenden Rat aus Zivilisten und Militärs und die Bestellung der ersten weiblichen Außenministerin sind erfreuliche Schritte. Mit bewaffneten Fraktionen im Westen des Landes sind Verhandlungen geplant, was unter dem vorherigen Regime ebenso undenkbar war wie die Sicherung der Pressefreiheit.

Der jetzige Premierminister, Abdalla Hamdok, ist ein Ökonom, der für verschiedene In-stitutionen und Organisationen in Afrika gearbeitet hat. Noch bedeutender ist, dass er der erste Premierminister aus Darfur ist, wo die Regierung von al-Baschir viele Jahre lang Rebellenbewegungen gewaltsam unterdrückt hat.

Alles erscheint möglich

Der Sudan hat jetzt die Möglichkeit, die Uhr zurückzustellen und neu anzufangen, vielleicht sogar von einer besseren Startposition aus. Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels, in der Die alten Abgrenzungen und Vorurteile müssen überwunden werdeneint. Klar ist, dass Scheitern keine Option ist. Es würde das Land zu Jahrzehnten der Instabilität verurteilen, zu Krieg, Schmerz und vielleicht sogar dazu, dass es weiter zerfällt.

Zwei Mal schon, im Oktober 1964 und im April 1985, wurden ungeliebte Regime nach Massenprotesten entmachtet. Aber das hat in beiden Fällen nur kurz zu einer zivilen Regierung geführt und wurde durch Interventionen des Militärs beendet. Vielleicht haben wir die richtigen Lehren daraus gezogen. Der Sudan ist seit 70 Jahren unabhängig. Es wird langsam Zeit, die richtige Formel dafür zu finden. Wir können nur hoffen.

Aus dem Englischen von Miriam de Hohenstein und Tillmann Elliesen.

erschienen in Ausgabe 11 / 2019: Aufbruch am Horn von Afrika

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