Brasilien gehen die Kinder aus

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Demografische Entwicklung
Danilo Ramos
Die Psychologin Marina Bianchi und ihr Partner, der Geschäftsmann Daniel Monteiro Santa Cruz (beide 34), haben sich gegen Kinder entschieden. Sie stehen für einen Trend, dem inzwischen viele Großstädter in Brasilien anhängen.
Alternde Bevölkerung
Die Menschen leben länger, Frauen bekommen weniger Kinder: Der demografische Wandel in Brasilien vollzieht sich schneller als erwartet. Bereitet sich das Land ausreichend darauf vor?

Schritt für Schritt nähert sich Brasilien dem wohl größten Ziel eines jedes Landes: dass seine Bevölkerung länger und besser lebt. Es gibt viel zu feiern: In den letzten 80 Jahren hat sich die Lebenserwartung der Brasilianer fast verdoppelt und liegt nun bei 77 Jahren. Dies ist auf Fortschritte in der Wissenschaft und im Gesundheitswesen sowie auf die Gewährleistung der sozialen Rechte der Brasilianer zurückzuführen. 

Ein Warnsignal zeigt sich aber am anderen Ende der Gleichung: Die Fruchtbarkeitsrate, also die Zahl der Kinder pro Frau, ist in Brasilien schnell gesunken und wird von Fachleuten inzwischen als „sehr niedrig“ eingestuft. Wenn die Bevölkerung länger lebt, aber weniger Menschen geboren werden, dann tritt Brasilien in einen Alterungsprozess ein, wie es ihn in der Geschichte des Landes noch nie gegeben hat.

Einige Experten argumentieren, dass Brasilien alt wird, bevor es reich wird – oder technisch ausgedrückt, dass es die sogenannte demografische Dividende nicht erzielt. Der Idee nach sollten sowohl das Nationaleinkommen als auch das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen steigen, wenn es in einem Land viel mehr Menschen im erwerbsfähigen Alter gibt als wirtschaftlich abhängige Personen, also Kinder und ältere Menschen. Diese demografische Dividende verbessert zum einen die persönliche und familiäre Situation. Zum anderen können mit ihrer Hilfe Armut und Ungleichheit verringert, die Steuereinnahmen erhöht, das Bildungs- und Gesundheitswesen ausgebaut und beispielsweise ein Rentensystem entwickelt werden. 

Das Zeitfenster schließt sich schneller als erwartet

Doch das Zeitfenster für diesen demografischen Bonus schließt sich für die Brasilianer bereits. Es wurde erstmals Anfang der 1970er Jahre geöffnet und sollte sich ursprünglich nach 2030 schließen, doch angesichts der raschen Alterung der Bevölkerung gehen Demografen davon aus, dass dieser Zeitpunkt früher eintreten wird als erwartet.

„In Brasilien leben heute rund 50 Millionen junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren. Bis zum Jahr 2100 wird diese Zahl voraussichtlich auf etwa 25 Millionen sinken. Der Rückgang der jungen und der Anstieg der älteren Bevölkerung passiert sehr schnell. Er ist nur mit China vergleichbar, wo es eine Ein-Kind-Politik gab. In Brasilien geschieht dies spontan, also nicht aufgrund einer solchen Politik“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Marcelo Neri, Direktor der Fundação Getulio Vargas Social, einer der renommiertesten Wirtschaftshochschulen des Landes.

Der Anteil von Menschen, die älter als 65 sind, ist in Brasilien so hoch wie noch nie seit Beginn der demografischen Erhebungen im Jahr 1872, und er wird in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen. Menschen über 65 Jahre machen elf Prozent der gut 203 Millionen Brasilianer aus. Das entspricht 22,2 Millionen Menschen oder zweimal der Bevölkerung Portugals. Die Daten stammen aus der größten nationalen Volkszählung aus dem Jahr 2022, die Ende Oktober 2023 vom brasilianischen Institut für Geografie und Statistik (IBGE) veröffentlicht wurde.

„Es ist eine gute Nachricht, dass wir als Gesellschaft länger und besser leben, aber das erfordert eine größere wirtschaftliche Verantwortung. Wie werden wir in Zukunft die Renten der Menschen finanzieren, die länger leben?“, fragt Neri. „Die Älteren von heute haben einen garantierten Ruhestand und können gut und mit einer gewissen Sicherheit leben. Ich mache mir aber Sorgen um die älteren Menschen der Zukunft.“

Mit der Urbanisierung sank die Geburtenrate

Denn gleichzeitig mit dem Anstieg des Anteils der Alten in der brasilianischen Bevölkerung auf ein Rekordniveau ist der Anteil der Kinder unter 14 Jahren deutlich geschrumpft: von 24,1 Prozent im Jahr 2010 auf 19,8 Prozent im Jahr 2022. Das entspricht einem Rückgang um 12,6 Prozent in nur zwölf Jahren. Im Jahr 1980 machte diese Altersgruppe noch knapp 40 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes aus.

