Heikles Lob der Industrie ohne Schornsteine

Der Sammelband „Mining for Change“ ergründet, warum es in afrikanischen Staaten so wenig verarbeitende Industrie gibt. Er geht gründlich auf Steuermanagement und die Bauindustrie ein, aber zu wenig auf weitere Möglichkeiten der Wertschöpfung.  

 John Page, Finn Tarp (Hg.): Mining for Change. Natural Resources and Industry in Africa. Oxford, Oxford University Press 2020, 512 Seiten, ca. 105 EuroVerlag
Bis vor etwa 15 Jahren galt im ökonomischen Mainstream die Frage, weshalb afrikanische Staaten kaum verarbeitende Industrie aufweisen, als abwegig: In Afrika sollte es auch ohne gehen. Dem Mangel mit gezielter Politik abzuhelfen, schien absurd. Die Ausbeutung mineralischer Rohstoffe ohne Industriepolitik aber behindert fast alle anderen Wirtschaftssektoren in ihrer Entwicklung. Mit diesem sogenannten Ressourcenfluch befasst sich der von John Page und Finn Tarp herausgegebene Band – vor allem damit, wie Staaten die Rohstoffeinnahmen verwenden, mit der Rolle des Bausektors und mit der Wertschöpfung im Inland. 

Den ersten Komplex handeln die Autoren in Überblicks- und Länderkapiteln angemessen ab, ohne der Literatur Wesentliches hinzuzufügen. Sie zeigen etwa, dass hohe Erwartungen bei neu entdeckten Öl- und Gasvorkommen oft enttäuscht werden und in Staatsverschuldung enden, etwa in Uganda: Dort wurden 2006 große Ölvorkommen entdeckt, gefördert wird bis heute keine Tonne.

Die prominente Behandlung des Bausektors folgt einer bekannten Denkrichtung der Autorengruppe: In Phasen hoher Rohstoffpreise boomt auch der Bau. Weil meist der Wettbewerb beschränkt ist, entstehen so aber Angebotsdefizite, die den allgemeinen Preisdruck im Binnenmarkt verschärfen. Das erschwert Beiträge des Bauwesens zur Infrastruktur, die wiederum nötig ist, um einen Kapitalstock außerhalb der Rohstoffindustrie aufzubauen. Gezielte Förderung von Fertigkeiten und Produktivität kann hier, so die These, zu einem Entwicklungsschub beitragen. 

Niemand hat Einwände gegen gute Infrastruktur. Doch wo bleibt die Förderung von verarbeitender Industrie, die anders als der Bausektor vom Rohstoffboom aktiv behindert wird? Sie wird versteckt behandelt in den Kapiteln über die Förderung lokaler Vorleistungen (local content) für Bergbau, Öl und Gas sowie inländischer Weiterverarbeitung von Bodenschätzen. Seit etwa einem Jahrzehnt versuchen Regierungen, so im Politikdialog mit der Privatwirtschaft Förderpotenzial vor- und nachgelagert zum Rohstoffabbau zu identifizieren. Die Kapitel afrikanischer Autoren sind materialreich, haben aber einen Nachteil, und dieser hat mit der Länderauswahl zu tun. Behandelt werden Ghana, Mosambik, Tansania, Uganda und Sambia. In Sambia und Tansania kann aber von smarter Förderung um den Bergbau herum noch keine Rede sein, und neue Öl- und Gasförderung ist außer in Ghana noch nirgends angelaufen. Die Förderkonzepte sind daher eher theoretischer Natur. 

Große Teile des produzierenden Gewerbes haben in Afrika mit der Rohstoffförderung gar nichts zu tun, leiden aber unter deren Folgen, beispielsweise überbewerteten Wechselkursen und verzerrten Arbeitsmärkten. Diesem Teil des Ressourcenfluchs ist mit Local-Content-Regeln nicht beizukommen. Der Text behandelt sie sehr knapp und mit einer problematischen Empfehlung für „Industrien ohne Schornsteine“. Das bezieht sich nicht auf die Umstellung von Industrien auf erneuerbare Energie, sondern löst die Definition von verarbeitender Industrie in ein Kontinuum von Dienstleistungen und Gewerbe auf, wonach alles irgendwie Industrie ist. Das Extrembeispiel von Page und Tarp nennt sich umgangssprachlich „Tourismusindustrie“. Viele Länder Afrikas haben noch Potenzial im Tourismus, und Schornsteine gibt es dort auch nicht, aber das ist eben keine Industrie. Die Folge unter den heutigen Bedingungen ist: Hotels importieren fast alles bis auf Bauleistungen und lokale Lampenschirme.

Das modische Plädoyer für Industrien ohne Schornsteine hilft nicht in Zeiten des globalen Umbruchs, in denen afrikanische Länder durchaus klassische Industrien anziehen können. Der Sammelband erhellt nur einen Ausschnitt des Problems.

Neuen Kommentar schreiben