Leere Versprechungen

Emran Feroz beschreibt in seinem Buch den „Krieg gegen den Terror“ aus afghanischer Sicht. Dabei liefert der Journalist, der seit Jahren aus und über Afghanistan berichtet, wertvolle Einblicke auch in das Leben jenseits von Kabul. 

 Emran Feroz: Der längste Krieg. 20 Jahre War on Terror. Westend-Verlag, Frankfurt 2021, 22 Seiten, 18 Euro

Nicht zuletzt anhand eigener Recherchen vor Ort vollzieht der österreichisch-afghanische Journalist Emran Feroz die Entwicklung Afghanistans infolge des von den USA erklärten „War on Terror“ nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nach. Er beginnt damit, dass zumindest Teile der afghanischen Bevölkerung in den ersten Jahren der internationalen Intervention an eine Befreiung des Landes von Gewalt und Diktatur geglaubt hätten. Doch spätestens mit der Beförderung brutaler Warlords wie Rashid Dostum und Abdul Rasul Sayyaf in wichtige Regierungspositionen (2007 und 2014) seien diese Hoffnungen zerstoben.  

Dass die Armee den vorrückenden Taliban im Sommer 2021 nur geringen Widerstand leistete und sich die Bevölkerung wenig loyal gegenüber Präsident Ashraf Ghani verhielt, liegt, wie Feroz zeigt, an der allgemeinen Unbeliebtheit der Kabuler Regierung in der Bevölkerung. So habe etwa Asadullah Khalid, der noch bis Juni Verteidigungsminister Afghanistans war, in seinen luxuriösen Residenzen in Kandahar und Ghazni private Folterkammern errichtet, verschleppte Mädchen zu sexuellen Diensten gezwungen und Morde an fünf UN-Mitarbeitern in Auftrag gegeben, weil diese seine Drogengeschäfte gefährdeten. 

Schlimmer als Guantanamo

Besonderen Eindruck hinterlassen die Kapitel, die sich mit den US-amerikanischen, deutschen und australischen Kriegsverbrechen in Afghanistan auseinandersetzen. Dabei geht der Autor nicht nur auf die Luftangriffe im Jahr 2009 bei Kundus ein, bei denen 142 Zivilisten starben. Feroz berichtet auch über das Gefängnis in Bagram, das ehemalige Gefangene als „schlimmer als Guantanamo“ beschrieben und in dem US-Soldaten gefoltert hätten.  

Die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC), Fatou Bensouda, sammelte jahrelang Informationen zu diesen und weiteren Vorwürfen – woraufhin die Trump- Regierung persönliche Sanktionen und ein Einreiseverbot gegen sie verhängten. Hinzu kommen Beschreibungen von Drohnenangriffen auf Hochzeiten oder auch darüber, wie australische Soldaten zu ihrem Vergnügen Zivilisten jagten, und nicht zuletzt der Bombardierung eines Krankenhauses der Ärzte ohne Grenzen durch das US-Militär im Oktober 2015. In einem Hotel in Kabul, das als erste Anlaufstelle für aus Deutschland und Österreich abgeschobene Geflüchtete gilt, sprach der Autor darüber hinaus mit Abgeschobenen über ihre Geschichte und ihre Pläne für die Zukunft. Viele von ihnen sind als Flüchtlinge im Iran aufgewachsen, Afghanistan ist ihnen fremd. 

Mehr Bildung für Mädchen

In der Debatte über das Engagement westlicher Regierungen und NGOs spielen die Förderung von Schulbildung für Mädchen und auch Frauenrechte eine große Rolle. Immerhin zählte die Befreiung der afghanischen Frauen zu den wichtigsten Argumenten für die Militärintervention des Westens, wie Feroz betont. Am Beispiel einer Schule für Mädchen in Badikhel, einem Dorf in der Provinz Khost nahe der pakistanischen Grenze, zeigt er indes, dass das auch ganz ohne westliche Hilfsgelder gelingen kann. Dort schickten heute trotz anfänglichen Widerstandes gegen Bildungsangebote für Mädchen immer mehr der Dorfbewohner ihre Töchter, Nichten oder Cousinen in die Schule. Nicht zuletzt in dieser Entwicklung sieht er ein positives Zeichen dafür, dass sich in vielen Bereichen der afghanischen Gesellschaft eine neue Lebensweise bereits weitgehend durchgesetzt habe. Deshalb gesteht er den Taliban kaum Chancen zu, das Land wieder in die Lage der 1990er Jahre zurückzuzwingen. 

Das Buch liest sich schnell, es zu verarbeiten dauert jedoch wesentlich länger – gerade, wenn es um die zahlreichen Beispiele und Fallgeschichten geht, die er erwähnt. Die Frage, die man sich am Ende des Buches umso dringlicher stellt, lautet: Wie konnte der Westen glauben, dass der „Krieg gegen den Terror“ Afghanistan sicherer machen könnte?

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