„Der Wendepunkt für Brasilien war die Urbanisierung im 20. Jahrhundert. Die Konzentration der Menschen in den Städten und die Gestaltung der brasilianischen Metropolregionen haben den Rückgang der Geburtenrate stark beeinflusst“, erklärt der Demograf Roberto Luiz do Carmo, Professor an der Fakultät für Demografie der Staatlichen Universität Campinas (Unicamp) in São Paulo. Die Urbanisierung hat die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt, den Zugang zu Technologie und Kultur stark verändert. Vor allem der Zugang der brasilianischen Frauen zu Bildung, zum Arbeitsmarkt und zu Verhütungsmethoden – die sogar über das Gesundheitssystem des Landes ab den 1970er Jahren kostenlos zur Verfügung gestellt wurden – waren ausschlaggebend dafür, dass sich brasilianische Familien veränderten.

Wenn überhaupt Kinder, dann höchstens eins

Kinder gehören nicht zu unseren Plänen. Wir wollen studieren, arbeiten, reisen und starke Bindungen pflegen zu unseren Familien, Freunden und den Kindern unserer Freunde, die sich entschieden haben, Eltern zu werden“, sagt die 34-jährige Psychologin Marina Bianchi, die seit 2018 mit ihrem Partner, dem 34-jährigen Geschäftsmann Daniel Monteiro Santa Cruz, in São Paulo lebt. Das Paar spiegelt das Profil eines Großteils der brasilianischen Familien im 21. Jahrhundert wider, vor allem jener in den Großstädten des Landes. Und es zeigt auch den erheblichen Wandel im Vergleich zu früheren Generationen.

Um eine Vorstellung zu bekommen: Vor 60 Jahren haben brasilianische Mütter im Durchschnitt sechs Kinder bekommen. Im Jahr 2020 waren es laut IBGE-Daten nur noch 1,7 Kinder – zu wenige, um die Bevölkerung wachsen zu lassen.

„Nachdem ich nun seit acht Jahren in einer festen Beziehung lebe, habe ich vor ein paar Monaten zum ersten Mal daran gedacht, Kinder zu bekommen. Bisher war das nie ein Traum oder ein Ziel für mich. Aber wenn dieser Gedanke reift, dann wird es sicher ein Einzelkind sein“, sagt die 38-jährige Thais Costa, die in Unternehmen Fortbildungen gibt und mit dem 41-jährigen Geografen und ebenfalls in der Fortbildung tätigen Fernando Custódio Soares verheiratet ist.

Das Wohlergehen der Älteren von morgen

Die Zahlen der Volkszählung spiegeln den Trend wider, für den Thais und andere brasilianische Frauen stehen: Das durchschnittliche jährliche Bevölkerungswachstum betrug zwischen 2010 und 2022 gerade mal ein halbes Prozent, die niedrigste Rate seit der ersten Volkszählung im Jahr 1872, als die Rate bei zwei Prozent lag. Zwischen 1950 und 1960 lag die jährliche Wachstumsrate sogar bei knapp drei Prozent. Angesichts des niedrigen Wachstums ist davon auszugehen, dass sich die Alterung in Brasilien fortsetzen und das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigen wird. Dieser Wandel vollzieht sich schneller als geplant, so dass das Land kaum darauf vorbereitet ist.

Fachleute sind sich einig, dass dringend Zeit gewonnen und die Aufmerksamkeit auf eine Politik gelenkt werden muss, die das Wohlergehen der älteren Gesellschaft im Blick hat. Andernfalls könnten die Wirtschaft und die Bevölkerung des Landes in eine schwierige Lage geraten.

Zwar hat nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Marcelo Neri Brasilien in den letzten 35 Jahren seine Hausaufgaben gemacht, was die Sozialpolitik anbelangt – zum Beispiel mit dem allgemeinen Zugang zum öffentlichen Gesundheitswesen und der Garantie, dass praktisch alle Kinder zur Schule gehen. Doch in der Wirtschaft sei einiges vernachlässigt worden.

Großzügige Renten trotz stagnierender Wirtschaft

Eines der besorgniserregendsten Themen ist das vielschichtige brasilianische Rentensystem. Probleme sind hier unter anderem die langen Wartezeiten, bis die Rente gewährt wird, sowie Unterschiede in den Leistungen für verschiedene Gruppen. Das Rentensystem wird von der brasilianischen Regierung, den Regierungen der Bundesstaaten, den Gemeinden und den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen finanziert. Ohne eine Erhöhung der Beiträge für die Sozialversicherung wird es nicht möglich sein, die steigende Zahl von Renten auszuzahlen. Doch schon jetzt haben viele große Unternehmen Schulden in Millionenhöhe bei der Sozialversicherung, die beglichen werden müssen. Daher muss auch nach anderen Wegen gesucht werden, um die Konten in Balance zu halten. Denkbar wäre, die Rentenleistungen einiger Berufsgruppen zu überprüfen, denn etwa Beamte oder Angehörige des Militärs erhalten viel mehr Rente als der Durchschnitt der Bevölkerung.

