Kunst mit Botschaft: Die Gesichter der Mächtigen ähneln sich – ihre Absichten auch.

Protest mit Pinsel und Spray

Es ist kalt in Kairo an diesem Januarmorgen. Alaa Zaghloul und seine Freunde wärmen sich die Hände an einem Teeglas. Sie sitzen in der Mohammed-Mahmoud-Straße in Kairos Innenstadt und warten darauf, dass die Farbe trocknet und sie loslegen können. Die Mauer an der Amerikanischen Universität ist die bekannteste Street Art Galerie in der ägyptischen Hauptstadt. Viele Schichten von Protestkunst sind hier in den vergangenen zwei Jahren gemalt, übermalt und wieder neu gemalt worden: Auch Zaghloul und die anderen haben ein verblasstes Bild weiß überstrichen und sich Platz für etwas Neues geschaffen. „Wir sprühen ein Bild von Said Bilal an die Wand“, erklärt er.

Der 30-Jährige mit dem langen buschigen Bart ist eigentlich Buchhalter, aber seit zwei Jahren ist er im Hauptberuf Revolutionär: Wenn gerade demonstriert wird, dann marschiert er mit, sonst sprüht er Graffiti – vor allem Bilder von Märtyrern der Revolution. Die Ägypter müssten immer wieder daran erinnert werden, dass viele Menschen im Kampf für mehr Freiheit den Tod gefunden haben. „Man muss daran denken, dass wir die Freiheit, die wir haben, teuer erkauft haben, damit wir sie zu schätzen wissen“, erklärt Alaa Zahghloul. Zufrieden mit den politischen Entwicklungen ist er zwar nicht. „Aber ohne Zweifel sind wir heute freier als vor zwei Jahren. Damals hätte ich nicht einfach die Mauer ansprühen können und ich hätte auch nicht mit einer ausländischen Journalistin so offen die Regierung kritisieren können“, sagt er.

Autorin

Julia Gerlach

ist freie Journalistin in Kairo. Sie schreibt unter anderem für deutsche Tageszeitungen, das Magazin „Focus“ und die Nachrichtenagentur epd. Ihr Buch „Wir wollen Freiheit!“ über die Revolution am Nil ist 2011 im Herder-Verlag erschienen.

Das Porträt von Said Bilal, das er mit einer Schablone an die Mauer sprühen will, ist mehr als die Erinnerung an einen Toten. Said Bilal war Salafist und wurde im Januar 2011 von der Staatssicherheit zu Tode gefoltert. Er war nach dem Bombenanschlag auf die Kirche der zwei Heiligen verhaftet worden, bei dem in der Silvesternacht 2011 mindestens 24 Menschen starben. „Wir erinnern an seine Folter und an das Versagen der Regierung bei der Bestrafung der Folterer“, sagt Zaghloul. Zugleich richtet sich die Kritik aber auch gegen die jetzt regierenden Islamisten: „Indem wir Said Bilal ehren, zeigen wir, dass wir nichts gegen die Religiösen haben. Wir haben nur etwas gegen die Art, wie sie die Macht missbrauchen, korrupt und brutal sind.“

Noch deutlicher wird diese Kritik in einem Wandbild neben ihm. Naguib, ein sehr bekannter Graffiti-Künstler, hat mit geschwungenen Buchstaben eine Koransure an die Wand gemalt. Sinngemäß steht da, dass Gott die Menschen nicht nach ihrem frommen Gerede bewertet, sondern danach, ob sie gute Taten vollbringen. Korruption und Machtmissbrauch werden verurteilt. Als der Spruch im November zuerst an der Wand auftauchte, sorgte er für große Aufregung. „Das war in den Tagen, als viele Islamisten demonstrierten und die Leute dachten, dass die Salafisten nun anfingen mit Koransprüchen die Street Art Galerie in der Mohammed-Mahmoud-Straße zu übermalen“, erinnert sich Zaghloul und lacht. Erst beim genaueren Hinschauen wurde klar, dass genau das Gegenteil der Fall war.

