Salvador da Bahia - Bei Sonnenschein und mit Panamahut spricht Brasiliens amtierender Präsident Luís Inácio Lula da Silva vor rund 20.000 Anhängerinnen und Anhängern. „Es geht um die Seele des Landes“, ruft Lula der Menge zu.
Der Ort des Auftritts zum Wahlkampfauftakt am Sonntag ist bewusst gewählt. Hier in São Bernardo do Campo im Großraum São Paulo machte sich Lula Ende der 1970er Jahre als Arbeiterführer einen Namen. Nun erzählt der 80-Jährige von vergangenen Erfolgen, seine Ehefrau Janja singt mit einem evangelikalen Sänger im Duett und eine Hip-Hop-Gruppe tanzt: Es sind geschickt gesetzte Signale an die verschiedenen Wählergruppen vor dem Urnengang am 4. Oktober.
400 Kilometer entfernt lauschen in Rio de Janeiro weniger Anhänger als erhofft den Worten von Lulas Herausforderer Flávio Bolsonaro. Der 45 Jahre alte Sohn des wegen Putschversuchs verurteilten ultrarechten Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro zeigt sich demonstrativ selbstbewusst, nennt die amtierende Regierung eine „Gefahr für die Demokratie“ und die bevorstehende Wahl eine „Entscheidung für die nächsten 45 Jahre“.
Politischer Richtungskampf
Mit dem Wahlkampfauftakt hat in Brasilien ein politischer Richtungskampf begonnen. Auf der einen Seite steht der aus armen Verhältnissen stammende Lula, der sich trotz geringer Schulbildung bis ins höchste Staatsamt hochgearbeitet hat. Auf der anderen Seite der Bolsonaro-Sohn Flávio, der an das politische Erbe seines Vaters anknüpfen will. Von weiteren elf Kandidierenden sind nur wenige als Bündnispartner bei einer wahrscheinlichen Stichwahl relevant.
Für den ersten Wahlgang hat Lula den Großteil der Parteien links der Mitte hinter sich versammelt. Als Vize tritt erneut der frühere Kontrahent Geraldo Alckmin an. Flávio Bolsonaro wird nur von der eigenen Partei PL unterstützt. Laut den neusten Umfragewerten des Instituts Quaest liegt Lula leicht vorn. Vor allem bei Menschen mit geringem Einkommen punktet Lula, ebenso wie bei Absolventen eines mittleren Schulabschlusses, Schwarzen und Katholiken. Bei Anhängern von Pfingstkirchen und Besserverdienenden hingegen ist Flávio Bolsonaro beliebter.
Lateinamerika rückt nach rechts
In Lateinamerika gehört Brasilien neben Mexiko zu den wichtigsten links regierten Staaten. Viele Länder der Region sind in den vergangenen Jahren nach rechts gerückt. Das jüngste Beispiel ist Kolumbien, wo Abelardo de la Espriella erst vor knapp eineinhalb Wochen das Präsidentenamt von seinem linken Vorgänger Gustavo Petro übernommen hat. Auch in Bolivien und Chile sind wieder rechte Regierungen an der Macht.
Der Aufstieg der Rechten gilt vor allem als Antwort auf wachsende Kriminalität. Auch Flávio Bolsonaro setzt auf das Thema Sicherheit und verspricht das Ende von Kriminalität und Korruption - obwohl er selbst unter Korruptionsverdacht steht. Beim Wahlkampfauftakt droht er in Richtung der Drogenkartelle PCC und Comando Vermelho: Man werde sie „als das behandeln, was sie sind: Terroristen“.
Lula hingegen tritt für die nationale Souveränität ein, wirbt für den Ausbau des Sozialstaates und hält den Wert multilateraler Zusammenarbeit hoch. Doch das Thema innere Sicherheit steht auch bei ihm auf der Agenda. Schmücken kann er sich unter anderem mit der auf 5,4 Prozent gefallenen Arbeitslosenquote. Beide Kandidaten werben insbesondere um unentschlossene Wähler. Bolsonaro etwa legte ein Programm für die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen vor.
Fake News über Lula
Je näher der Wahltermin rückt, desto unerbittlicher wird das Werben um Wählerstimmen. Für diesen Wahlkampf hat das Oberste Wahlgericht strenge Richtlinien zu Fake News aufgelegt: 2022 noch hatte der zweite Bolsonaro-Sohn Carlos über soziale Medien zahlreiche Falschmeldungen über Lula verbreitet, etwa, dass er Pfingstkirchen verbieten oder pornografisches Unterrichtsmaterial verbreiten würde.
Lula wiederum ist inzwischen routinierter im Umgang mit sozialen Medien. So zeigt er sich etwa bei Fitnesstrainings, um Kommentaren über sein Alter vorzubeugen. Durch das breite Bündnis linker Parteien wird er außerdem deutlich mehr Zeit für TV-Wahlwerbung haben als sein Gegner. Doch der könnte deswegen umso schärfer angreifen.