Klimakonferenz von unten

Liebe Leserin, lieber Leser,

heute und morgen fliegen rund fünfzig Staats- und Regierungschefs zu einer Konferenz zum Klimaschutz nach Belém in Brasilien; der eigentliche UN-Klimagipfel COP30 startet dann am Montag. Belém, die Millionenstadt an der Mündung des Amazonas, wäre eigentlich der ideale Ort für eine Klimakonferenz, auf der auch indigene Gruppen zu Wort kommen, die im und vom Wald leben und die Folgen des Klimawandels besonders drastisch spüren. Aber abgesehen von großen internationalen NGOs haben es zivilgesellschaftliche Organisationen und vor allem kleine lokale Initiativen auch dieses Jahr wieder schwer, sich bei der COP Gehör zu verschaffen. 

Deshalb organisiert die Bewegung COP das Baixadas, zu der ein gutes Dutzend Organisationen und Kollektive aus der Region um Belém gehören, während der offiziellen Konferenz in der Stadt eigene Aktionen und Veranstaltungen zu Themen wie Klimagerechtigkeit, städtische Mobilität und Agrarökologie. Sarah Fernandes stellt die Bewegung vor und berichtet, was sie in den kommenden vierzehn Tagen plant und was sie von den nach Belém reisenden Politikern und Verhandlern erwartet. Vielleicht verirrt sich ja von denen der eine oder andere zu einer der Gegenveranstaltungen und nimmt hilfreiche Anregungen mit nach Hause.

Eine inspirierende Lektüre und ein schönes Herbstwochenende wünscht Ihnen 

Das bewegt die Redaktion

Im Frühjahr 1994 schilderte der damalige Afrikakorrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Günter Krabbe, in einem Artikel, wie in Ruanda während des Völkermords Hutu-Milizen vor seinen und den Augen von UN-Blauhelmen, die er begleitete, Tutsi-Frauen aus einem Haus zerrten und einer nach der anderen mit einer Machete den Kopf abhackten. Krabbes Schilderung hat sich in mein Hirn gebrannt, ich kann sie nicht mehr vergessen. Heute passiert ähnliches im Sudan, wo die RSF-Miliz in der Stadt El-Fasher seit vierzehn Tagen in einer monströsen Gewaltorgie von Tür zu Tür geht und wahllos Männer, Frauen und Kinder massakriert, die nicht arabisch genug aussehen. Anders als 1994 braucht es heute gar keine Korrespondenten vor Ort, denn wir können alles live in Videos im Internet verfolgen. Die Blutlachen der Massaker sind teilweise auf den Aufnahmen von Satelliten zu sehen, die um die Erde kreisen. Der UN-Sicherheitsrat unternimmt nichts, die letzte Resolution zum Krieg im Sudan stammt vom Februar dieses Jahres. Dafür sind alle fünf ständigen Mitglieder verantwortlich, deren Waffenschmieden an dem Krieg verdienen: China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA. Und alle anderen, die die Vereinigten Arabischen Emirate nicht daran hindern, den RSF-Schlächtern weiter alles zu liefern, was sie brauchen: Waffen, Geld und politische Rückendeckung in den sogenannten Friedensgesprächen zum Sudan.

Neu auf "welt-sichten"

Kirchen unter Beschuss: Am Krieg Russlands gegen die Ukraine ist auch die Orthodoxie beteiligt. Sowohl Moskau als auch Kiew drangsalieren Kirchen und ihre Vertreter, die sie dem jeweiligen Feind zuordnen, berichtet Katja Dorothea Buck.

Kritk an der KfW: Menschenrechtler werfen der deutschen Förderbank vor, in Mexiko für schwere Menschenrechtsverletzungen mitverantwortlich zu sein. Es geht um den Bau einer großen Chemiefabrik, die den Lebensraum lokaler Fischer bedroht. Die Bank betont, sie halte Rechts-, Sozial- und Umweltstandards ein, berichtet Philipp Gerber.

Auf dem Rücken von Kindern: Unter dem härteren Vorgehen gegen Geflüchtete leiden auch minderjährige Mädchen und Jungen. Doch Kinderrechte und Menschenwürde dürfen keine Verhandlungsmasse im Streit um Migrationspolitik sein, schreibt Katrin Weidemann, die Vorsitzende von der "welt-sichten"-Mitherausgeberin Kindernothilfe.

Selbstjustiz à la Trump: Seit Monaten versenkt das US-Militär vermeintliche Drogenschiffe vor der Küste Venezuelas. Die Trump-Regierung definiert dazu internationales Recht um und setzt auf das Recht des Stärkeren – bis hin zu willkürlichen Hinrichtungen, kommentiert Barbara Erbe.