Die Straßenkunst führt den Aufstand fort

Kairo ist in den vergangenen zwei Jahren bunt geworden. Straßenkunst ist überall. Vor der Revolution waren Graffiti streng verboten und nur wenige Künstler trauten sich. Einer von ihnen war Ganzeer. Eigentlich heißt der 30-Jährige Mohammed Fahmy, und er hat schon 2008 seine bitterbösen Bilder mit Schablonen an Wände gesprüht. Nach der Revolution malte er einen fast originalgroßen Panzer unter eine Nilbrücke. Ihm fährt ein Fahrrad entgegen. „Panzer gegen Fahrrad“ heißt das Werk. Ganzeer ist Kairos wohl bekanntester Sprayer. Wobei diese Bezeichnung nicht ganz stimmt: „Meistens sprühen wir gar nicht, weil es bei uns diese guten Sprays nicht zu kaufen gibt. Deswegen malen wir oft mit Pinsel und Farbe“, sagt der Künstler mit der modischen Mähne und dem Ziegenbärtchen. So sieht Straßenkunst am Nil anders aus als Graffiti in Berlin und London. „Es gibt auch noch einen anderen Unterschied. In Europa geht es oft nur darum Tags zu hinterlassen. Wir aber malen, weil wir eine Botschaft haben“, erklärt Ganzeer.

Er ist inzwischen so bekannt, dass es seine Bilder auch in Galerien zu kaufen gibt. In der feinen Galerie Safar Khan hängt eine große Leinwand mit dem Titel „Alia al-Mahdy“. Das ist der Name der Studentin, die im November 2011 einen Skandal auslöste, weil sie ein Nacktfoto von sich im Internet postete. Ganzeers Bild zeigt sie mit knallroten Lippen und schwarzem Kopftuch. „So wünscht sich die Mehrheit der Ägypter Alia al-Mahdy“, sagt Ganzeer: Ein verschleiertes Sexobjekt soll sie werden. „Die Straßenkunst ist eine Fortführung des Aufstandes. Man kann von einem regelrechten Kampf zwischen Regierung und Aktivisten sprechen“, sagt Soraya Morayef. Die 30-Jährige schreibt einen Blog und dokumentiert darin alle neuen Graffitis. Sie hat die Entwicklung der ägyptischen Straßenkunst von Anfang an begleitet. Den Bildern komme eine wichtige Bedeutung zu, denn noch immer werden die Medien kontrolliert. Mit der Straßenkunst können sich die Aktivisten der Revolution direkt an die Bevölkerung wenden. Seit Januar 2011 habe sich die Straßenkunst deutlich verändert, erklärt Morayef. Zunächst ging es darum, Botschaften zu übermitteln, und es war gefährlich zu sprühen: So entstanden am Anfang der Revolution vor allem schnell Bilder mit Schablonen.

Die Techniken wurden verfeinert, und es stießen ausgebildete Künstler zur Bewegung. Sie malten Wandbilder, benutzten pharaonische Motive und erinnerten an Ägyptens Vergangenheit. Zunehmend veränderte sich die Aussage der Bilder: Statt gegen Mubarak richteten sich die Graffiti bald gegen die Militärregierung und inzwischen ist die Muslimbruderschaft Zielscheibe der Kritik.

Keiner kennt die Entwicklung so gut wie der Maler, der sich Omar Picasso nennt. Er hat eines der bekanntesten Bilder Kairos gemalt. Es ist ein großes Gesicht: Zur Hälfte zeigt es den gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak. Die andere Hälfte gleicht Mohammed Hussein Tantawi, dem Chef der Militärregierung, die nach Mubaraks Sturz die Regierung in Ägypten übernahm. Dieses Bild malte Omar schon im Frühjahr 2011. Damals, als viele Ägypter noch hofften, dass die Militärregierung tatsächlich Ägypten zur Demokratie führen würde. Klar, dass Omars Bild den Generälen nicht gefiel. Weg damit! Die Regierung ließ es überstreichen.

Fünf Mal hat er es inzwischen neu gemalt. Im Lauf der Monate stellte er weitere Gesichter in die Reihe: Rechtzeitig zum Präsidentschaftswahlkampf im Juni kamen der Kandidat der Generäle, Ahmed Schafik, und auch Amr Moussa hinzu. Seit Juli regiert der Muslimbruder Mohammed Mursi und wie seinen Vorgängern war ihm die bunte Protestszene ein Dorn im Auge. Anfang Oktober ließ er den Tahrir-Platz säubern und neu bepflanzen und auch die berühmte Graffiti-Mauer wurde überstrichen.

Omar und die anderen Graffiti-Künstler sehen darin den Beweis, dass auch die neue Regierung nichts verstanden hat. Denn natürlich malten sie gleich wieder neu. Hinter den Doppelkopf aus Mubarak und Tantawi hat Omar die Fratze des Führers der Muslimbruderschaft gepinselt. „Was sie alle gemeinsam haben: Sie wollen unsere Freiheit einschränken“, sagt er: „Wir werden uns das nicht gefallen lassen.“

erschienen in Ausgabe 2 / 2013: Ägypten: Aufruhr und Aufbruch

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