06.12.2018

Wird der Kapitalismus das Klima retten?

Kann die kapitalistisch-industrielle Wirtschaftsweise das Klimaproblem lösen – oder ist sie die eigentliche Ursache? Zwei Bücher kommen in dieser Frage zu ganz gegensätzlichen Erkenntnissen.

John A. Mathews: Global Green Shift. When Ceres meets Gaia Anthem Press, London und New York 2017, 236 S., ca. 17 Euro
Der Weltklimagipfel in Polen im Advent 2018 steht unter düsteren weltpolitischen Vorzeichen. Doch folgt man James Mathews, dann ist das Versagen der Klimadiplomatie kaum ein Grund zur Sorge. Denn laut dem australischen Professor für Wirtschaftsstrategie ist die Transformation Richtung grüne Weltwirtschaft bereits im Gang und Klimapolitik dafür kaum nötig. Der technische Fortschritt ermögliche den Umbruch, und politisch angetrieben werde er von bevölkerungsreichen Schwellenländern – in erster Linie von China. Die handelten nicht aus Sorge um die Natur, sondern weil sie auf Dauer nur so die Versorgung mit Energie und Rohstoffen, die technologische Führerschaft und damit das Wirtschaftswachstum sichern könnten.

Laut Mathews fördern China und in geringerem Maße Indien Firmen, die in vier Schlüsselbereichen vorangehen: erneuerbare Energie, vor allem Wind und Solar; Recycling samt Erzeugung von Süßwasser aus Meer- oder Brauchwasser; künstliche Herstellung von Nahrungsmitteln; sowie grüne Ausrichtung der Investitionen. Das bringe Konkurrenzvorteile, die andere Länder zwingen würden nachzuziehen. Und es sei ein Modell für andere Entwicklungsländer – vorausgesetzt deren Staaten seien zu einer ähnlich strategischen Industrieförderung fähig. Die Welthandelsregeln sollten daher so geändert werden, dass Protektion eigener Firmen zum Schutz des Klimas oder der Umwelt befristet erlaubt wird.

Wie plausibel ist die Diagnose? Sie überzeugt bei der Stromerzeugung, wo die Erneuerbaren in der Tat zur wirtschaftlich günstigsten Option werden – in China und weltweit. Ob ein ähnliches Wettrennen um Fortschritte Richtung Kreislaufwirtschaft und bodenunabhängige Landwirtschaft eingesetzt hat, ist aber fraglich. Das bestätigt Mathews indirekt selbst: Statt auf Daten stützt er seine Diagnose hier auf Pläne und Absichten.

Die Kernfrage aber ist, ob dieser technisch-wirtschaftliche Wettbewerb eine mit den Grenzen des Planeten vereinbare Wirtschaftsweise hervorbringt. Mathew behauptet das, aber seine Begründungen überzeugen oft nicht. Zum Beispiel legt er ausführlich dar, wie man in Fabriken Gemüse und in Laboren Fleisch und Milch künstlich herstellen kann. Die meisten Kalorien für die Ernährung der Weltbevölkerung liefert jedoch Getreide, und das, gibt Mathews zu, lässt sich bisher nur auf dem Acker anbauen. Er geht zudem ungeachtet der Kosten für den Aufbau und die Unterhaltung von Windmühlen oder Stromnetzen davon aus, dass Strom aus erneuerbaren Energien am Ende fast umsonst ist – andernfalls würde etwa die Aufbereitung von Salzwasser schnell unwirtschaftlich. Laut Mathews können nur Wirtschaftswachstum und technischer Fortschritt, also die Kapitalisten, den Planeten retten. Im Grunde stellt er sich vor, dass natürliche Prozesse weitgehend durch technische ersetzt werden.

Ernst Ulrich von Weizsäcker, Anders Wijkman u.a. Wir sind dran: Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen Gütersloher Verlagshaus 2017, 394 Seiten, 24,99 Euro
Das ist in der Tat der vorherrschende Trend. Und genau der ist laut dem Buch „Wir sind dran“ verhängnisvoll: Das andauernde Wirtschaftswachstum führe in die ökologische Katastrophe. Das Buch hat der Club of Rome zu seinem 50. Geburtstag vorgelegt; er greift damit die eigene alte Warnung vor den Grenzen des Wachstums wieder auf. Leider entwirft er ein Gesamtbild nach dem Motto „Alles wird schlimmer“ und verquickt stellenweise ganz verschiedene Dinge wie Kriege, Populismus, Bevölkerungswachstum, Gentechnik und die Digitalisierung. Dennoch erfährt man, was gegen Mathews Visionen spricht – besonders in starken Passagen, in denen naturwissenschaftliche Zusammenhänge erklärt und Dogmen der Ökonomie hinterfragt werden.

Der Club of Rome betont, dass Ökologie mit stofflichen Lebensvorgängen zu tun hat, nicht mit finanziellen, und man mit Geld nicht alle Verluste aus Naturzerstörung ausgleichen kann. Unser Wirtschaftssystem sei auf die frühere „leere“ Welt zugeschnitten, in der große Teile außerhalb von menschlichem Einfluss waren. Heute aber lebten wir in einer vollen Welt, in der die Wirtschaft den Naturraum fast vollständig beansprucht. Dabei sei der Wohlstand der Bessergestellten das entscheidende Umweltproblem. Das Buch prangert den vorherrschenden „Marktfundamentalismus“ an und fordert nicht weniger als eine „neue Aufklärung“. Für die liefert es einige Anregungen, aber das Problem der politischen und wirtschaftlichen Macht wird umschifft.

Im Vergleich ist das Buch von Mathews origineller, klarer und strukturierter, wenn auch wegen vieler Wiederholungen unnötig lang. Die Fachleute des Club of Rome verlieren sich dagegen in einer Fülle von teils klugen, teils banalen und teils fraglichen Aussagen. Damit erweisen sie ihrer Sache einen schlechten Dienst. Denn ihr Verständnis von Natur und Ökologie und von deren Verhältnis zur Wirtschaft ist realistischer und fundierter als das von Mathews.

Bernd Ludermann

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