Geld für kein Öl

Die Regierung Ecuadors möchte den Schutz des Klimas mit dem des Regenwaldes und indigener Völker verbinden: Sie will in einem Teil ihres Amazonas-Gebietes kein Öl fördern und bittet die Staatengemeinschaft dafür um Finanzhilfe, unter anderem für den Erhalt des Nationalparks dort. In der betroffenen Region selbst ist der Vorschlag aber kaum bekannt. Die Gemeinden dort wollen bei der Verteilung des Geldes mitreden.

Seit zweieinhalb Jahren macht unter dem Stichwort „Dschungel statt Öl“ eine von Umweltgruppen entwickelte Idee Furore: Jene Erdölreserven, die im äußersten Osten des ecuadorianischen Amazonasgebiets lagern, sollen im Boden bleiben. Es handelt sich um knapp eine Milliarde Barrel (à 159 Liter) oder ein Fünftel der Ölreserven Ecuadors. Im Gegenzug soll die internationale Gemeinschaft zwanzig Jahre lang die Hälfte der vermuteten Deviseneinkünfte aufbringen, das sind 350 Millionen US-Dollar im Jahr.

„Kein schlechtes Geschäft“ sei das für die Industriestaaten, lockte im April 2007 Alberto Acosta, einer der Initiatoren und damals Ecuadors erster „grüner“ Energie- und Bergbauminister: „Dafür bekommt ihr von uns: keine CO2-Emissionen, Schutz der Artenvielfalt und der indigenen Völker. Und Sauerstoff aus dem Regenwald.“ Wochen später erklärte Ecuadors linker Präsident Rafael Correa die Yasuní-ITT-Initiative zum Regierungsprojekt und wirbt seither auf internationalen Foren dafür. Benannt ist sie nach dem östlichen Teil des 9800 Quadratkilometer großen Yasuní-Nationalparks, dem Ishpingo-Tambococha-Tibutini-Korridor (ITT).

Autor

Gerhard Dilger

ist freier Journalist in Porto Alegre, Brasilien. Er ist Südamerika-Korrespondent unter anderem der taz und des epd.

In den vergangenen Monaten wurde das Projekt weiter präzisiert. „Der Nutzen für die Erde besteht vor allem in den vermiedenen CO2-Emissionen, ungefähr 410 Millionen Tonnen“, sagt der Unternehmer Roque Sevilla vom zuständigen Regierungskomitee. „Deswegen möchten wir nun nicht mehr für das Öl entschädigt werden, sondern für das Kohlendioxid.“ Auf dem Klimagipfel in Kopenhagen, so hofft er, könnte der Vorschlag aus Ecuador als Vorbild für andere Tropenländer mit großen Regenwäldern wie Indonesien, Kongo oder Peru dienen.

Doch was halten die Menschen in der Amazonasregion von der Yasuní-ITT-Initiative? Eine Bootsfahrt auf dem Amazonas-Nebenfluss Napo gibt Aufschluss. Auf der Fahrt von Coca, der Hauptstadt der Urwaldprovinz Orellana, flussabwärts Richtung Nuevo Rocafuerte an der Grenze zu Peru ist am Nordufer zunächst das Ölfeld Sacha zu erkennen. Früher wurde es von Texaco betrieben, nun soll ein Joint Venture zwischen den Staatsbetrieben Petroecuador und PDVSA (Venezuela) die Tagesproduktion von 48.000 auf 70.000 Barrel steigern. Hinter den Bäumen schießen zwei Flammen in den Himmel. Nach einer Stunde gelangen wir nach Itaya zur Hafenanlage von Block 15, einem Fördergebiet, das Petroecuador vor einigen Jahren vom US-Multi Occidental Petroleum (Oxy) übernommen hat. Seit 2008 werden die Ölfelder von Petroamazonas gemanagt, einer ecuaodrianischen Aktiengesellschaft mit ausschließlich öffentlichem Kapital.

Unmittelbar daneben leben 120 Kichwa-Indianer vom Kakao-, Kaffee- und Maisanbau. „Hier verseuchen 18 Bohrlöcher das Wasser“, sagt Daniel Tangüela, einer der Sprecher, im schmucklosen Gemeinschaftsraum des Dorfes Providencia. „Fische gibt es kaum noch, und der ständige Lärm vertreibt die wilden Tiere.“ Dennoch trauert er Oxy nach: „Die haben uns wenigstens als Bootsfahrer verpflichtet, die Verträge eingehalten, unsere Schule unterstützt.“ Von der Schönheit des Yasuní-Nationalparks, der auf der anderen Seite des Flusses beginnt, sehen die Bewohner Providencias wenig: Auf dem Napo, der an den engsten Stellen einen halben Kilometer breit ist, bringen Fähren Lastwagen, Kräne und Betonröhren in die Ölfördergebiete.

