drohne_china_landwirtschaft.jpgSchädlingsbekämpfung aus der Luft: Ein Bauer in der Provinz Hebei im Norden Chinas steuert eine mit Pestiziden beladene Drohne über ein Reisfeld.

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Datenkraken in der Landwirtschaft

Technologieriesen wie Microsoft und Amazon kooperieren zunehmend mit Agrarkonzernen, um aus Informationen Geld zu machen. Das kriegen auch Kleinbauern in Afrika zu spüren.

Macht beruht in der Welt der digitalen Technologien auf Daten – auch in der Nahrungsmittelbranche. Hier wetteifern Hightechfirmen, Telekomprovider, Einzelhandelsketten, Lebensmittelkonzerne, Agrarunternehmen und Banken darum, so viele Daten wie möglich zu sammeln und Kapital daraus zu schlagen. Unternehmenspartnerschaften, -zusammenschlüsse und -übernahmen bieten ihnen viele Möglichkeiten, auf die Agrar- und Lebensmittelwirtschaft Einfluss zu nehmen.

Die größten Player in diesem Gemenge sind die globalen Technologiekonzerne. Als Neulinge investieren sie in großem Umfang vor allem in digitale Informationsplattformen zur Landwirtschaft, die mit ihren Clouddiensten verknüpft sind. So baut Micro­soft gerade unter dem Namen Azure FarmBeats eine digitale Landwirtschaftsplattform auf, die auf Basis von Azure, der globalen Cloudtechnologie des Unternehmens, funktioniert. Die Plattform soll den Landwirten Echtzeitdaten und -analysen zum Zustand von Böden und Wasserhaushalt, zu Pflanzenwachstum, Schädlingsbefall und Krankheiten, zu heraufziehenden Unwettern und bevorstehenden Klimaveränderungen liefern. Der Wert dieser Informationen und Empfehlungen hängt vom Umfang und der Qualität der Daten ab, die Microsoft sammeln und mit Hilfe von Algorithmen auswerten kann. Deshalb kooperiert der Konzern eng mit Unternehmen, die in der Entwicklung von Landwirtschaftsdrohnen und Sensorgeräten führend sind, sowie von Technologien, die die von FarmBeats übertragenen Daten empfangen und darauf reagieren können. Dazu gehören Hightechtraktoren sowie Drohnen, die Pestizide versprühen können. 

Bayer-App wird weltweit genutzt

Große Agrarunternehmen, die Saatgut, Pestizide oder Düngemittel herstellen, verfügen über Apps, die sie mit Informationen über Millionen von Hektar landwirtschaftlicher Fläche füttern. Die Daten bekommen sie von den Bauern im Gegenzug für Beratung und Preisnachlässe auf ihre Erzeugnisse. So wird die App von Bayer, dem weltweit größten Pflanzenschutzmittel- und Saatguthersteller, nach Firmenangaben in den USA, Kanada, Brasilien, Europa und Argentinien bereits auf einer landwirtschaftlichen Gesamtfläche von 24 Millionen Hektar genutzt.

Wie andere Agrarunternehmen auch muss Bayer die digitale Infrastruktur dafür von einem der großen Technologiekonzerne leasen, die die Clouddienste der Welt beherrschen. In diesem Fall ist es Amazon Web Services (AWS), die weltweit größte Clouddienst-Plattform, noch vor Microsoft, Google und Alibaba. Amazon entwickelt ebenso wie Microsoft seine eigene digitale Landwirtschaftsplattform und kann sich dafür potenziell die Daten zunutze machen, die von Bayer und anderen Unternehmen, die Amazons Clouddienste nutzen, gesammelt werden. Letztlich läuft das darauf hinaus, dass sich die Agrarunternehmen, die den Bauern landwirtschaftliche Güter wie Pestizide, Traktoren und Drohnen verkaufen, mit den Konzernen zusammenschließen, die den Datenfluss kontrollieren.

