15.03.2018

Afrikanische Sprachen und Befreiung

Der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o entschied sich 1977, fortan in seiner Muttersprache Kikuyu zu schreiben. Die im Buch enthaltenen Essays aus vier Jahrzehnten setzen sich kenntnisreich und gut lesbar mit der Rolle der Sprache im Kolonialismus und in der Folgezeit auseinander.
 

Ngũgĩ wa Thiong’o: Dekolonisierung des Denkens. Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur. Unrast-Verlag, Münster 2017, 269 Seiten, 18 Euro
Der Autor international bekannter Romane wie „Herr der Krähen“ oder „Im Haus des Hüters“ beschäftigt sich in Reden und Texten mit aktuellen Forderungen südafrikanischer Studierender nach der Dekolonisierung ihrer Universitäten ebenso wie mit den Kontroversen während wegweisender Konferenzen zur afrikanischen Literatur, die seit den 1960er Jahren an führenden Universitäten auf dem Kontinent stattfanden, etwa in Uganda und Kenia. Schon damals prangerte Ngũgĩ wa Thiong’o an, dass sich der Lehr- und Literaturbetrieb ausschließlich auf die englische Sprache konzentrierte und dabei die ausdrucksstarken Lokalsprachen außer Acht ließ. Dass sie in etlichen Ländern noch immer nicht oder nur am Rande in Lehrplänen und im Schulunterricht auftauchen, motiviert den Autor zur Gegenrede. Er seziert das koloniale Erbe, auf dem das nachkoloniale Bildungssystem vielerorts basiert.

Indem afrikanische Sprachen an den Rand gedrängt und verachtet würden, setze sich die koloniale Unterwerfung der Vergangenheit in der gegenwärtigen Kultur fort. Der Nacht der Gewehrkugel sei der Morgen der Schultafel gefolgt, kritisierte der kenianische Schriftsteller immer wieder die zerstörerischen Folgen kolonialer Bildung. Da er aber auch diejenigen attackierte, die autokratische Strukturen und kulturelle Unterdrückung nach der politischen Unabhängigkeit seines Landes fortführten, landete er 1977 ohne Anklage im Gefängnis. Ngũgĩ wa Thiong’o arbeitete zunächst als politischer Flüchtling in Großbritannien und emigrierte schließlich in die USA, wo er seit 1989 als Literaturwissenschaftler lehrt. Das sagt viel aus über den Umgang politischer Eliten mit der Kritik brillanter Querdenker. Wie gewaltbesetzt und spannungsgeladen das Machtterrain in Kenia bis heute ist, ließ sich bei den Wahlen 2007 und 2017 beobachten.

Die Debatte über die Aufarbeitung des kolonialen Erbes in Politik und Kultur beschränkt sich nicht auf Kenia. Sie betrifft auch andere ehemalige britische Siedlerkolonien wie Simbabwe und Südafrika, die ebenfalls auf eine rassistische Vergangenheit im Bildungssystem und darüber hinaus zurückblicken. So ist es aufschlussreich, die Reflexionen junger Autoren aus diesen Ländern zum Werk Ngũgĩ wa Thiong’os zu lesen. Im Anschluss an dessen Schriften kommen Sonwabiso Ngcowa und Petina Gappah zu Wort. Beide zählen zu den Jungstars am afrikanischen Literaturhimmel. Sie schildern, wie sie als Kinder im Schulunterricht gedemütigt wurden, sobald sie sich in ihren Muttersprachen artikulierten. Sowohl Ngcowa als auch Gappah berichten über ihren eigenen mühsamen Lernprozess, nicht nur auf Englisch zu schreiben, sondern auch die eigene Sprache und Herkunft wertzuschätzen.

Das Buch bietet anschauliche Ansatzpunkte zur Reflexion über Literatur und Sprachen als Fenster zur afrikanischen Belletristik und thematisiert kenntnisreich (Neo)-Kolonialismus ebenso wie gesellschaftliche und kulturelle Verwerfungen.

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