12.02.2020

Selbstbewusstsein ertanzen

São Paulo beherbergt die weltweit einzige Ballettschule für Blinde und Sehbehinderte. Am Beispiel einer Ballerina und einer Tanzschülerin zeigt der Dokumentarfilmer Alexandre Peralta, wie schwierig ihr Alltag in Brasilien für sie ist und wie beglückend das Balletttanzen.

Looking at the Stars, Brasilien 2016, Regie: Alexandre Peralta, 89 Minuten Kinostart: 13. Februar 2020
Die von Fernanda Bianchini gegründete Association of Ballet and Art for Blind People (AFB) in der brasilianischen Metropole São Paulo ist die weltweit erste und einzige Ballettschule für Blinde und Sehbehinderte (siehe die Reportage in welt-sichten 3/2019). Sie begann 1995 mit nur zehn Schülerinnen und Schülern und unterrichtet vor allem junge Menschen aus einkommensschwachen Familien. Heute nehmen dort mehr als 300 Studierende Tanzunterricht, etwa 60 Prozent von ihnen sind blind oder sehbehindert, weitere 30 Prozent haben andere Handicaps. Neben klassischem Ballett gibt es dort auch kostenlose Kurse in Gesellschaftstanz, Pattaya-Tanz, Körperausdruck, Seniorentanz und Theater.

Bianchini hat eine eigene Unterrichtsmethode entwickelt, um das vermeintlich Unmögliche doch möglich zu machen: dass Blinde klassisches Ballett tanzen. Das Kernstück ist: Schüler und Schülerinnen erlernen die Bewegungen, indem sie die der Lehrenden ertasten und wiederholen. Die unglaubliche Ausdauer und die intensiven Proben haben dazu geführt, dass die blinden Tänzer Einladungen zu renommierten Festivals auf der ganzen Welt erhalten.

Der Regisseur ist in der Nähe der AFB zur Schule gegangen und hat die Einrichtung bereits 2014 in dem Kurzfilm „Looking at the Stars“ porträtiert. In der jetzigen Langversion erweitert und vertieft Peralta dieses Porträt. Eine seiner beiden Protagonistinnen ist Geyza Pereira da Silva, die in der Schule selbst ausgebildet wurde. Sie erblindete mit neun Jahren und ist heute Primaballerina und Ballettlehrerin an Fernandas Schule. Wenn sie tanzt, sieht ihr niemand an, wie unsicher sie sich oft in ihrem Alltag fühlt. Auch nach der Geburt ihres Kindes tut sie alles, um ihr Familienleben mit ihrer Karriere und der Lehrtätigkeit zu vereinbaren.
Die zweite Protagonistin ist die 14-jährige Thalia, die in ihrer Schule ausgegrenzt wird, viel online chattet und zu Hause Geschichten schreibt. Sie wird aufopferungsvoll von ihrer Mutter zur AFB begleitet und betreut. Unter den Kolleginnen dort findet Thalia echte Freunde und ertanzt sich ein Stück Unabhängigkeit.

Der Regisseur, der an der USC School of Cinematic Arts in Los Angeles Film- und Fernsehproduktion studiert hat, kombiniert in der einfühlsamen Außenseiterstudie geschickt Trainingseinheiten, Proben und Auftritte der Balletttruppe mit aufmerksamen Beobachtungen aus dem Alltag und Privatleben der Hauptfiguren. Deren Vorgeschichten illustriert er zwischendurch mit Familienfotos und -videos.

Eher beiläufig bringt der Film Vorurteile und Ressentiments gegenüber Behinderten zum Vorschein, mit denen sich Geyza und Thalia konfrontiert sehen. So berichtet Thalia, dass Schulkameradinnen sie nicht in schulische Projekte integrieren, weil sie vermuten, sie könne dazu nicht genug beitragen. Geyza wiederum enthüllt, dass sie unsicher ist, ob sie als Blinde ihr Baby so gut versorgen kann wie eine Sehende.

Im Lauf des Films, dessen Dreharbeiten sich über etwa zwei Jahre erstrecken, wird deutlich, welch großen Inklusionsbeitrag das Ballett für die Tanzschülerinnen und -schüler leisten kann. Selbst wenn sie später nicht davon leben können und sich wie Thalia auch anderen kreativen Aktivitäten wie etwa dem Schreiben widmen, stärkt das Ballett doch ihr Selbstwertgefühl und vergrößert die Chancen auf gesellschaftliche Anerkennung und Respekt. Kinos in Deutschland können den Film, der 2017 auf dem Bentonville Film Festival in den USA den Diversity Award gewonnen hat, auch als barrierefreie Fassung mit Audiodeskription und Untertiteln für Gehörlose vorführen.

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