Kompetenz und Solidarität unter dem Dach der Kirche

Gottesdienst mit Geistlichen und Gästen aus Afrika.
Stefan Boness/IPON/picture alliance
Die Aufarbeitung des Genozids an den OvaHerero und Nama im heutigen Namibia ist ein Schwerpunkt der Arbeit: Gedenkgottesdienst der EKD und der namibischen Partnerkirchen in Berlin 2018.
30 Jahre Südafrika-Arbeit
Die Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika feiert Ende Oktober ihr 30-jähriges Bestehen. Eingerichtet nach dem Ende des Apartheidregimes in Südafrika, leistet sie heute Advocacy- und Informationsarbeit zu den Ländern im Süden des Kontinents.

Auf den ersten Blick irritiert das Jubiläum der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA): Wieso wurde die Arbeitsstelle erst 1996 gegründet, als Nelson Mandela bereits zwei Jahre Südafrikas Präsident war? Die Zeiten waren vorbei, in denen kirchliche Initiativen, Solidaritätsgruppen und Kirchengemeinden in Deutschland ihren Kirchenleitungen Druck machten, sich öffentlich eindeutiger gegen das Apartheidregime zu positionieren. Wozu brauchte es da noch eine zentrale Informations- und Koordinierungsstelle?

„Die Beziehungen zu Partnern in Südafrika bestanden ja weiter, und der allgemeine Eindruck war, dass genau jetzt geschaut werden muss, wie die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und dem neuen Südafrika gestaltet werden soll“, erklärt Simone Knapp, die seit bald 20 Jahren Referentin bei KASA ist. „Es war klar, dass Ehrenamtliche diese Arbeit nicht mehr allein stemmen können.“ 

Professionalisierung war nach 1994 gefragt

Zusammen mit Misereor erklärte sich damals Brot für die Welt bereit, die Mittel für eine Projektstelle zur Verfügung zu stellen, um die Südafrika-Arbeit der Basisinitiativen zu koordinieren. Im Oktober 1996 wurde die KASA als Teil der Werkstatt Ökonomie in Heidelberg gegründet, deren Geschäftsführerin Simone Knapp seit 2022 ist. Es erwies sich schnell als sinnvoll, die Lobby- und Advocacy-Arbeit zur Aufarbeitung der Apartheid in eine professionelle Arbeitsstelle auszulagern. 

Ein Beispiel dafür ist die Kampagne gegen die Daimler-AG, mit der das Unternehmen dazu gebracht werden sollte, Apartheidopfer zu entschädigen. Der Stuttgarter Autokonzern hatte damals Fahrzeuge und Maschinen an Polizei und Militär des südafrikanischen Apartheidregimes geliefert, darunter militärisch aufgerüstete Unimogs, die in Townships gegen demonstrierende Schüler eingesetzt wurden. Brot für die Welt saß damals auch noch in Stuttgart, und viele Spender waren bei Daimler angestellt. Eine Kampagne gegen ihren Arbeitgeber mit dem Logo von Brot für die Welt wäre da vermutlich nicht gut angekommen.

Von Kampagnen zu Bildung und Advocacy

Mittlerweile ist die Zeit der großen Südafrika-Kampagnen vorbei. Die Hauptaufgaben der KASA sind heute vor allem klassische Bildungsarbeit für die kirchliche und weitere Öffentlichkeit, Beratung und Begleitung von Gemeinde- und Schulpartnerschaften sowie Lobbyarbeit auf Bundes- und EU-Ebene. „Wir verknüpfen Fragen der sozioökonomischen Gerechtigkeit im südlichen Afrika mit Klimagerechtigkeit oder binden sie in die allgemeine Kolonialismus-Debatte ein“, erläutert Knapp.

Das Konzept scheint aufzugehen. Mehr als tausend Abonnenten in kirchlichen Hilfswerken, Südafrika-Referaten in Ministerien und in Kirchenämtern und Gemeinden beziehen den KASA-Newsletter mit Analysen und Hintergrundinformationen zu aktuellen Entwicklungen. 

Insider schätzen die Kompetenz und Expertise der KASA. So finanziert Brot für die Welt seit einem Jahr zusätzlich zu den beiden 75-Prozent-Stellen von Knapp und ihrem Kollegen Boniface Mabanza Bambu eine weitere befristete volle Stelle zur Aufarbeitung des Genozids an den OvaHerero und Nama zwischen 1904 und 1908 in der ehemaligen deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. 

Auf Sicht sinken die kirchlichen Mittel

Knapp geht allerdings nicht davon aus, dass KASA langfristig wachsen wird. Das sei utopisch angesichts der Mittelkürzungen im kirchlichen Raum. Die Qualität der Arbeit hänge aber nicht von der Größe einer Organisation ab, sagt Knapp. Außerdem hätten sich im Laufe der Jahre schon viele junge Menschen als Praktikantinnen, Minijobber oder Werkstudenten bei KASA engagiert und begeistert mitgearbeitet, die an anderer Stelle nun ihr Wissen über das südliche Afrika einbringen. 

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KASA stehe zudem nicht allein für fachliche Kompetenz. „Ein ganz wichtiger Pfeiler unserer Arbeit ist die Solidarität. Wir hätten nicht überlebt, wenn wir nicht viele Freundschaften und persönliche Beziehungen zu unseren Partnern vor Ort hätten. Da ist viel Vertrauen gewachsen, das unsere Arbeit trägt“, sagt Knapp. Dass man der Arbeitsstelle angesichts dieser engen Beziehungen Parteilichkeit vorwerfen kann, ist Knapp sich bewusst. „Wir sind eine kirchliche Arbeitsstelle, und da weiß ich, wo ich stehe: an der Seite der Unterdrückten, Ausgegrenzten und Armen. Für sie ergreife ich Partei.“

Diese persönliche Überzeugung führte vor zwei Jahren sogar soweit, dass Knapp und ihr Kollege freiwillig aus dem Tarifvertrag ausscherten. Die tarifliche Gehaltserhöhung um fünf Prozent konnte die KASA nicht mehr leisten. Auch auf das Weihnachtsgeld verzichteten beide, um die Arbeit fortsetzen zu können. „Wir sind glücklich, dass wir eine Arbeit tun können, die wir gerne machen.“

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