Liebe Leserinnen, liebe Leser,
"eine Generation, die nichts mehr zu verlieren hat, könnte genau die sein, die alles verändert": Dieser Satz über die Proteste der jungen Leute in Madagaskar geht mir irgendwie unter die Haut. Geschrieben hat ihn die Madagassin Ketakandriana Rafitoson. Sie ist Politikwissenschaftlerin, Menschenrechtsaktivistin und Vizedirektorin von Transparency International Madagaskar. In ihrem Kommentar erklärt sie, woher die lang aufgestaute Wut und Frustration der sogenannten Generation Z kommt. Ihre Proteste haben sich an Stromausfällen und Wasserknappheit entzündet, aber schon viel länger regt nicht nur junge Leute die grassierende Korruption unter Präsident Rajoelina auf. Rafitoson fordert, dass die Eliten der jungen Generation wirklich zuhören und das politische System substanziell verändern, statt auf Protest nur mit symbolischen Gesten zu reagieren.
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Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre.
Symbolpolitik treiben ja auch hiesige Politiker gern. Das hat man gestern gleich zweimal erleben dürfen. Erst stimmt die Mehrheit der EU-Parlamentarier für ein Verbot der Bezeichnung Veggie Burger oder Veggie Wurst, unter anderem, weil Verbraucher getäuscht würden und Verwechselungsgefahr mit echten Fleischprodukten bestehe. Dann stimmt der Bundestag für die Abschaffung der "Turbo-Einbürgerung", die die Ampel-Regierung erst vergangenes Jahr eingeführt hat. Unsere Politiker hätten eigentlich deutlich drängendere Probleme zu lösen, als sich im nächsten Kulturkampf um die Bezeichnung von Fleischersatz zu verrennen. Es ist wohl kaum im Alltag ein echtes Problem, dass jemand versehentlich Veggie-Wurst statt Lyoner kauft. Und die Abschaffung der Möglichkeit, schon nach drei Jahren eingebürgert zu werden, ist ein reines und schlechtes Symbol. Die Hürden für die Turbo-Einbürgerung waren hoch – darunter sehr gute Deutschkenntnisse und ein sicheres Einkommen – und die Möglichkeit wurde nur von sehr wenigen genutzt. Doch das waren oft jene Fachkräfte, die Deutschland so dringend braucht. Bundeskanzler Merz und die Union pochen immer wieder darauf, dass sich Leistung lohnen müsse, aber den Ansporn für schnelle Integrationsleistungen hat die Koalition jetzt ohne Not wieder abgeschafft. So macht man Deutschland auf keinen Fall attraktiv und setzt auch keinen Anreiz für Zugewanderte, sich zu integrieren.
Das Miteinander im Süden Italiens: In Palermo leben Migranten aus zahlreichen Ländern. Die Gesetze benachteiligen sie, doch im Alltag mischen sich ihre Kulturen, berichtet Ismail Einashe in unserem aktuellen Heft mit dem Schwerpunkt "Multikulti".
Immerhin ein Ansatz, die Kämpfe zu stoppen: Die USA und drei arabische Staaten, die im Sudan mitmischen, haben sich auf Grundsätze für die Beendigung des Krieges dort verständigt. Gute Idee, doch wie ernst sie es meinen, ist leider nicht klar, kommentiert Bernd Ludermann.
Deutsche Firmen sollen mitverdienen: Die deutsche Entwicklungspolitik soll heimischen Unternehmen stärker den Weg zu Geschäften im Ausland ebnen. Das ist der Kern eines Aktionsplans, den Ministerin Reem Alabali Radovan in Berlin vorgestellt hat. Marina Zapf fasst die Ziele des Plans zusammen.
Wer, wo, was? Die Journalistin Aline Abboud ist seit August Pressesprecherin und Leiterin der Pressestelle des BMZ. Bodo Ellmers ist der neue geschäftsführende Vorstand von Global Policy Forum Europe, und Lisa Ditlmann leitet das Deutschlandteam der Entwicklungsorganisation ONE. Unsere Personalmeldungen im Oktober.
Der Klimaschutz-Grenzausgleich bleibt das Hindernis: Ab kommenden Januar erhebt die Europäische Union Abgaben auf Importprodukte, die weniger klimaschonend hergestellt wurden als in der EU. Ausnahmen für die USA empören nun Länder wie Indien und Südafrika, schreibt Tillmann Elliesen.
Kein Staatsgeld mehr für „Globale Dialoge“: Die entwicklungspolitische Sendung „Globale Dialoge“, die in Wiens freiem Radio läuft, wird zwanzig Jahre alt und kämpft im Jubiläumsjahr ums Überleben, weil ihr die Förderungen gestrichen worden ist, berichtet Milena Österreicher.