Kleine Höfe können sich die Technologien kaum leisten

Angesichts der Bedürfnisse der rund 500 Millionen kleinbäuerlichen Haushalte auf der Welt, die einen großen Beitrag zur Welternährung leisten, mag das alles völlig abgehoben klingen. Hightechgeräte wie selbstfahrende Traktoren oder Pflanzenschutzmittel versprühende Drohnen werden nicht für sie entwickelt. Dazu kommt, dass die Informationen, die digitale Plattformen den Bauern liefern, nur so gut sind wie die gesammelten Daten, die ihnen zugrunde liegen. Technologiekonzerne können also nur für landwirtschaftliche Betriebe in Gegenden mit umfangreicher Datenerhebung wie regelmäßigen Bodenproben, Feldstudien oder Ertragsmessungen große Mengen an hochwertigen Daten sammeln. Die Konzerne haben Algorithmen entwickelt, um die Daten zu verarbeiten und zu analysieren, und behaupten nun, die Landwirte zum Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden sowie Erntezeiten individuell beraten zu können. Einfacher ist das, wenn die Betriebe ihre Flächen in Monokultur bewirtschaften. Das erleichtert das Sammeln und Auswerten von Daten ebenso wie die Beratung. 

Kleine Höfe liegen aber eher in Regionen, in denen es wenig bis keine Beratung und so gut wie keine zentrale Erhebung von Felddaten gibt. Entsprechende Dienste wurden im globalen Süden in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend ausgedünnt. Auch können sich kleine Höfe die teuren Technologien kaum leisten, mit deren Hilfe größere Betriebe Informationen in die Cloud einspeisen. Das hat zur Folge, dass die Daten, die Technologiekonzerne auf den Flächen kleiner Betriebe sammeln, unweigerlich von schlechter Qualität sind. 

Hightechunternehmen und die Regierungen, die digitale Landwirtschaft propagieren, tun nichts dafür, diesen Mangel zu beheben. Steuergeld wandert vor allem in die Infrastruktur, die die Menschen auf dem Land mit Mobilfunk- und Internetdiensten verbindet, wozu auch der Wettlauf um 5G gehört. In öffentliche landwirtschaftliche Beratung fließt dagegen kaum frisches Geld. Wenn überhaupt, setzen die Agrarfirmen – von denen die Bauern zumindest eine gewisse Kundenberatung erhalten – auf digitale Angebote, um ihre Präsenz vor Ort zurückzufahren. Die Firmen bauen dann lieber auf Satellitendaten und einem Mischmasch aus Felddaten, die sie von privaten und öffentlichen Agrarforschungsinstituten, nichtstaatlichen Organisationen und den Lebensmittelherstellern beziehen. Denn diese besuchen die Bauern immerhin nach wie vor. 

Kleinbauern bekommen über WhatsApp Empfehlungen

Die Beratung, die Kleinbauern von solchen digitalen Netzwerken per SMS auf ihre Handys erhalten, ist alles andere als revolutionär. Falls die Kleinbauern dann auch noch nach agrarökologischen Prinzipien und mit Mischkulturen arbeiten, ist sie ohnehin nutzlos. Aber es geht den Konzernen auch gar nicht um eine gute Beratung für Bauern. Ihr Ziel ist es, Millionen von Kleinbauern in ein gewaltiges digitales Netzwerk zu integrieren. Ist das gelungen, werden die Bauern dazu angehalten – wenn nicht verpflichtet – , die Produkte dieser Konzerne wie Düngemittel, Maschinen und auch Finanzdienstleistungen zu kaufen und sie umgekehrt mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu beliefern, die die Firmen dann weiterverkaufen können.

 Sinnvoller Einsatz von Daten: Die App der Firma Hello Tractor zeigt Bauern in Kenia, wo es Kollegen gibt, die Traktoren besitzen und sie vermieten.REUTERS/Monicah Mwangi
Im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte hat Microsoftinhaber Bill Gates einen großen Teil seines Vermögens in den Versuch gesteckt, Kleinbauern im globalen Süden zum Einsatz des angeblich „fortschrittlichsten Saatguts, der fortschrittlichsten Pflanzenschutz- und Düngemittel“, die von den weltgrößten Agrarkonzernen entwickelt und verkauft werden, zu bewegen. Obwohl er Millionen, wenn nicht Milliarden Dollar in die internationalen Forschungszentren und die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) gesteckt hat, zeigen seine Bemühungen nur eine geringe Wirkung: Die Technologien werden nicht wie erhofft übernommen.