 „Wir haben in der Vergangenheit erstaunliche soziale Fortschritte gemacht, aber wir haben immer noch ernste Probleme und eine sehr ausgeprägte Ungleichheit“, sagt der Ökonom Neri. „Eine florierende Wirtschaft mit hohen Wachstumsraten kann großzügigere Rentensysteme unterstützen. Doch Brasiliens Wirtschaft wächst kaum und hat trotzdem ein großzügiges Rentensystem.“

Die letzte Rentenreform fand 2016 statt, als das Parlament ein neues Modell verabschiedet hat, das unter Fachleuten allerdings sehr umstritten ist. Damals wurde das Renteneintrittsalter von Frauen von 60 auf 62 Jahre und von Männern auf 65 Jahre angehoben. Allerdings waren davon nicht die Gruppen betroffen, die sehr hohe Leistungen beziehen, etwa Militärangehörige und Richter. Hinzu kommt, dass im Fall dieser Gruppen sogar Familienmitglieder, die nie in die Sozialversicherung eingezahlt haben, Leistungen bekommen. Zum Beispiel haben Töchter von Militärangehörigen, die nie geheiratet haben, Anspruch auf Renten, die 80.000 Real (circa 15.000 Euro) pro Monat übersteigen können. Zum Vergleich: Der brasilianische Mindestlohn beträgt etwa 1300 Real (circa 250 Euro) pro Monat. 

Der einfachste Weg ist nicht der beste

„Der einfachste Weg ist, das Renteneintrittsalter zu erhöhen. Das wird seit den 1960er Jahren gemacht. Aber es löst das Problem nicht. Im Gegenteil, es schafft andere“, sagt Carmo. Die ärmsten Menschen etwa, die ihr Leben lang schwer gearbeitet haben, bekommen mit der Zeit arbeitsbedingte Gesundheitsprobleme. Irgendwann können sie dann nicht mehr arbeiten, sind aber noch nicht alt genug, um in Rente zu gehen. Ohne Einkommen werden sie dann abhängig von der öffentlichen Hand. „Es ist notwendig, nach Alternativen zu suchen und nicht nur das Rentenalter zu erhöhen“, sagt Carmo.

Doch obwohl die Angelegenheit drängt, ist die Überarbeitung der Sozialversicherung kein vorrangiges Thema für die Regierung von Präsident Lula da Silva, der im vergangenen Januar sein Amt angetreten hat und eigentlich ein entschiedener Kritiker der 2016 verabschiedeten Rentenreform ist. 

Kämpferisch im hohen Alter – Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, 78, auf einem Marsch arbeitender Landfrauen im August 2023.

Eine Alternative zur Anhebung des Renteneintrittsalters wäre laut Neri die Steigerung der Arbeitsproduktivität und die Wiedereingliederung von Rentnern in den Arbeitsmarkt. Doch auch das ist schwierig, vor allem weil ältere Menschen in Brasilien im Durchschnitt kürzer studiert haben als jüngere und sie mit neuen Technologien nicht so vertraut sind. 

In Bildung investieren, öffentliche Ressourcen umverteilen

Mehr in Bildung zu investieren, sehen Fachleute ebenfalls als „Präventivpolitik“, denn wenn ein Kind von klein an eine anregende und qualitativ hochwertige Bildung erhält, dann ist die Chance größer, dass es ein produktiver Erwachsener und ein erfolgreicher älterer Mensch wird.

Obwohl in Brasilien praktisch alle Kinder die ersten neun Jahre der verpflichtenden Grundbildung absolvieren, schließen nur sechs von zehn Jugendlichen die nächste Stufe der Sekundarbildung ab. „Damit hat die brasilianische Gesellschaft ein gigantisches Bildungsdefizit. Wie sollen diese jungen Menschen bei all den heutigen sozialen und technologischen Veränderungen in den Arbeitsmarkt eintreten? Wie werden sie in der Lage sein, eine Gesellschaft mit mehr älteren Menschen in der Zukunft aufrechtzuerhalten?“, fragt Carmo. „Es ist von zentraler Bedeutung, dass das Land darüber nachdenkt, wie es jungen Erwachsenen, die keine Grundbildung abgeschlossen haben, Möglichkeiten für ein Studium und eine Ausbildung bieten kann.“

Nach Ansicht von Fachleuten müssen die brasilianischen Regierungen zudem berücksichtigen, dass sie aufgrund des demografischen Wandels nicht nur das Rentensystem anpassen, sondern auch eine Umverteilung der öffentlichen Ressourcen einplanen müssen. „Am stärksten werden die Ausgaben im Gesundheitsbereich, der medizinischen Versorgung und der Pflege älterer Menschen steigen. Dies wird eine große Aufgabe für die Wirtschaft Brasiliens“, betont Neri. 

Der Demograf Roberto Luiz do Carmo kommt zum Schluss: „In den 1960er Jahren wurde das hohe Bevölkerungswachstum als Problem gesehen, jetzt ist es die Alterung. Es ist jedoch wichtig zu bedenken, dass nicht die Bevölkerung an sich das Problem ist. Es ist notwendig, dafür zu sorgen, dass wir mit Phasen der Instabilität und mit Veränderungen im Bevölkerungsprofil gelassen umgehen können.“ 

Aus dem Englischen von Melanie Kräuter.

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erschienen in Ausgabe 6 / 2023: Von Jung zu Alt
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