Was Sie verpasst haben könnten

Weltoffen im Osten: In Ostdeutschland stoßen entwicklungspolitische Bildung und Eine-Welt-Arbeit in vielen Orten auf Desinteresse oder sogar Feindseligkeit. Wie gehen Engagierte damit um? Hier meine Eindrücke von einem Streifzug durch drei Bundesländer zwischen Elbe und Oder.

Kampf um Glaubensfreiheit in Myanmar: Die meisten der Volksgruppe Chin in ­Myanmar sind Christen. Im Bürgerkrieg erleben sie brutale Angriffe der Armee und geraten auch unter Druck von Rebellengruppen, berichtet David Bruckmeier.

Noch immer interessant

Haben die Demokraten in den USA jetzt ihren eigenen Donald Trump? Zohran Mamdani ist erst seit sieben Jahren US-Staatsbürger, jetzt wurde er zum Bürgermeister von New York gewählt. Der 34-Jährige, der sich als demokratischer Sozialist bezeichnet, hat dem Volk aufs Maul geschaut und versprach den New Yorkern einen Mietenstopp, kommunale Supermärkte mit fairen Preisen und kostenlosen Busverkehr für alle. Das Logo für seinen Wahlkampf zeigt seinen Vornamen in knalligen Farben und sieht aus wie aus einem Superhelden-Comic. Populismus in Reinform - nur diesmal halt von links. Ist das der Weg, die autoritäre Rechte zu schlagen? Mit dieser Frage hat sich Robert Misik für uns bereits vor acht (!) Jahren befasst. Noch immer lesenswert - auch für bräsige SPD-Genossen in Berlin, die nicht verstehen wollen, dass man mit sozialdemokratischer Politik Erfolge feiern kann. 

Medienschau: Was andere berichten

Wassernot in Kaschmir: Frauen trifft der Klimawandel besonders hart, und indigene Frauen noch einmal mehr. Was das heißt, zeigt eine eindrucksvolle Reportage in "Foreign Policy" aus der Gebirgswelt von Kaschmir, wo die Frauen Wassermangel und Wetterextreme an Leib und Seele spüren. 

Legalize it! - aber richtig. In Südafrika und in Simbabwe ist der Anbau von und der Handel mit Cannabis zu bestimmten Zwecken seit einigen Jahren erlaubt. Kleinbauern, die Cannabis teilweise schon sehr lange pflanzen, profitieren davon allerdings nicht, berichtet "The Conversation"

Mut versus Angst in Chile: Statt Aufbruchstimmung herrscht in dem südamerikanischen Land Ernüchterung. Nun kommt es am 16. November zum Wahlduell zwischen einer Kommunistin und einem Rechtsextremen, berichtet das „IPG-Journal“

Denkfabrik: Was Fachleute sagen

Wie die Demokratie zurückkehrt: Die Autokratie ist weltweit auf dem Vormarsch. Weltweit? Nein, eine Reihe von Ländern hat sich in den vergangenen zehn Jahren re-demokratisiert, vor allem in Asien, zeigt eine neue Studie. Barbara Erbe hat sie gelesen.

Von Europa lernen? Die Europäische Union verknüpft Handelspolitik zunehmend mit umwelt- und klimapolitischen Zielen, etwa im CO2-Grenzausgleichsmechnismus. Ärmere Länder sollten das nicht pauschal ablehnen, sondern als Anstoß nehmen, ihre Industrien zu verbessern und zu stärken, argumentiert Alfonso Medinilla von der Denkfabrik ECDPM.

Unproduktives Kapital: Ghanas Banken geben der Landwirtschaft und der verarbeitenden Industrie des Landes immer weniger Kredit. Das Kapital fließt vor allem in Dienstleistungen und die Finanzindustrie. Warum ist das so und welche Folgen hat es? "The Conversation" hat Antworten.

Ausblick: Was nächste Woche ansteht

Am kommenden Montag präsentiert die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihre neue, mit Spannung erwartete Friedensdenkschrift. Die aktuelle Denkschrift mit dem Titel "Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen" stammt aus dem Jahr 2007. Seitdem hat sich die Welt friedens- und sicherheitspolitisch stark verändert. Wird die EKD dem in ihrem neuen Papier gerecht? Darum soll es in einer Diskussionsrunde am Donnerstag, 13. November, gehen, an der unter anderem Bundesaußenminister Johann Wadephul und die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs teilnehmen. Die Veranstaltung wird live gestreamt, Infos zur Anmeldung gibts hier.

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