Gates setzt dennoch darauf, dass die digitale Landwirtschaft die Wende herbeiführen kann. Im September 2020 sind Microsoft und AGRA offiziell eine Partnerschaft eingegangen, um Microsoft bei der Verbreitung seiner Azure-FarmBeats-Plattform in Afrika zu unterstützen. Zudem soll Microsofts Chatbot „Kukzabot“ weiter verbreitet werden. Diese App gibt Kleinbauern über WhatsApp und SMS Empfehlungen, etwa welche Inputs sie einsetzen und bei welchen Firmen sie sie kaufen sollen. Im Rahmen einer früheren Partnerschaft zwischen Microsoft und dem von Gates geförderten International Crops Research Institute for the Semi-Arid Tropics (ICRISAT) in Indien wurde eine ähnliche App über die landwirtschaftlichen Beratungseinrichtungen der Regierung des Bundesstaates Karnataka auf den Markt gebracht. 

Digitale Landwirtschaft: Profite für riesige Konzerne

Gleichzeitig ist FarmBeats von Microsoft dabei, das in den USA ansässige Start-up Climate Edge in seine Plattform zu integrieren. Die Firma beschreibt sich selbst als „großer Informationsvermittler für den sich entwickelnden Agrarsektor“ und sammelt über Agrarberater, nichtstaatliche Organisationen, Unternehmen und Wissenschaftler, die seine Plattform benutzen, Daten über kleinbäuerliche Betriebe. Diese verkauft Climate Edge dann weiter an Versicherungsfirmen, Zertifizierungsstellen, Pestizidhändler, Lebensmittelgroßkonzerne wie Unilever und sogar an nichtstaatliche Organisationen, die belegen wollen, dass durch ihre Projekte die Erträge gesteigert wurden.

Microsoft und seine Partner sind nicht die Einzigen, die digitale Daten- und Kommunikationsplattformen entwickeln, um sie dann an Hersteller von Pflanzenschutzmitteln und andere Firmen zu verkaufen, die Einfluss auf die Entscheidungen der Bauern nehmen wollen. Der führende Anbieter von Chatbot-Beratungsdiensten für Kleinbauern in Kenia, Arifu, hat den multinationalen Saatgut- und Pestizidhersteller Syngenta als Partner. Arifus digitale Plattform, so das Unternehmen, erzeuge Nachfrage nach Produkten von Syngenta: „Mit Arifu kann das Unternehmen einen Teil der Bevölkerung erreichen, zu dem es sonst teure und kaum vorhandene Vertreter hätte schicken müssen.“ Die Kosten, die Syngenta dadurch spart, sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs von Profiten, die von den Unternehmen erzielt werden können, die den expandierenden Bereich der digitalen Landwirtschaft beherrschen. 

Wer kontrolliert die Daten?

Arifu ist in Kenia inzwischen Teil einer größeren digitalen Plattform namens DigiFarm, die von der kenianischen Vodafone-Tochter Safaricom betrieben wird. Digifarm versorgt Hunderttausende kenianische Kleinbauern mit Chatbot-Diensten wie Arifu, verkauft ihnen Inputs und Ernteversicherungen, bietet ihnen Kredite an und kauft und verkauft ihre Erzeugnisse, alles über M-Pesa, den nationalen digitalen Bezahldienst von Safaricom. Im Gegenzug erhebt die Vodafone-Tochter auf alle Transaktionen eine Gebühr. 
Digifarm und ähnliche Plattformen werden dafür gepriesen, dass sie Menschen auf dem Land, die andernfalls keine Bankgeschäfte tätigen könnten, Finanzdienstleistungen zur Verfügung stellen. Das verschleiert jedoch, was tatsächlich passiert. Diese Plattformen machen nicht etwa das Wissen von Kleinbauern oder deren Vielfalt an Saatgutsorten und Tierrassen „bankfähig“. Stattdessen müssen sie die Betriebsmittel kaufen, die beworben und auf Kredit zu hohen Zinssätzen verkauft werden, sie müssen der „Empfehlung“ des Chatbots folgen, um die Voraussetzung für eine Ernteversicherung zu erfüllen, für die sie zahlen müssen, sie müssen ihre Ernteerzeugnisse zu nicht verhandelbaren Preisen an das Unternehmen verkaufen und erhalten die Zahlungen über eine gebührenpflichtige Geld-App. Jeder Fehltritt kann die Kreditwürdigkeit eines Bauern, seinen Zugang zu Finanzmitteln und Märkten beeinträchtigen. Das ist Vertragsanbau in großem Stil.