Gedämpft ist auch die Stimmung auf der Gemeindeversammlung in Pañacocha, eine weitere Stunde flussabwärts. „Petroamazonas kauft uns nicht einmal unser Obst und Gemüse ab“, sagt der Dorfvorsteher Nelson Rivadeneira, „alles lassen sie von außen herbringen.“ Heute sei die Umweltverschmutzung nicht mehr so offensichtlich wie in den achtziger Jahren, als Texaco am Oberlauf des Napo und seinen Nebenflüssen wütete: „Damals war der ganze Fluss mit einer schwarzen, fünf Zentimeter dicken Ölschicht bedeckt. Viele sind an Krebs gestorben.“ „Die Ölfirmen haben uns gespalten“, berichtet der Endvierziger. „Nie reden sie mit allen, sie greifen sich einzelne Leute oder Gruppen heraus und machen Versprechungen. Den Reichtum schaffen sie weg, die Armut bleibt.“ In Pañacocha hat sich ein Teil der Gemeinde abgespalten, nun beschäftigt der Streit die Justiz. Die Lebensweise und Kultur der Kichwa und der mestizischen Siedler, die sich vor Jahrzehnten am Ufer des Napo niedergelassen haben, hätten sich radikal gewandelt. „Wir waren Bauern, die sich gegenseitig ausgeholfen haben. Heute geht alles nur gegen Bezahlung“, bedauert Rivadeneira. „Früher wussten wir nicht, was Zeit ist, heute geht alles nach der Uhr. Kleidung, Ess- und Trinkgewohnheiten, Sprache, alles ist heute anders. Unsere Kinder schämen sich, Kichwa zu sprechen.“

Das Prinzip des „guten Lebens“ (auf Kichwa: „sumak kawsay“), das Ecuadors neue Verfassung prägt, ist für Rivadeneira sehr konkret: „Gesundheit, gutes Essen, Ruhe, das müssen wir zurückgewinnen.“ Auch deswegen begrüßt er den Regierungsvorschlag, gegen Geld auf die Ölförderung im ITT-Korridor zu verzichten. Allerdings fragt er: „Was haben wir davon? Wir brauchen mehr Know-how für die Verarbeitung unseres Kakaos oder der Hühner – und Märkte. Und dann müssen die Mittel gerecht und transparent verwaltet werden.“

Selbst in Gemeinschaften, die direkt an den noch unberührten Teil des Nationalparks angrenzen, kennt man die Yasuní-ITT-Initiative nur vom Hörensagen. „Einmal ist Präsident Correa mit dem Hubschrauber hereingeschwebt“, berichtet Franklin Cox, der Bürgermeister der Kommune Aguarico, in seinem Büro. „Unser Haushalt kommt komplett aus den Steuern der Ölfirmen“, sagt er, „doch immer mehr davon bleibt in Quito: 2007 hatten wir 1,4 Millionen Dollar, die beiden darauffolgenden Jahre nur noch die Hälfte, und für 2010 ist noch alles offen.“ Die Verbindung mit dem Öl ist so eng, dass ein Bohrturm das Wappen der Kommune ziert – ebenso wie die Visitenkarte des Lokalpolitikers. Auf dem Gebiet der weitläufigen, aber dünn besiedelten Gemeinde ist auch der spanische Konzern Repsol tätig. Wegen der Verseuchung einer acht Hektar großen Fläche im Yasuní-Park Anfang letzten Jahres hat Cox den Multi auf 3,1 Millionen US-Dollar Schadensersatz verklagt.

