Hanna ist gerade noch so davongekommen. Als selbst wochenlanges Einsperren nicht gegen die Gefahr einer Zwangsrekrutierung half, brachte die Mutter die damals 14-Jährige in ein Schutzhaus in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Seit rund einem Jahr lebt sie hier am Fuße der Berge mit Blick über die Stadt im Internat mit etwa 80 Kindern aus ganz Kolumbien zusammen. Das am Hang liegende Gelände ist grün und mit zahlreichen, teils in fröhlichen Farben bemalten Gebäuden bebaut.
Eltern oder Behörden bringen die Mädchen und Jungen ab neun Jahren in die Einrichtung von Benposta, einer Partnerorganisation der deutschen Diakonie Katastrophenhilfe. Die Kinder sind entweder einer der immer mehr werdenden bewaffneten Gruppen entkommen oder mussten ihre Heimat verlassen, weil sie besondere Gefahr laufen, verschleppt zu werden - wie Hanna. Die Schülerin, deren Name zu ihrem Schutz geändert wurde, wirkt zurückhaltend und zugleich offen, wenn sie über ihr Leben in einem Dorf im Departement Norte de Santander an der Grenze zu Venezuela spricht.
Wettstreit um Rekrutierung
Eine Freundin habe sich wegen familiärer Probleme einer bewaffneten Gruppe angeschlossen. „Danach wurde der ganze Freundeskreis bedrängt, wir wurden außerhalb der Schule beobachtet, sie haben uns nach Hause verfolgt.“ Auch als die Mutter, selbst eine bedrohte Gemeindevertreterin, sie in die nächste Großstadt brachte, erhielt Hanna Drohungen. „Es gibt einen Wettstreit zwischen zwei Gruppen, wer die meisten Kinder abgreift.“
In Kolumbien herrscht seit den 1960er Jahren Krieg zwischen dem Staat, Guerillagruppen und paramilitärischen Milizen mit bislang etwa 300.000 Toten und über sieben Millionen Vertriebenen. Nachdem sich die Lage rund um das 2016 mit der Farc-Guerilla abgeschlossene Friedensabkommen für einige Zeit verbessert hatte, nimmt die Gewalt nun wieder massiv zu.
Verschleppte Kinder immer jünger
„Die Zahl der Mitglieder von bewaffneten Gruppen hat sich zwischen 2021 und 2025 auf über 25.800 verdoppelt“, erläutert José Luis Barreiro, der Koordinator des NGO Forums, ein Verband humanitärer Organisationen. Zugleich zersplittern die Gruppen, die sich von Drogenhandel, Erpressung und illegalem Goldabbau finanzieren, immer weiter, was etwaige Verhandlungen deutlich erschwert. Laut den Vereinten Nationen leben fast zehn Millionen Menschen in Gebieten, die unter der Kontrolle einer solchen Miliz sind. Dort sind die Kinder besonders bedroht.
Laut dem NGO Forum wurden 2025 mindestens 1.800 Jungen und Mädchen von den bewaffneten Gruppen rekrutiert, sei es durch gezielte Angebote wie Ausbildungen, Jobs, Geld oder Motorräder, sei es durch Druck und Gewalt. 2021 habe die Zahl bei rund 1.100 gelegen. Offizielle Zahlen liegen weitaus tiefer, weil die Verifizierung umständlich ist.
„Die Rekrutierung von Kindern wird zum Normalzustand und kaum wahrgenommen“, sagt Barreiro. Die verschleppten Kinder würden außerdem immer jünger, da die Milizen zunehmend auf mit Sprengstoff beladene Drohnen setzten, die auch Kinder von 12 oder 13 Jahren steuern können.
Indigene besonders gefährdet
Barreiro verweist dabei auf den Rückzug zahlreicher Hilfsorganisationen und der UN aus ländlichen Regionen wegen der Mittelkürzungen durch die USA und europäische Länder wie Deutschland. Weniger Präsenz führe zu weniger Schutz und auch zu weniger Informationen über Menschenrechtsverbrechen.
Besonders gefährdet sind die Kinder von strukturell benachteiligten Minderheiten wie indigene Gemeinschaften und Afrokolumbianer. Dies zeigt sich im südwestlichen Departement Cauca. Der Indigenenrat der Region CRIC spricht von einem Ethnozid, da durch die Gewalt gegen Indigene und die Verschleppung der Kinder die Gemeinschaften und die Kulturen bedroht seien. Der Cauca sei eine „Vorratskammer“ für Kindersoldaten für die bewaffneten Gruppen, sagt der Menschenrechtsbeauftragte des CRIC, Eduin Capaz, in einer von den Nasa-Indigenen verwalteten Grundschule in einem kleinen Dorf knapp zwei Stunden südlich der Millionenstadt Cali. „Es herrscht ein nicht erklärter Krieg um die Kinder zwischen den Milizen und den indigenen Völkern.“
Bürgerwehren riskieren ihr Leben
Denn sobald ein Kind verschwindet, wird die indigene Wache aktiv. Die Frauen und Männer der Bürgerwehr, die an ihren blauen Westen und mit bunten Stoffbändern verzierten Holzstäben zu erkennen sind, verteidigen das Territorium ihrer Gemeinde mit ihrer Präsenz, zum Beispiel gegen Milizen oder illegale Abholzung. Auch die Besucher in ihrem von roter Erde, Wärme und saftiger Vegetation geprägtem Gebiet begleiten die Wachen auf ihren Motorrädern über die gewundenen, holprigen Straßen.
Adriana Gualiche ist eine von ihnen. „Die Mütter der Kinder bitten uns um Hilfe.“ Teilweise versuchten sie über Monate, mit den Kommandanten zu verhandeln, damit sie ein Kind freilassen, manchmal gelingt es, manchmal nicht. „Kinder, die freigelassen wurden, haben Angst, dass sie sie wieder holen.“
„Der Einsatz ist für die Kinder und die Wachen lebensgefährlich“, sagt CRIC-Vertreterin Natalia Garzón. Allein 2025 wurden laut CRIC mindestens 37 indigene Wachen getötet.
Kaum Hoffnung auf Besserung
Dass sich die Lage nach den Wahlen am 31. Mai verbessern könnte, erwartet niemand - im Gegenteil. Die Menschen trauen dem linken Kandidaten Iván Cepeda nicht zu, die Gewalt zu beenden. Und die Rechte werde die militärische Präsenz verstärken, so dass die indigenen Gemeinschaften ins Kreuzfeuer geraten, sagt der Menschenrechtler Capaz. „Uns bleibt nur der Widerstand.“
Hanna fühlt sich sicher im Internat in Bogotá. Wenn sie Ende des Schuljahres ihren Abschluss macht, möchte sie entweder zum Militär oder Grafikdesign studieren. Dass sie dann ihren eigenen Weg gehen muss, macht ihr ein wenig Angst, aber sie freut sich auch. „Nach Hause möchte ich nicht zurück, es ist zu gefährlich und ich habe keine Hoffnung, dass sich die Lage verbessert.“
Transparenzhinweis: Die Recherche wurde von der Diakonie Katastrophenhilfe unterstützt.
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