Autor

Grain

ist eine internationale nichtstaatliche Organisation, die für nachhaltige Landwirtschaft eintritt und Bauern weltweit unterstützt. Studien und Beiträge werden im Kollektiv geschrieben.
Bereits jetzt nutzen Bauern in kleinen wie in großen Betrieben neue digitale Technologien. Und wer könnte etwas gegen Bauern haben, die mit einer App auf ihren Handys mehr über die Fruchtbarkeit ihrer Böden und die Gesundheit ihrer Nutzpflanzen erfahren? Oder gegen Dienstleister, die für den Verkauf landwirtschaftlicher Produkte eine direktere Verbindung zu Märkten und Verbrauchern herstellen, so wie es die Werbung verspricht? Die Frage ist jedoch: Wer kontrolliert die Daten und wer führt die Beratung durch? Es gibt eine ganze Reihe von Initiativen, die mit der Abhängigkeit von hochtechnisierten, von Unternehmen kontrollierten digitalen Dienstleistungen, die Landwirten derzeit aufgedrängt werden, Schluss machen wollen. Eine davon ist FarmHack, eine weltweite Gemeinschaft von Bauern, die ihre Anwendungen selbst erstellen und verändern und Informationen darüber freigiebig online teilen. Einige neue IT-Unternehmen fördern den kollaborativen Austausch von Informationen und Forschungsergebnissen etwa zu Methoden der Schädlingsbekämpfung – und das nicht nur innerhalb örtlicher Gemeinschaften, sondern mit Kleinerzeugern weltweit.

Indische Bauern posten auf Twitter Videos ihrer Ernte

Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts sind überall auf der Welt zahlreiche Netzwerke entstanden, in denen Bauern Informationen und Beratung teilen. Viele von ihnen kommunizieren über digitale Werkzeuge. Als wegen der Covid-19-Krise offizielle Vermarktungswege abbrachen, zeigten Landwirte beispielhaft, wie sie digitale Möglichkeiten dazu nutzen können, ihre Erzeugnisse zu den Verbrauchern zu bringen. An vielen Orten weltweit gingen sie über soziale Medien oder E-Commerce-Tools online, um sich alternative Märkte zu eröffnen. In Karnataka in Indien begannen Bauern, auf Twitter Videos ihrer Ernteerzeugnisse zu posten und Kontakt mit Käufern aufzunehmen. Andere ließen traditionelle Tauschsysteme wiederaufleben, um ihren Bargeldmangel zu überwinden und das Angebot an die Nachfrage anzupassen. 

Das alles sind hervorragende, auf lokaler Ebene vorangetriebene Initiativen, die Unterstützung verdienen. Die Frage ist nur, ob sie dem Ansturm der Plattformen und Dienste standhalten können, die derzeit von Konzernen entwickelt und eingeführt werden und die allesamt deutlich zur industriellen Landwirtschaft tendieren. Sie bevorzugen den Einsatz chemischer Inputs und kostspieliger Maschinen ebenso wie die Erzeugung von Agrargütern für industrielle Großabnehmer anstelle lokaler Märkte. Sie fördern Zentralisierung, Konzentration und Gleichförmigkeit und sind anfällig für Missbrauch und Monopolisierung. 

Dieser Übernahme der digitalen Landwirtschaft durch Technologiekonzerne muss Einhalt geboten werden. Dazu müssen Bauern, Fischer, Kleinhändler, Streetfood-Verkäufer, Landarbeiter und andere zusammenarbeiten, um die Macht der Technologieriesen und der Milliardäre an deren Spitze zu brechen, und für eine andere Vision kämpfen. Für eine Vision, die auf einer demokratischen und vielfältigen Beteiligung an der Produktion und auf dem Austausch von Wissen und Information beruht.  

Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller.

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