Liebe Leserinnen und Leser,
eine meiner eindrücklichsten Reisen hat mich vor fast acht Jahren nach Nepal geführt: Ich habe Opfer des 2006 beendeten Bürgerkriegs getroffen, die Gerechtigkeit wollten und damit bei den meisten Politikern auf taube Ohren stießen. Dieselbe Riege miteinander rivalisierender Patriarchen, die damals Nepals Politik dominierte, tat das bis vergangenen September noch immer. Doch dann hat die Protestbewegung der Generation Z in kurzer Zeit die Regierung zu Fall gebracht, und kommende Woche, am 5. März, finden Neuwahlen statt. Sie können einen Generationswechsel in der Politik bringen, schreibt unser Korrespondent Bibek Bhandari aus dem Himalaya. Eine erst 2022 gegründete Partei wird von vielen jungen Aktivisten unterstützt. Aber es gibt schon Zweifel, ob ihre neuen Köpfe – wieder sind es Männer – auch einen neuen, sauberen Stil in der Politik durchsetzen. Auf das Wahlergebnis bin ich jedenfalls gespannt.
Spannende Lektüre wünscht
Noam Chomsky, der selbst ernannte schärfste Kritiker der Machthaber in seiner Heimat USA, bewunderte Jeffrey Epstein für dessen Drähte zu eben diesen Mächtigen. Er nutzte die für sich – und Epsteins Opfer interessierten ihn dabei nicht. Und zwar weil sie Frauen waren, zeigt die indische Feministin Avita Krishnan messerscharf, indem sie Chomskys Ausflüchte auseinandernimmt. Nun ist der Linguist Chomsky wegen seiner scharfen Kritik an der US-Außenpolitik seit dem Vietnamkrieg eine Art Ikone vieler Linker. Avita Krishnan, selbst Marxistin, lässt sich davon nicht beirren. Sie zerlegt die Doppelmoral mancher angeblich „Progressiven“ zum Beispiel mit der Bemerkung, wenn Epstein Arbeitskräfte ausgebeutet und vermietet hätte, wäre Chomsky darüber kaum so nonchalant hinweggegangen wie bei Missbrauch von jungen Frauen. Bleibt der Verdacht, dass Chomskys Freundschaft zu Epstein – die er offenbar immer noch nicht bedauert – auch mit dem Glanz von Macht und Prominenz zu tun hatte. Der erliegen auch „Progressive“ nicht selten. Da sollten kritische Geister sich das Misstrauen bewahren, selbst gegenüber den eigenen Ikonen. Krishnans klarer Blick, auch auf das eigene Lager, kann uns da ein Vorbild sein.
Durchwachsenes Zeugnis für die EU-Entwicklungspolitik: Die Europäische Union droht ihren guten Ruf bei Partnerländern zu verspielen, seit sie ihre Entwicklungszusammenarbeit stärker in den Dienst eigener Interessen stellt. Zu diesem Schluss kommt ein Prüfbericht der OECD, berichtet Tillmann Elliesen.
Die Dekolonisierung des Nils: Großbritannien hat als Kolonialmacht das Recht auf das Wasser des Flusses allein Ägypten zugesichert. Mit dem Großstaudamm in Äthiopien ist diese Ordnung überwunden. Europa sollte seine Politik der Realität anpassen, meint Kiflemariam Gebre Wold.
Mit innovativen Apps aus der Krise: In Syrien entsteht trotz zerstörter Infrastruktur eine neue Generation von Start-ups. Ob Fahrdienste wie YallaGo oder Bildungs-Apps wie Quizat: Syrische Gründer nutzen den Mangel als Motor für Innovation, hat Rishabh Jain beobachtet.
Mehr Minderheitenschutz mit dem Strafrecht? In Indonesien ist das Blasphemie-Gesetz geändert worden. Die Regierung will so das Zusammenleben der Religionen stärken. Minderheitenvertreter fürchten, dass das Gesetz nur auf dem Papier Bestand haben wird, schreibt Katja Dorothea Buck.
