Liebe Leserin, lieber Leser,
die internationale Entwicklungspolitik beschäftigt sich seit gut einem halben Jahr vor allem mit dem Rückzug der USA und den Folgen etwa für die Finanzierung internationaler Gesundheitspolitik und humanitärer Hilfe. Seit die Regierung von Präsident Donald Trump mehr als 80 Prozent der US-amerikanischen Hilfsprogramme gestoppt hat, zerbrechen sich Fachleute die Köpfe, wer diese Lücke schließen könnte. Antwort: Vorerst niemand, denn auch andere Geber, darunter Deutschland, kürzen ja ihre Mittel für Entwicklungszusammenarbeit.
Fachleute aus Afrika diskutieren längst in eine andere Richtung: Es müsse darum gehen, die Abhängigkeit des Kontinents von Entwicklungszusammenarbeit zu verringern - schon deshalb, weil diese allzu oft an den Interessen der Geber ausgerichtet sei und nicht an den Interessen und Bedürfnissen Afrikas, meint William Gyude Moore in seiner Analyse. Beiderseitiger Wohlstand erfordere gegenseitigen Respekt – und das beginne damit, Afrikas Handlungsfähigkeit, sein Potenzial und seine Mitsprache anzuerkennen, schreibt Moore. Sein Artikel gehört zu unserem aktuellen Schwerpunkt "Zeit für Widerspruch", in dem Autorinnen und Autoren aus dem globalen Süden für eine neue Nord-Süd-Politik plädieren.
Ich wünsche Ihnen eine erhellende Lektüre.
Die Afrikanische Union (AU) hat sich einer Kampagne angeschlossen, für Weltkarten nicht mehr die nach ihrem Erfinder benannte Mercator-Projektion aus dem 16. Jahrhundert zu verwenden. Auf diesen Karten werde Afrika - etwa in Relation zu Europa - deutlich kleiner dargestellt, als es tatsächlich ist, und das beeinflusse das Bild des Kontinents in Medien, Bildung und Politik. Afrika hat allen Grund sich über hartnäckige koloniale Denkmuster und Überheblichkeit auf der Nordhalbkugel zu beklagen - siehe den oben angeteaserten Beitrag von William Gyude Moore. Aber die immer mal wieder hochkochende Debatte über vermeintlich unfaire oder neokoloniale Darstellungen der Welt auf Karten ist ein Nebenkriegsschauplatz. Die Mercator-Projektion verzerrt die Welt tatsächlich grotesk, weil Längen- und Breitengrade als gerade Linien dargestellt werden. Seinerzeit war das ein großer Fortschritt, weil diese Darstellung die Navigation auf See erleichterte. Dafür wird diese Art Karte nicht mehr gebraucht, und eine schnelle Internetrecherche ergibt: Die Mercator-Projektion wird nur noch selten genutzt, längst überwiegen alternative Darstellungen, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Ein Leserbriefschreiber meint im britischen "Guardian" zum Vorstoß der Afrikanischen Union: Den gerechtesten Blick auf die Welt bietet der Globus.
Islamisten marschieren voran: In Somalia erobert die Al-Shabaab-Miliz viele Gebiete - sogar die Hauptstadt Mogadischu ist umstellt. Das ist ein herber Rückschlag für das Land am Horn von Afrika, berichtet Bettina Rühl.
Kenias Kirchenspaltung: Der kenianische Präsident William Ruto hofiert Evangelikale und Freikirchen, während Führer der Protestanten, Katholiken und Anglikaner die junge Protestbewegung gegen die Regierung unterstützen. Katja Dorothea Buck hat die Hintergründe.
Coaching für Helfer: Wer sich in nichtstaatlichen Organisationen beruflich für Frieden, Entwicklung und Gerechtigkeit engagiert, steht oft unter Stress und muss Frust und Gegenwind aushalten. Was kann dabei helfen? Fragen an die Supervisorin Luise Steinwachs.
Ein Gebetsraum für queere Menschen: Caroline Omolo ist Pastor*in in Kenias Hauptstadt Nairobi, lebt offen non-binär und weiß, was es bedeutet, in der Kirche nicht willkommen zu sein. Deshalb betreibt er_sie eine Begegnungsstätte, in dem sich queere Christinnen und Christen zum Beten, zur Bibelarbeit und zum Zusammensein treffen können. Sofi Lundin hat Caroline Omolo für uns porträtiert.
