19.04.2018

Weltbürgertum für Theoretiker

Der kamerunische Politikwissenschaftler Achille Mbembe erkennt im Verfall der westlichen Demokratien eine Kontinuität des Kolonialismus. Leider wird er in seinem wortgewaltigen Essay selten konkret.

Achille Mbembe: Politik der Feindschaft. Suhrkamp, Berlin 2017, 235 Seiten, 28 Euro
Parteien mit fremdenfeindlichen Parolen ziehen in Parlamente ein. In Österreich sitzt mit der FPÖ seit Kurzem eine rechtspopulistische Partei in der Regierung, in Ungarn hetzt Ministerpräsident Viktor Orbán seit acht Jahren aus dem Regierungssessel gegen Roma und Geflüchtete. Für Achille Mbembe zeigt das, dass die westlichen Demokratien am Ende sind. Die Ideologie der „universellen Gleichheit“, in deren Namen man früher einmal „substanzielle Ungerechtigkeiten“ infrage stellen konnte, wirke nicht mehr. Stattdessen lebten wir in einer Zeit der „Trennung, der Hassbewegungen, der Feindseligkeit“.

Der kamerunische Politikwissenschaftler ist einer der einflussreichsten Theoretiker unter denen, die sich kritisch mit dem Kolonialismus und seinen Folgen auseinandersetzen. Viele gegenwärtige Entwicklungen stellt er in die Kontinuität mit dem Kolonialsystem. Und er plädiert – wenn auch manchmal etwas abstrakt – für ein globales Denken, das die Erfahrungen des Kolonialismus aufnimmt.

Im ersten Kapitel legt Mbembe dar, dass die modernen Demokratien von Beginn an zwiespältig waren. Während im Europa des 19. Jahrhunderts der Rechtsstaat und das Konzept der Menschenrechte der Ausübung willkürlicher Gewalt gewisse Schranken setzten, wendeten die Europäer in den Kolonien maßlos Gewalt an, um ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten. Außergesetzliche Gewalt werde auch heute wieder in Haftlagern oder an Grenzen ausgeübt – etwa infolge der menschenrechtlich fragwürdigen Aufrüstung der libyschen Küstenwache durch EU-Staaten.

Zudem würden die westlichen Gesellschaften inzwischen von einer gefährlichen Dynamik des Hasses angetrieben, so Mbembe. Menschen muslimischen Glaubens oder Geflüchtete würden mit Bildern verknüpft, die sie nicht mehr als Menschen erscheinen ließen, sondern als störende Gegenstände. Auch hier sieht er eine Parallele zu den Herrschaftsverhältnissen in den Kolonien: Auch die Kolonialherren hätten die Einheimischen nicht als menschliche Gegenüber wahrgenommen. Mbembe beschreibt diese Einstellung als ein „Arrangement mit der Welt“, nach der „alles, was nicht man selbst ist, für nichts erachtet“ wird. Die „Anderen“ würden aus der Warte des eigenen Selbst festgeschrieben und nicht zugelassen, dass man selbst vom Gegenüber verändert wird.

Im Schlusskapitel versucht Mbembe mit der „Ethik des Passanten“ zu umreißen, wie man diese Dynamik aufhebt. Spätestens hier wird es leider sehr schwammig. Der Autor entwirft eine Figur, die ihre Identität an keinen von Grenzen festgelegten Ort knüpft und sich so der Begegnung mit dem anderen öffnet. Empirische Beispiele sind dem Autor nur eine Randnotiz wert. Eher allgemein heißt es etwa, dass sich immer mehr Länder mit Grenzanlagen abschotten oder Terrorverdächtigen mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft drohen. Das Buch bleibt auf einer abstrakten Ebene, das Beschriebene wird selten greifbar. Es ist vor allem Lesern zu empfehlen, die an politischer Theorie interessiert sind.

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