07.02.2019

Nein zum ständigen Wachstum

Der bolivianische Aktivist Pablo Solón beschreibt, wie der Kapitalismus zu Raubbau, Plutokratie und Patriarchat führt, und skizziert Gegenentwürfe von Buen Vivir bis zu Degrowth.

Pablo Solón u.a.: Systemwandel. Alternativen zum globalen Kapitalismus. Mandelbaum-Verlag, Wien/Berlin 2018, 272 Seiten, 16 Euro
Ob Armut, Umweltzerstörung oder Menschenrechtsverletzungen – die Wurzel all dieser Übel sieht Pa­blo Solón im Kapitalismus. Der stelle Wachstum und Profit über alles und fördere so die Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Folglich sieht der ehemalige Vertreter Boliviens bei den Vereinten Nationen in einem Systemwandel die einzige Chance, soziale, ökonomische und ökologische Krisen zu entschärfen. Solòn und seine Co-Autoren präsentieren sechs Gegenentwürfe: das Buen-Vivir-Konzept, das Konzept der Commons, den Ökofeminismus, den Ansatz der Rechte von Mutter Erde, Deglobalisierung und Degrowth. Nur in gegenseitiger Ergänzung könnten die Entwürfe ihr Potenzial entfalten.

So fordert die Degrowth-Bewegung den Ausstieg aus verschwenderischen Konsum- und Produktionsmustern mit dem Ziel, autonome und genügsame Gesellschaften zu schaffen, die in Einklang mit der Natur leben. Um die Biokapazitäten des Planeten nicht weiter zu überschreiten, muss die Wirtschaft eher schrumpfen oder stagnieren, statt zu wachsen. Noch radikaler argumentieren die Verfechter des von Indigenen entwickelten Konzepts von Buen Vivir. Sie betrachten Mensch und Natur als Einheit. Da alle Lebewesen Teil des großen Weltganzen sind, nimmt der Mensch keine übergeordnete Rolle ein. Daher sollten politische Entscheidungen immer unter Abwägung der Konsequenzen für das große Ganze erfolgen und die Natur mitberücksichtigen. Ergänzt werden diese Ideen durch das Konzept der Commons, also frei nutzbaren Gemeinschaftsgütern wie Wäldern oder Softwarelizenzen, sowie den ökofeministischen Überlegungen, mit der Abschaffung des Patriarchats zugleich die Unterdrückung der Frau und der Natur zu beenden. Dass neben dem Menschen auch andere Lebewesen ebenso wie Flüsse, Wälder und Berge ein Recht auf Selbsterhaltung und Regenerierung besitzen, ist die Haupthese des Konzepts der Rechte von Mutter Erde.

Mit fundiertem Fachwissen, einem wachen Blick und viel Sympathie für große Ideen vermengt Solón Gesellschaftskritik mit der Erörterung von System­alternativen, die er in historische Zusammenhänge und aktuelle Diskussionen einbettet. Kurze Kapitel sowie ein leichtfüßiger und präziser Stil machen das Buch gut lesbar. Ob die beschriebenen Konzepte die Kernprobleme lösen können, bleibt fraglich. Wichtig ist, dass Solón inspiriert und zum Querdenken einlädt, statt den gesellschaftlichen Status quo hinzunehmen. Das Buch setzt kein Vorwissen voraus und ist ein guter Einstieg.

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