Kritik an der Hilfsmaschinerie

Das Theaterstück „Welt 3.0 – Maschinerie Hilfe“ ist Ergebnis und Abschluss einer dreijährigen Partnerschaft zwischen dem Stadtheater in Konstanz und dem Nanzikambe Arts Theater in Blantyre, Malawi. Mit dem Stück greifen die Theaterleute auf unterhaltsame Art und Weise fragwürdige Aspekte der Entwicklungshilfe auf.

In dem Stück geht es um ein fiktives Dorf, in das eine nichtstaatliche Hilfsorganisation aus Deutschland Elektrizität bringen will. Das geht jedoch gründlich schief. Die Projektleiterin, ein zynischer Ingenieur und ein idealistischer Freiwilliger stoßen auf einen Dorf-Chief, der um seinen Einfluss fürchtet, und auf eine afrikanische Gemeinschaft, die ihren eigenen Gesetzen folgt. Es geht um Korruption, um traditionelle Clan-Strukturen und den Mangel an Kenntnissen über das Land auf Seiten der Entwicklungshelfer. Die Schauspieler  spielen mit dem Klischee vom armen Afrikaner, das die internationalen Hilfsorganisationen für ihre Spendenwerbung nutzen. Auch die zweifelhafte Rolle von Musikgrößen wie Madonna wird thematisiert. Die amerikanische Pop-Ikone hat zwei malawische Kinder adoptiert. Am Ende des Stücks haben Unbekannte das Kraftwerk in die Luft gesprengt, der Einsatz ist gescheitert.

„Maschinerie Hilfe“ ist das gemeinsame Theaterstück eines deutsch-malawischen Autorenkollektivs. Gesprochen werden drei Sprachen: Deutsch, Englisch und Chichewa, die lokale Sprache Malawis. Clemens Bechtel und Thomas Spiekermann vom Theater Konstanz sowie Thokozani Kapiri und Misheck Mzumara von Nanzikambe Arts in Blantyre haben für das Stück bei Hilfsorganisationen in Deutschland und Malawi recherchiert. Zweimal waren die Theaterleute aus Malawi in Konstanz und umgekehrt die deutschen Schauspieler und Regisseure in Blantyre. „Wir wollten zeigen, wie deutsche Entwicklungshelfer sich engagieren, dabei aber an kulturelle Grenzen stoßen“, sagt Thomas Spiekermann, Chefdramaturg des Stadttheaters Konstanz.

Thokozani Kapiri, der afrikanische Autor und Regisseur des Stücks, erklärt: „Wir wollen unterhalten und dabei einige Fragen aufwerfen, aber bewusst keine Antworten geben.“ Kapiri ist der Künstlerische Leiter von Nanzikambe Arts. Malawi gehört mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von rund 350 US-Dollar pro Jahr zu den ärmsten Ländern der Welt. 60 Prozent des Staatshaushalts stellen die ausländischen Geber zur Verfügung. „Seit der Unabhängigkeit bekommt Malawi viel Geld von außen, trotzdem geht der Lebensstandard zurück“, kritisiert Kapiri. Er plädiert dafür, die Hilfe „kritisch zu überdenken“, aber nicht völlig abzuschaffen.

Doch nicht nur der Staat Malawi, auch das Theater Nanzikambe Arts lebt zu einem großen Teil von Fördermitteln internationaler Geber, was der Regisseur auf lange Sicht durchaus als Problem betrachtet. Nanzikambe Arts ist 2003 als einziges Profi-Theater in Malawi entstanden. Erfahrungen mit den Geldgebern sind mit in das Stück eingeflossen. Denn deren Politik „beeinflusst die Theaterarbeit massiv“, sagt Kapiri. Für die Aufführung von europäischen Klassikern bekommen die insgesamt rund 120 Theaterleute problemlos Geld. In den Anfangsjahren des Theaters hat vor allem Norwegen Produktionen von Ibsen unterstützt, mit Geld aus Großbritannien wurden Shakespeare-Stücke auf die Bühne gebracht, Frankreich sponserte Saint-Exupéry.

Das Shakespeare-Stück „Macbeth“ vom Fall des Tyrannen wurde in Malawi als Anspielung auf die politische Lage verstanden. Saint-Exupéry dagegen kam beim Publikum nicht an. Die malawischen Zuschauer bevorzugen alltagsnahe Stücke, die sich mit der Lage im Land auseinandersetzen. 2011 gab es eine innenpolitische Krise mit blutigen Protesten und Demonstrationen. Damals wurden auch Schauspieler des Theaters von der Bühne weg verhaftet, weil sie die Regierung von Präsident Bingu wa Mutharika kritisiert hatten. Nach seinem Tod hat sich die Lage nach dem Amtsantritt der neuen Präsidentin Joyce Banda deutlich entspannt.

Nach der letzten Aufführung in Konstanz am 7. Juli reiste das gesamte Ensemble nach Malawi. Dort wird „Welt 3.0 – Maschinerie Hilfe“ in allen wichtigen Städten aufgeführt – mit einfachsten Mitteln und überwiegend im Freien. Die Zusammenarbeit der beiden Theater wurde vom Fonds Wanderlust der Kulturstiftung des Bundes sowie vom Goethe-Institut mit insgesamt 165.000 Euro gefördert. Neben seinem Engagement in Malawi baut das Stadttheater Konstanz zurzeit eine Partnerschaft mit einem Theater in Lomé auf, der Hauptstadt Togos. Daraus ist die Idee entstanden, die Spielzeit 2011/2012 unter das Motto „Afrika in weiter Ferne so nah“ zu stellen.

erschienen in Ausgabe 8 / 2012: Auf der Flucht

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