Bogotá - Als sich die Dunkelheit über die Plaza de Bolívar in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá senkt, wird Aida Quilcué zu den Rhythmen einer indigenen Musikgruppe als „künftige Vizepräsidentin Kolumbiens“ auf die Bühne gerufen. „Unser Projekt setzt den Kampf, den Widerstand der historisch Ausgegrenzten fort“, ruft die Nasa-Indigene unter großem Jubel. Es ist die Abschlussveranstaltung des „Bündnisses für das Leben“, in dem sich Linke, Grüne und Liberale für die Präsidentschaftswahl zusammengeschlossen haben, der Platz ist randvoll.
Dann wird Iván Cepeda nach vorne gelotst, umringt von Leibwächtern mit langen Schutzmatten. Der Menschenrechtsanwalt ist kein mitreißender Redner wie Quilcué. Seinen Text liest der hagere 63-Jährige mit dem schmalen Schnurrbart bedächtig vor, nur den früheren Präsidenten Álvaro Uribe (2002 bis 2010) attackiert er heftig.
Jahrzehntelanger Bürgerkrieg
Im ersten Wahlgang am Sonntag geht es darum, mit wem sich Cepeda, der in allen Umfragen führt, in der Stichwahl am 21. Juni messen muss: mit der konservativen Senatorin Paloma Valencia oder dem ultrarechten Mafia-Anwalt Abelardo de la Espriella.
Cepeda und Uribe sind Symbolfiguren eines jahrzehntelangen Bürgerkriegs in dem südamerikanischen Land. Der 73-jährige Uribe beschuldigt die „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc), 1983 seinen Vater Alberto ermordet zu haben.
Elf Jahre später wurde Cepedas Vater Manuel, kommunistischer Senator und Parteichef, auf offener Straße erschossen. In Parlament und Justiz lieferten sich die Söhne erbitterte Auseinandersetzungen um Uribes Mitverantwortung daran, dass in seiner zweiten Amtszeit Tausende junge Männer entführt, ermordet und anschließend als tote Guerilla-Kämpfer präsentiert wurden.
Friedensprojekt ist gescheitert
Cepeda möchte die Reformpolitik des amtierenden Präsidenten Gustavo Petro fortsetzen. Ihre Sammelbewegung Pacto Histórico gewann die Präsidentschaftswahl 2022 denkbar knapp und konnte bei den Parlamentswahlen im März ihre relative Mehrheit im Parlament ausbauen. Ihre wichtigste Basis sind Millionen Arme, Arbeiter und Kleinbauern, deren Einkünfte unter Petro deutlich gestiegen sind - auch im Arbeitsrecht und bei der Landverteilung gab es Fortschritte. Ambitionierte Steuer- oder Gesundheitsreformen wurden hingegen von der bürgerlichen Kongressmehrheit ausgebremst.
Petros Projekt eines umfassenden Friedens, an dem Cepeda maßgeblich beteiligt war, ist jedoch gescheitert. Mehrere Farc-Splittergruppen wollen das lukrative Drogengeschäft ebenso wenig aufgeben wie die Überreste des „Heers zur Nationalen Befreiung“ (ELN). Nach jahrelangen, ergebnislosen Verhandlungsrunden, während derer die bewaffneten Gruppen ihre Stellungen ausbauen konnten, setzt Petro zunehmend auf das Militär. Im Schnitt werden sogar mehr Menschen ermordet als in den Amtszeiten seiner zwei konservativen Vorgänger.
Ultra im Fußballtrikot
Oliver Üllenberg von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Bogotá sagt: „Gewalt, Vertreibungen und Unsicherheit verschieben den politischen Raum nach rechts und stärken jene, die einfache Antworten auf komplexe Probleme anbieten.“ Der Wahlkampf sei „wenig substanziell“. Valencia vom konservativen Establishment könnte die erste Präsidentin des Landes werden, de la Espriella hingegen sei „so beliebt, weil er radikal auch gegen dieses Althergebrachte auftritt“.
Wie Brasiliens Ex-Präsident Jair Bolsonaro posiert de la Espriella gerne im Trikot der Fußball-Nationalmannschaft. Er pöbelt wie der Argentinier Javier Milei, und die Frisur samt Bart hat er von Nayib Bukele aus El Salvador übernommen. Das kommt gerade bei Jüngeren an, bei denen die Politikverdrossenheit steigt. Korruption und Vetternwirtschaft sind auch unter dem charismatischen Petro an der Tagesordnung. De la Espriella verspricht mehr Sicherheit und einen radikalen Staatsabbau. In allen Umfragen hat er Valencia überrundet, die mit ihrem homosexuellen Vize-Kandidaten Juan Daniel Oviedo auf Stimmen der bürgerlichen Mitte hofft.
Auf der Plaza de Bolívar mahnt Cepeda derweil seine Mitstreiter im Parlament und den Ministerien zu Bescheidenheit. „Das Erreichen eines öffentlichen Amts ist nicht der Endpunkt des Kampfes“, ruft er. Nie dürfe man sich mit Verbalradikalismus begnügen oder „sich in Luxusvillen und protzigen Palästen einsperren“.
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