Im Block 31, der ebenfalls im Yasuní-Park liegt und an das ITT-Gebiet angrenzt, war bis letztes Jahr der Ölriese Petrobras tätig. Nun will Petroamazonas dort mit Dynamit nach Öl suchen. „Doch mit mir reden die nicht, sondern nur direkt mit den Leuten vor Ort. Sie bieten ihnen 40 Cent pro Hektar, das ist absurd“, sagt der Bürgermeister. „Natürlich bin ich dafür, das Öl im Boden zu lassen – wenn wir einen Teil des Geldes für echte lokale Entwicklung bekommen“, betont er, „der Yasuní könnte eine wunderbare Touristenattraktion werden.“ Schon jetzt träumt Cox von Trinkwassersystemen – aber auch von einem Flugplatz für das Dorf Tiputini, in dem das Rathaus steht. „Das Hauptproblem ist allerdings: Kaum jemand kennt das Projekt.“

Im Grenzort Nuevo Rocafuerte mit seinen 600 Einwohnern bestätigt sich das. Obwohl Vizepräsident Lenín Moreno hier geboren wurde und auch schon zweimal selbst vorbeigekommen ist, wie Blanca Acero erzählt. Sie betreibt eine kleine Unterkunft und sagt: „Unser Dorf lebt vom Tourismus, wie schön wäre es, wenn es dabei bliebe.“ Spanische Jesuiten haben das beste Krankenhaus weit und breit aufgebaut, die Strandpromenade ist gepflastert. Doch die Ladenbesitzerin Tomasa Guillín schimpft: „Es gibt keine Arbeit für meine Kinder, die Regierung hat uns im Stich gelassen.“

Ökotouristen können ein Motorboot mieten und auf dem Río Yasuní in den Nationalpark fahren, wo sich abseits vom Trubel der Zivilisation ein beeindruckendes Schauspiel bietet: Rosarote Delfine tollen im der Mitte des Fluss, kreischende Affen springen durch das Geäst. Bei Einbruch der Dunkelheit schwillt das Vogelkonzert an. 80 Fledermaustypen, 188 verschiedene Amphibien und Reptilien sowie 567 Vogelarten haben Wissenschaftler im Yasuní-Nationalpark identifiziert. Auf der Fläche eines Fußballfeldes gibt es hier fast so viele Baumarten wie in ganz Nordamerika. Es ist der Lebensraum der Huaorani-Indianer sowie der Tagaeri und der Taromenane, zweier Urvölker, die dem Kontakt mit Weißen aus dem Weg gehen.

Der renommierte US-Ökologe Thomas Lovejoy lobt die Yasuní-ITT-Initiative: Sie ziele auf die zwei größten Ursachen des Klimawandels, die fossilen Brennstoffe und die Urwaldzerstörung. „Es ist fantasievoll und ermutigend, dass es eine Regierung gibt, die überhaupt daran denkt, dass man auf Ölförderung verzichten könnte“, sagt er. Im Juni 2008 hat sich der deutsche Bundestag in seltener Eintracht für den Vorschlag ausgesprochen, die GTZ hat dafür Machbarkeitsstudien erarbeitet. Der Rückhalt aus Deutschland hat dazu geführt, dass der Staatschef Anfang 2009 ein zuvor mehrfach verlängertes Ultimatum fallengelassen hat: Sollten die Klimamillionen nicht sprudeln, hatte er gedroht, dann werde man den Weg für die Ölförderung freimachen. Erdöl ist Ecuadors wichtigste Einnahmequelle.

Die Bundesregierung hat Ecuador 50 Millionen Dollar jährlich für die Initiative in Aussicht gestellt – aber nur, wenn andere europäische Länder mitziehen. Die Mittel sollen in einen bei den UN angesiedelten Treuhandfonds eingezahlt werden. Mit den Zinsen will Quito den Erhalt von Naturschutzgebieten, Wiederaufforstungsprogramme, den Ausbau erneuerbarer Energien, Energiesparprogramme und Sozialprojekte finanzieren. „Es ist fantastisch, dass Deutschland den Regierungsvorschlag unterstützen will, aber der ist noch nicht vollständig“, sagt die Bürgermeisterin der Provinzhauptstadt Coca, Ana Rivas von der Indianerpartei Pachakutik. „Die Behörden vor Ort müssen mitreden dürfen, ebenso die betroffenen Gemeinschaften – die Huaorani, die Kichwas, die Mestizen.“

„In Ecuador selbst ist der Vorschlag noch nahezu unbekannt“, räumt Mitinitiator Alberto Acosta ein, „das haben wir sträflich vernachlässigt.“ Auch das Auftreten der Regierung sei noch nicht klar genug, sagt der Ökonom: „Das Entschädigungsargument klingt zu sehr nach Erpressung. Dabei geht es doch um Mitverantwortung, ausgehend vom Gedanken globaler Umweltgerechtigkeit.“

 

erschienen in Ausgabe 12 / 2009: Klimawandel: Warten auf die Katastrophe