Warum Populisten die Gesellschaft spalten wollen

Liebe Leserinnen, liebe Leser, 

gut eine Woche ist es her, seit Bundeskanzler Friedrich Merz die "Stadtbild"-Debatte losgetreten hat. Seither bekommt er von vielen Seiten Gegenwind und sehr viele Töchter, die er für seine Aussagen instrumentalisieren wollte, demonstrieren dagegen. Wenn die Debatte am Ende dazu führt, dass sich die Regierung um die tatsächlichen Ursachen fürs "schlechte" Stadtbild kümmert - Armut, Obdachlosigkeit, Drogenkriminalität oder Leerstände - und sich wirklich für die Belange von Frauen, Mädchen sowie von Menschen mit Migrationshintergrund einsetzt, dann hätte es wenigstens etwas Gutes. 

Das ist aber leider nicht zu erwarten. Denn auch unser Bundeskanzler schwimmt ganz auf der Welle des Populismus. Mächtige Eliten - vor allem Politiker, Lobbyisten und Konzernvorstände - haben in dieser krisenhaften Welt Angst, ihren Wohlstand zu verlieren: Deswegen geht es ihnen oft darum, "Minderheiten oder Migranten als Gefahr darzustellen und damit die Gesellschaft zu spalten – und dadurch am Ende eigene Interessen in einer volatilen, sich verändernden Welt zu sichern", sagt Jerker Edström, der das Programm "Countering Backlash" leitet, in unserer aktuellen Ausgabe "Gelebte Vielfalt". Edström erklärt, warum es inzwischen in vielen Ländern der Welt Rückschritte gegen Frauenrechte und Minderheitenschutz gibt. Man dürfe aber nicht die Hoffnung verlieren, sagt er und zeigt Wege auf, den Populisten und Rechtsextremen entgegenzutreten. 

Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre. 

Das bewegt die Redaktion

Vom politischen Klima sollten wir mal zum tatsächlichen Klima kommen: Die Erderhitzung steht ja derzeit nicht besonders weit oben auf der politischen Agenda. Die deutsche Regierung denkt sogar über Rückschritte nach - siehe der vorgesehene Bau von Gaskraftwerken oder das Verzögern des "Verbrenner-Aus". Das ist fatal. Denn gestern hat der sogenannte "State of Climate Action"-Report gezeigt, dass die Weltgemeinschaft bei den Klimazielen extrem hinterher hinkt. Zwar gingen viele Bemühungen, die anhand von 45 Indikatoren gemessen werden, in die richtige Richtung, allerdings viel zu langsam. Das Ziel, die Erderwärmung bis 2030 auf unter 1,5 Grad zu halten, ist laut der Autoren der Studie nicht mehr zu schaffen, wenn wir nicht sehr schnell aus der Kohle aussteigen und die Entwaldung stoppen. Hinzu kommt, dass die meisten der am stärksten von der Klimakrise betroffenen Länder laut Brot für die Welt deutlich zu wenig Hilfe bei der Anpassung an die Erderwärmung erhalten.  Weiteres Zögern können wir uns nicht leisten. Und ich denke, es täte allen gut, wenn der Bundeskanzler den Fokus endlich auf die Lösung von tatsächlichen Problemen richtet anstatt der AfD nach dem Mund zu reden. 

Neu auf welt-sichten

„Erfahrene Institutionen werden zur Seite gedrängt“: Humanitäre Hilfe wird nicht mehr nur von den UN und NGOs geleistet, sondern inzwischen verstärkt von privaten Firmen. Welche Gefahren das birgt und ob politische Einflussnahme dahinter steckt, erklärt Ralf Südhoff, Direktor des Centre for Humanitarian Action.  

Roter Teppich für Frauenhasser: Um ein paar Tausend Afghanen abschieben zu können, lädt die Bundesregierung die islamistischen Taliban zur Zusammenarbeit nach Deutschland ein. Skrupel scheinen der Kanzler und sein Innenminister in der Migrationspolitik keine mehr zu haben, kommentiert Tillmann Elliesen. 

Gegen eine Zusammenarbeit mit den Taliban spricht sich auch Manizha Bakhtari aus: Sie ist die Botschafterin für Afghanistan in Österreich. Obwohl die Taliban sie entlassen haben, führt sie ihre Arbeit in Wien fort und kämpft für die Rechte von Frauen und Mädchen. Milena Österreicher hat sie getroffen. 

Global Gateway - eine Initiative ohne Identität: Die EU-Kommission feiert ihr entwicklungspolitisches Flaggschiff als Erfolg und richtet eine neue Anlaufstelle für Unternehmen ein. Im Europäischen Parlament hingegen gibt es weiterhin Bedenken, schreibt Tillmann Elliesen. 

