Pfingstkirchen in Lateinamerika
Pfingstkirchen in Lateinamerika

„Manche evangelikale Kirchen teilen unsere Anliegen“

Ein Gespräch über Pfingstler in Lateinamerika und Fehler der katholischen Kirche

In vielen Ländern Lateinamerikas haben Pfingstkirchen und evangelikale Bewegungen seit Jahren großen Zulauf. Was macht sie so attraktiv?

 Sandra Lassak arbeitet als theologische Grundsatzreferentin beim katholischen Hilfswerk Misereor. Davor war sie unter anderem sieben Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit in Peru tätig.Claudia Fahlbusch
Das hat zum einen mit der politischen und der sozialen Situation dort zu tun. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik und die Parteien ist deutlich geschwächt. Das haben vor allem jüngere evangelikale Kirchen für sich genutzt: Sie nehmen Einfluss auf die Politik und sie greifen die Fragen und die existenziellen Nöte vieler Menschen auf, bei denen politische Institutionen versagen. Großen Zulauf haben sie vor allem dort, wo Menschen von Armut und Ausgrenzung betroffen sind. Sie sprechen zudem Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit an. Das Erstarken der evangelikalen Kirchen hat ja bereits Anfang der 1990er Jahre mit dem Ende der Militärdiktaturen in Lateinamerika eingesetzt. Die damit verbundene Hoffnung auf Demokratie und eine gerechte wirtschaftliche Entwicklung wurde schnell zerschlagen, als sich neoliberale Systeme durchsetzten. Die Lebensbedingungen vieler Menschen wurden noch prekärer, Orientierungs- und Perspektivlosigkeit wurden größer. In dieser Situation war die soziale Präsenz der evangelikalen Kirchen für viele ein Auffangbecken mit ihren klaren moralischen Vorgaben und teilweise einfachen Antworten einer sogenannten Wohlstandstheologie auf alltägliche Probleme nach dem Motto: Wenn du dich zu Jesus bekehrst und dem Evangelium gemäß lebst, dann wird sich Wohlstand bei dir einstellen.

Gibt es große Unterschiede zwischen evangelikalen Kirchen?
Ja, die Bewegung ist sehr heterogen. Man muss unterscheiden zwischen traditionellen Pfingstbewegungen, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind, und den jüngeren neopentekostalen und charismatischen Bewegungen. Die traditionellen Pfingstkirchen haben teilweise Positionen, die etwa von der katholischen Befreiungstheologie gar nicht so weit entfernt sind.

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erschienen in Ausgabe 10 / 2021: Pfingstler auf dem Vormarsch

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