Querdenken über Entwicklungspolitik

Der Ökonom und Theologe Wolfram Stierle hat ein aufregendes und unkonventionelles Buch über nachhaltige Entwicklungspolitik geschrieben, überdies humorvoll. Bahnbrechend sind die Einsichten zur Verflechtung von Religion und Entwicklung.

 Wolfram Stierle: Über Leben in planetarischen Grenzen. Plädoyer für eine nachhaltige Entwicklungspolitik. Oekom-Verlag, München 2020, 192 Seiten,   20 EuroVerlag
Wolfram Stierle leitet die Stabstelle Wertorientierte Entwicklungspolitik im Bundesentwicklungsministerium (BMZ) und hat im Planungsstab des Bundespräsidialamtes und im Leitungsstab des BMZ gearbeitet.  Er kommentiert gleich zu Beginn ironisch: „Unter den Ministerien ist das BMZ die Königin der Herzen“. Stierle seziert die Grundlagen der Agenda 2030 der Vereinten Nationen, also der 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) von 2015. Er fragt, welche Spielräume es im Geflecht widerstreitender Interessen von Entwicklungs-, Wirtschafts-, Außen-, Sicherheits-, Umwelt-, Agrar-, Rohstoff- und Friedenspolitik gibt, die Ziele politisch voranzubringen. Zu dem Problem, dass andere Politikfelder der Entwicklungspolitik immer wieder entgegenwirken, stellt er am Ende resignierend fest, Kohärenz sei bei der Entwicklungspolitik nicht möglich.

Der Autor analysiert auch die lange Geschichte der Kritik an der Entwicklungspolitik. Er skizziert die Ansätze von 29 Autoren, aber mehr oder weniger unverbunden nebeneinander. Hier hätte man sich eine klare Einteilung nach Kategorien gewünscht, zum Beispiel grundsätzliche Kritik wie bei Wolfgang Sachs, Kritik einzelner Instrumente der Entwicklungspolitik wie von Ester Boserup und mehr länderbezogene Kritik wie die von Volker Seitz. Auch nimmt er zu den einzelnen Ansätzen nicht Stellung.

Stierle behandelt in einem Kapitel Aspekte der Entwicklungspolitik wie Demokratieförderung, Menschenrechte, Korruption, das Finanzierungsproblem und die Evaluierung. Der Abschnitt enthält einige aufregende Einsichten. Auch die Widersprüche der Agenda 2030 nimmt Stierle aufs Korn. Dazu zitiert er Ernst Ulrich von Weizsäcker: „Wenn die sozio-ökonomischen Ziele der Agenda 2030 für 8 Milliarden Menschen erreicht werden sollen, dann wären die ökologischen Ziele Klimastabilität, lebende Ozeane und Biodiversität rettungslos verloren.“

Neuartig und wegweisend sind Stierles Überlegungen zu Religion und Entwicklung. Dass vier Fünftel der Menschheit ihr Leben nach einer Religion ausrichten, ist entwicklungspolitisch bisher wenig im Visier. Religion nimmt Partei für Bedürftige. Immerhin bringen gläubige Muslime jedes Jahr Armensteuern in Höhe von 600 Milliarden US-Dollar auf; in Subsahara-Afrika erbringen religiöse Institutionen über die Hälfte aller Leistungen im Bereich Bildung und Gesundheit. Stierle nennt aber auch die Kehrseite: Religionen können Konflikte verschärfen, Gewalt legitimieren und Gelder „für Kirchensäle statt Hühnerställe“ vergeuden. Das BMZ hat 2016 eine Strategie „Religion und Entwicklung“ vorgelegt, die Stierle wesentlich mitentworfen hat. Entwicklungspolitik wird nur dann die Transformation zur Nachhaltigkeit unterstützen können, wenn sie zu einem aufmerksamen und professionellen Umgang mit Religionen und Weltanschauungen findet, schreibt Stierle.

Im Schlusskapitel nennt Stierle etwas verschwurbelt fünf Zukunftskompetenzen für nachhaltige Entwicklung: Ambivalenzkompetenz (die Fähigkeit, mit mehrdeutigen Sachverhalten umzugehen), Transformationskompetenz, Modernitätskompetenz, Legimitationskompetenz und Religions- und Wertekompetenz. Zur Modernitätskompetenz gehört für ihn die Einsicht, dass Fortschritt kein linearer Prozess ist, eher ein Wechselspiel gegenläufiger Prozesse. Ob die Transformation zur nachhaltigen Entwicklung evolutionär oder revolutionär vollzogen werden soll, lässt er offen. Der Essay macht nachdenklich, verzichtet auf fertige Lösungen und Handlungsanweisungen und erschließt neue Horizonte für den notwendigen Kulturwandel Richtung Nachhaltigkeit.

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