Landraub: Im Süden Ecuadors liegt eins der wenigen Gebiete, in denen Bauernfamilien von einer Landreform profitiert haben. Doch jetzt verlieren viele ihr Land wieder. Dabei spielen Korruption und Drogenbanden eine Rolle, berichtet Frank Braßel.
Wir schaffen das! Ein Satz für die Geschichtsbücher, ausgesprochen von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor ziemlich genau zehn Jahren. Damals flüchteten hunderttausende Männer, Frauen und Kinder aus Syrien vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat, und Merkels Satz trug zweifellos dazu bei, dass sich so viele Menschen in Deutschland ehrenamtlich und beruflich dafür eingesetzt haben, die Geflüchteten möglichst gut aufzunehmen und die Lage in den belasteten Gemeinden und Städten im Griff zu behalten. Kritiker werfen Merkel hingegen bis heute vor, sie habe mit ihrem Satz die Schleusen für eine unkontrollierte Masseneinwanderung geöffnet, unter der Deutschland bis heute leide. Aber was ist denn die Alternative zu Merkels "Wir schaffen das"? Flucht und Migration kann man nicht einfach stoppen, hat mir vor zwei Jahren Federico Soda von der Internationalen Organisation für Migration im Interview erklärt. Bloß Mauern hochzuziehen, um die Leute fernzuhalten, funktioniert auf Dauer nicht. Angela Merkel hat das verstanden, ihr Nachfolger Friedrich Merz leider nicht.
Lagerpoesie: Peter Kidi stammt aus dem Südsudan und wurde im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia geboren. Dort lebt er seitdem - und hat angefangen, Gedichte zu schreiben. Im Interview für den Oxfam-Blog FP2P erzählt er, wie die Poesie ihm dabei hilft, mit der Not und Perspektivlosigkeit im Lager umzugehen.
Die alte Weltordnung zerbröselt, was kommt danach? Sechs sogenannten Swing States zwischen den Großmächten USA, China und Russland kommt eine entscheidende Bedeutung zu, heißt es im Onlinemagazin IPG. Der Westen sollte die Zusammenarbeit mit ihnen suchen, statt sie hochnäsig zu ignorieren.
Hoffnung aus der Traumfabrik: In den sogenannten Nollywood-Filmen aus Nigeria geht es oft um einfache Leute, die einem harten Schicksal entkommen und ihrem Leben einen neuen Sinn geben. "The Conversation" berichtet, dass das vor allem bei hart arbeitenden Dienstmädchen gut ankommt und sie motiviert, nicht aufzugeben.
Gold, das tötet: Im Sudan herrscht seit zwei Jahren Bürgerkrieg, die humanitäre Lage ist katastrophal. Die Kriegsparteien RSF und SAF finanzieren sich beide mit dem illegalen Goldhandel. Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate kaufen das Edelmetall und liefern im Gegenzug Waffen. Würde das gestoppt, wäre der Krieg bald zu Ende, heißt es in einer Studie von Chatham House.
Von Mexiko lernen? Die mexikanische Regierung unter Präsident Andrés Manuel López Obrador und seiner Nachfolgerin Claudia Sheinbaum hat die Armut im Land in den vergangenen Jahren stark reduziert. Ein wichtiges Mittel: die deutliche Erhöhung des Mindestlohns. Das Magazin "Phenomenal World" erklärt, wie das gelungen ist, ohne die Inflation anzuheizen.
Afrika wendet sich ab: Russlands und Chinas Einfluss in Afrika wächst, der des Westens schrumpft. Eine Studie des GIGA-Instituts rät westlichen Staaten, ihre Interessen offener, aber auch mit mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse Afrikas zu verfolgen. Barbara Erbe fasst das Papier zusammen.
Der "Tatort" im Ersten hat immer noch Sommerpause. Wer keine aufgewärmte Wiederholung sehen möchte, sondern mal etwas ganz anderes, kann sich am Sonntag, 31. August, bei medico international in Frankfurt am Main oder auf dem Sofa zu Hause im Livestream die Veranstaltung "Tatort Namibia" ansehen. Gezeigt wird der Film "Shark Island" über das Konzentrationslager, das die deutsche Kolonialmacht vor mehr als hundert Jahren auf einer Insel vor der namibischen Stadt Lüderitz errichtet hat. Im Anschluss wird über den Kampf für Gerechtigkeit zwischen Namibia und Deutschland diskutiert, moderiert von Melika Foroutan, der neuen Kommissarin des Frankfurter Tatort-Teams. Alle Infos gibt's hier.