Verspätete Debatte, verdrängtes Thema

Anhand zahlreicher Quellen zeigen die Autoren, wie schwer es hiesigen Politikern fällt, sich mit dem Genozid an den Ovaherero und Nama in der deutschen Kolonialzeit auseinanderzusetzen. Aber die Bereitschaft dazu wächst.

Zwischen 1904 und 1908 führte die „kaiserliche Schutztruppe“ in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, einen Vernichtungskrieg gegen Ovaherero und Nama. Dennoch galt die deutsche Kolonialherrschaft hierzulande lange Zeit nur als Episode – nicht vergleichbar mit der Kolonialschuld anderer europäischer Länder. Das hat sich geändert, seit deutsche Regierungsvertreter und Abgeordnete Mitte 2015 den Genozid an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als Völkermord anerkannt haben. Denn die Debatte darüber lenkte die Aufmerksamkeit auf die kolonialen Verbrechen in Südwest-Afrika; auch sie wurden zunehmend als Völkermord bezeichnet.

Ende 2015 begannen Sonderbeauftragte der deutschen und namibischen Regierung, über angemessene Formen der Aufarbeitung zu verhandeln. Die von den Ovaherero und Nama geforderte direkte Beteiligung an Gesprächen und Entschädigungsleistungen blieben aber bislang erfolglos. Umso wichtiger ist das Buch der Namibia-Experten Reinhart Kößler und Henning Melber. Sie erläutern anschaulich die Vorgeschichte des Krieges und setzen sich differenziert mit kolonialen Herrschaftsmustern und Gewaltpraktiken auseinander.

Zu den Zielen der deutschen Eroberung zählte die Aneignung von Weide- und Anbauflächen, hierdurch wurde die wirtschaftliche Eigenständigkeit von Nama und Ovaherero zerstört. Der militärische Oberbefehlshaber Lothar von Trotha ordnete eine Vernichtungsstrategie an: Schießbefehl, Bezwingung im Kampf, rücksichtslose Verfolgung, Vergiftung von Brunnen und Vertreibung der Ovaherero in die Omaheke-Wüste. Überlebende wurden in eigens eingerichtete „Konzentrationslager“ gebracht, in denen sie schwerer Zwangsarbeit und sadistischer Gewalt ausgesetzt waren. Nach dem Krieg wurden die Geschundenen systematisch enteignet, zur Arbeit gezwungen und auf die unterste Stufe in der rassistischen Siedlergesellschaft gestellt.

Als Namibia erst 1990 unabhängig wurde, sprachen zwar einzelne Abgeordnete im Bundestag das Thema Völkermord an, ihr Anliegen wurde aber von verantwortlichen Ministern abgeschmettert. Deshalb war die Entschuldigung der früheren Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, im Jahr 2004 bemerkenswert: Hundert Jahre nach Kriegsbeginn bat sie in Namibia um Vergebung. Das Außenministerium und das Kanzleramt reagierten mit Abwehr, und jahrelang wurden sogar Ovaherero-Delegationen in Berlin abschätzig behandelt, bis die deutsche Seite schließlich 2015 offiziell Dialogbereitschaft zeigte. 2016 und Anfang 2017 wurde dann über Reparationen und die direkte Mitwirkung von Ovaherero- bzw. Nama-Vertretern an den Verhandlungen gestritten. Gerade vor diesem Hintergrund ist das Buch lesenswert. Es bietet viele Erkenntnisse für historisch und entwicklungspolitisch Interessierte, aber auch für Lehrerinnen und Lehrer.

 

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