Banjul - Ein feuchter Glanz füllt Fatoumata Jabbies Augen, wenn sie über das spricht, was sie ihren Töchtern angetan hat. „Jedes Mal, wenn sie über Unterleibsschmerzen klagen, habe ich ein schlechtes Gewissen“, sagt sie. Ihre vier Töchter sind alle beschnitten. Nach gängiger Praxis brachte die Gambierin die Mädchen, als diese nicht älter als etwa ein Jahr alt waren, zur Beschneiderin.
Eigentlich ist weibliche Genitalverstümmelung (FGM) seit 2015 in Gambia verboten. Die Regierung verabschiedete sogar eine nationale Strategie, um die Praxis bis 2030 vollständig zu beseitigen, doch die Umsetzung läuft schleppend. Noch immer ist FGM in etwa 30 Ländern in Afrika, Asien und im arabischen Raum in manchen Regionen und Gemeinschaften tief verwurzelt. Und nun droht das Verbot in Gambia gar zu kippen.
Protest gegen Verbot
Das geltende Recht in dem westafrikanischen Land sieht bis zu drei Jahre Haft sowie eine Geldstrafe von umgerechnet mehreren Hundert Euro bei Umgehung des Verbots vor. Führt die Genitalverstümmelung zum Tod, droht sogar lebenslange Haft. Obwohl FGM seit 2015 unter Strafe gestellt ist, erfolgten die ersten Verurteilungen erst 2023.
Die Urteile aber lösten heftige Reaktionen aus, und 2024 leitete eine Gruppe religiöser Führer und ein Abgeordneter Schritte ein, um das Verbot aufzuheben. Argumentiert wird mit dem Recht auf kulturelle und religiöse Freiheit. Inzwischen liegt die Frage vor dem Obersten Gerichtshof - und ist zu einem Politikum geworden, das die Nation spaltet.
Gesellschaftlicher Druck
„Praktizierende sind überzeugt, dass die Beschneidung Reinheit bringt, aber auch Charakter formt und die Mädchen später heiratsfähig macht“, erklärt Fallu Sowe vom „Network against Gender-Based Violence“. Das Netzwerk vereint sämtliche Organisationen in Gambia, die sich für den Erhalt des Verbots einsetzen. Der gesellschaftliche Druck, der damit einhergehe, sei enorm, weswegen auch zehn Jahre nach dem Verbot immer noch viele Familien ihre Töchter beschneiden ließen, sagt Sowe.
Ein UN-Bericht von 2022 schätzt, dass rund 75 Prozent aller Frauen in Gambia beschnitten sind. Frauen und Mädchen, die von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind, leiden häufig unter Komplikationen bei der Geburt, chronischen Infektionen oder psychischen Traumata. In manchen Fällen hat der Eingriff sogar tödliche Folgen.
„Jeden Tag Vorwürfe“
Früher arbeitete Fatoumata Jabbie mit traditionellen Beschneiderinnen zusammen. „Meine Rolle war es zum Beispiel, die Kinder abzuholen“, erzählt sie. Heute ist sie eine Stimme gegen FGM. „Ich habe gesehen, was für gesundheitliche Probleme meine Töchter haben“, sagt die 57-Jährige. „Was getan wurde, ist getan. Ich kann es nicht mehr rückgängig machen. Aber ich mache mir jeden Tag Vorwürfe“.
Zum ersten Mal auf die schrecklichen Folgen sei sie während einer Gesundheitsschulung der US-Organisation Tostan aufmerksam geworden, erinnert sie sich. „Da habe ich verstanden, dass die Infektionen, an denen meine Töchter gelitten haben, damit zusammenhängen.“
Veränderungen von innen
Dennoch kann Jabbie weiterhin den Druck nachvollziehen, der gesellschaftlich auf Frauen und ihren Töchtern lastet, die kulturelle Tradition zu wahren. „Wer sich dagegen einsetzt, dem wird vorgeworfen, die Vorfahren nicht zu ehren“, sagt sie.
Wegen solcher tief verwurzelten sozialen Normen könnten sich einzelne Familien kaum unabhängig gegen die Praxis entscheiden, sagt Yussuf Sane von der Organisation Tostan. Sie seien eingebettet in weit verzweigte soziale Netzwerke, in denen Verwandtschaftsbeziehungen und gegenseitige Erwartungen eine zentrale Rolle spielten. „Wer die Beschneidung der eigenen Töchter ablehnt, riskiert den Ausschluss aus diesem Netzwerk“, erklärt Sane. Umso wichtiger seien Multiplikatorinnen wie Fatoumata Jabbie: Sie könnten als Mitglied der Gemeinschaften Veränderungen von innen heraus anstoßen.