Was Sie verpasst haben könnten

„Meine Leser können Magie und skurrile Geschöpfe erwarten“: Die ghanaische Schriftstellerin Ivana Akotowaa Oforischrieb ihre ersten Geschichten heimlich auf dem Laptop ihres Vaters, ihr Großvater war ihr erster Leser. In ihren Büchern geht es oft um Frauen in Afri­ka – und die dürfen bei ihr entgegen dem Klischee auch mal unsympathisch sein, sagt sie im Interview mit Rita Schäfer. 

Erfolg dank Geld aus der Diaspora: Ungeachtet der angespannten politischen Lage bauen Unternehmerinnen wie Sandra Tembei in Kamerun etwas auf. Weil im Land bezahlbare Kredite fehlen, bringen sie mit dem Geld ausgewanderter Landsleute ihr Geschäft voran. Klaus Sieg und Martin Egbert haben sie getroffen.  

Noch immer interessant

Gestern ist in Barcelona die Konferenz "AI for Development and Impact" zu Ende gegangen. Über die positiven und negativen Auswirkungen von künstlicher Intelligenz konnten Sie bei "welt-sichten" schon einiges lesen. Über den Nutzen von KI in ugandischen Krankenhäusern hat Sofi Lundin geschrieben. Sven Hilbig, Digitalexperte von Brot für die Welt, hat vor kurzem beklagt, dass KI den digitalen Kolonialismus verschärft. Vor drei Jahren haben wir eine ganze Ausgabe über Künstliche Intelligenz gemacht. Dort hat mein Kollege Tillmann Elliesen über die zwei Gesichter der KI geschrieben. Das Thema wird uns erhalten bleiben, soviel ist sicher. Daher viel Spaß beim Stöbern.

Medienschau: Was andere berichten

Hat die entwicklungspolitische Community ihre Lehren aus der ersten Amtszeit von Donald Trump nicht gelernt - und sich dann von Joe Biden einlullen lassen? Das ist eine These, die auf der Jahreskonferenz des US-NGO-Netzwerks InterAction diskutiert wurde, über die "Foreign Policy" berichtet.

Was wurde aus den afrikanischen Babys? Im Jahr 2005 hat der "Guardian" die Geburten von zehn Babys dokumentiert, um die Geschichte von Millionen Menschen auf dem Kontinent zu erzählen. Drei von ihnen haben die Journalisten nun zwanzig Jahre später aufgesucht und dabei neben Not auch Hoffnung vorgefunden.

Podcast-Tipp: Ein langer Podcast über Nahost, der sich lohnt: Ein langjähriger Insider der US-Regierungen erklärt, woran Verhandlungslösungen immer wieder gescheitert sind, wo Joe Bidens Nahostpolitik versagt hat, warum nach seiner Überzeugung eine Zwei-Staaten-Lösung unrealistisch ist und auf was man stattdessen nun hoffen muss.

Denkfabrik: Was Fachleute sagen

Kriminalisierung von Umweltaktivisten: Wer sich gegen große Konzerne und Landraub stellt sowie Umweltschutz einfordert, gerät leicht ins Visier der Mächtigen und lebt gefährlich. Eine neue Untersuchung, die ich mir angeschaut habe, zeigt das am Beispiel Südostasien. 

Viele Jobs, wenig Bäume: Mit Geber-Milliarden soll seit 2007 im Sahel ein grüner Wall aus Bäumen gegen die Wüste entstehen. Forscher finden nun im Senegal laut "The Conversation" nur ein grünes Inselchen: Das Projekt schaffe Jobs, aber keinen Wald mangels Pflege der Bäume. 

Versenkt? Die USA torpedieren gerade ein über Jahre ausgehandeltes Abkommen der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation zum Klimaschutz – und überlassen so das Feld zukunftsträchtiger Treibstoffe der Konkurrenz, berichtet "Carnegie Endowment". 

Ausblick: Was diese Woche ansteht

Der vergessene Krieg im Sudan: Seit über zwei Jahren herrscht Krieg im Sudan, Armee und RSF-Miliz bekämpfen sich auf Kosten der Bevölkerung. Millionen Menschen leiden an Hunger, Millionen sind auf der Flucht, doch in der internationalen Öffentlichkeit scheint der Krieg vergessen. Der Afrikanische Muslim Kreis veranstaltet daher diesen Samstag, 25. Oktober, in Berlin einen Fachtag dazu, an dem Interessierte in Präsenz und online teilnehmen können. Vertreterinnen der sudanesischen Diaspora sowie Fachleute und Teilnehmende wollen über Konfliktlösungen und über Wiederaufbau, Stabilisierung und Demokratisierung in einem souveränen Sudan diskutieren. Weitere Informationen zum Programm und zur Anmeldung gibt es hier. 

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