Islam in königlichen Diensten: In Marokko nutzt der Monarch seinen Zugriff auf die Religion auch, um Einfluss in Afrika südlich der Sahara zu nehmen. Es geht ihm um Handel, aber auch um den gemeinsamen Kampf gegen den Dschihadismus, schreibt Claudia Mende.
Tauziehen um die UN-Steuerkonvention: In der vierten Verhandlungsrunde zur UN-Steuerkonvention Anfang Februar bei den Vereinten Nationen sind die Konflikte, vor allem zwischen Europa und Afrika, deutlicher geworden denn je. Ute Straub von Brot für die Welt war dabei und hat Tillmann Elliesen ihre Eindrücke geschildert.
Der Goldpreis ist im Höhenflug, weil das Edelmetall in unsicheren Zeiten als Wertanlage gesucht ist. Goldabbau geht aber oft mit schwerer Umweltzerstörung einher, Kleinschürfer riskieren ihr Leben, informeller Goldhandel nährt kriminelle Netzwerke und finanziert zum Beispiel den Krieg im Sudan. Dabei braucht man neu gefördertes Gold eigentlich gar nicht – das bereits vorhandene plus Recycling würden laut einer zwei Jahre alten Studie für alle Zwecke ausreichen. Gerade jetzt wieder interessant.
Podcast-Tipp: Die Vereinten Nationen werden von den USA und anderen Staaten zurückgestutzt. Stehen Weltbank und Weltwährungsfonds solider da? Ja, weil sie anders finanziert sind, erklärt Mark Malloch Brown im Podcast des European Council on Foreign Relations. Doch ihr Gewicht auf dem Weltfinanzmarkt sinke und sie könnten unter Kontrolle der USA geraten, sagt der frühere UNDP-Chef und stellvertretende UN-Generalsekretär.
Kenianer als Kanonenfutter: Über tausend Männer hat Russland in Kenia für den Ukrainekrieg geworben. Moskau hat auch Botschaftspersonal dazu genutzt und Touristenvisa mit Bestechung erwirkt - das berichtet der Geheimdienst Kenias laut dem britischen "Guardian" dem Parlament und erbost damit manche Abgeordnete.
Stadt in Angst: Die M23-Rebellen erzwingen in Goma eine gewisse Ordnung, Gemeinschaftsarbeiten, bessere Wasserversorgung – indem sie alle mit brutalen Strafen in Angst halten. Packender Bericht eines lokalen Journalisten in "The New Humanitarian".
Der vielfache Wert von Hirtenkulturen: Weidegebiete können stark zu Ernährungssicherung, Klima- und Umweltschutz beitragen, falls Hirten und ihre Landrechte geschützt werden, findet eine neue Studie; ich stelle sie vor.
Die US-Außenpolitik verwirrt viele. Die Gründe analysiert der European Council of Foreign Relations: Donald Trump hat die Gremien für Strategiefindung abgeschafft; drei widerstreitende Fraktionen in seiner Regierung wetteifern ständig, wer ihm gerade das größte Sieger-Image bringt – deren Linie folgt er dann vorübergehend.
Hoffnung für den Sudan? Die USA und drei Golfstaaten machen einen Plan zur Beendigung der Kämpfe, den beide Kriegsparteien nicht abzulehnen scheinen. Was man darüber weiß und warum es nicht sofort, aber vielleicht mittelfristig klappen kann, schreibt ein ägyptischer Politologe auf "The Conversation".
Europe Calling veranstaltet am 5. März ein Webinar zur Lage in Syrien. Vier aus der Region stammende Fachleute diskutieren, wie Frieden und Sicherheit dort erlangt und wie das Land wiederaufgebaut werden kann. Was können Europa und die syrische Diaspora dazu beitragen? Informationen und Anmeldung hier.