Vom Softballspiel zur Frauenpower: Als die Frauen im Mayadorf Hondzonot Sport zu treiben begannen, ging es ihnen um Entspannung und eine Pause von der Hausarbeit. Doch unverhofft hat ihr Softball-Team die Stellung der Frauen verändert und anderswo Nachahmerinnen gefunden. Laura Fornell und Oscar Espinosa haben sie getroffen.
Papst Leo XIV. hat beim Auftakt der internationalen Klimakonferenz „Raising Hope for Climate Justice" (Hoffnung für Klimagerechtigkeit wecken) Anfang Oktober jeden einzelnen dazu aufgerufen, sich stärker für Klimaschutz zu engagieren. In seiner Rede bezog sich Leo XIV. auch auf die von seinem Vorgänger Papst Franziskus 2015 verfasste Enzyklika „Laudato si“, die die Begrenztheit des Planeten betont und Respekt für die Natur anmahnt. Der Wirtschafts- und Sozialethiker Bernhard Emunds hat damals im Interview erklärt, warum diese Enzyklika ein ökologischer Durchbruch in der Kirche war und konservativen US-Katholiken nicht gefallen hat. Leider hat sich das bis heute nicht wirklich geändert. Noch immer interessant!
Alltag unter Herrschaft der Rebellen: Im Ostkongo kontrollieren die M23-Rebellen große entlegene Gebiete. "The New Humanitarian" bringt seltene Einblicke, wie es dort zugeht: Es gibt mehr Straßen, aber keine Gesundheitsdienste, harte Zwangsarbeit, mehr Steuern und Justizwillkür.
Doku-Tipp "Sind wir noch ein Volk?": Der ARD-Film porträtiert acht Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus, begleitet sie in ihrem Alltag und versammelt sie an einem virtuellen Gesprächstisch. Unter anderem kommen eine Klimakleberin, ein Pegida-Gründer, ein schwuler Oberbürgermeister, ein Reservist, eine Friedensaktivistin und eine muslimische Rapperin zu Wort. Im echten Leben würden sie sich wohl nie begegnen, aber in dem Film hören sie einander zu und sprechen über Reizthemen wie Gendern, Migration oder den Umgang mit dem russischen Angriffskrieg. Für die Zuschauer schafft der Film die Möglichkeit, aus ihrer Blase herauszukommen und sich mit anderen Positionen auseinanderzusetzen. Spannend!
Wie steht es um die Religionsfreiheit? Thomas Rachel (CDU) ist der neue Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Im Interview mit "Chrismon" erklärt er, in welchen Ländern die Menschen besonders unter Druck stehen und wofür er sich einsetzen will.
Wie Peking dem globalen Süden schadet: China gibt sich als Freund der Entwicklungsländer. Aber seine Handels- und Wirtschaftspolitik ist für diese nachteilig, ihr Defizit gegenüber Peking wächst, zeigt eine neue Studie. Bernd Ludermann stellt sie vor.
Fortschritt ist eine Schnecke in der Weltbank: Ihre Förderung für Großstaudämme ist heute angeblich umwelt- und sozialverträglich. Vieles davon ist aber Fassade und Fraktionskämpfe in der Bank prägen jede Änderung, finden Forscher in "The Conversation".
Lust auf gutes Kino? In Berlin beginnt am 14. Oktober das "Human Rights Film Festival", das besonders auf die Lage im Bürgerkriegsland Sudan blickt. Mit Khartoum Calling – Voices for Sudan veranstaltet das Festival in Kooperation mit Aktion gegen den Hunger, Reporter ohne Grenzen sowie der Journalistin und Medienmanagerin Niddal Salah-Eldin ein zweitägiges Spezial-Event, um auf die dramatische Situation im Sudan aufmerksam zu machen. Auch in Köln läuft seit heute bis zum 16. Oktober ein Filmfestival - ebenfalls mit Sonderveranstaltungen wie dem AfricaXChange-Summit. Und wer nicht in Köln oder Berlin wohnt, kann woanders ins Kino gehen und sich den Film "Save our Souls" ansehen. Sechs Wochen hat der Regisseur Jean-Baptiste Bonnet das Team des Seenotschiffs Ocean Viking vor der libyschen Küste begleitet und war bei der Bergung von 92 Geflüchteten dabei. Einige von ihnen kommen in dem Film zu Wort. Eindrücklich, findet unser Rezensent Reinhard Kleber.