Von Freiheit und übersinnlichen Kräften

 Wayétu Moore: Sie wäre König. Roman, akono Verlag, Leipzig 2021, 445 Seiten, 24 Euro

Wayétu Moores historischer Roman setzt mit der Unabhängigkeit Liberias im Jahr 1847 ein und führt die Leserinnen und Leser mit Mitteln des magischen Realismus zurück bis in die US-amerikanische Sklavenhaltergesellschaft.
 
Die verschlungene Handlung des Romans von Wayétu Moore ist vor dem Hintergrund der Geschichte Liberias zu verstehen. Im Unterschied zu anderen afrikanischen Staaten, die von europäischen Unternehmen und Regierungen kolonisiert wurden, waren die ersten Siedler Liberias ehemalige Sklaven aus Amerika. Diese Americo-Liberianer waren von der American Colonization Society an die westafrikanische Küste gebracht worden – teilweise geht die Familie der Autorin auf diese Siedler zurück.

Kämpfe um Land zwischen Americo-Liberianern und dort bereits ansässigen bäuerlichen Gemeinschaften waren im Liberia des frühen 19. Jahrhunderts üblich. Sie sind auch Thema des Romans der heutigen New Yorkerin: Er beginnt mit einem Mädchen namens Gbessa aus der lokalen Vai-Dorfgesellschaft. Sie gilt als verhext. Nach dem Tod des Vaters sperrt die verarmte Mutter das Kind zu Hause ein, um es vor Übergriffen der Dorfbewohner zu schützen. Nur ein Junge sucht dennoch den Kontakt zu Gbessa, indem er sie besucht.

Kindliche Überlebensstrategien einer Ausgestoßenen

Aus der Perspektive des Mädchens erschließt sich dem Leser die Dorfwelt. Neben Dialogen, die auch in der Übersetzung auf die Lokalsprache Vai Bezug nehmen, erfährt man einiges über die kindlichen Überlebensstrategien der Ausgestoßenen, die nur mit ihrer Mutter und dem Jungen aus dem Dorf emotionale Nähe erlebt. Man schreibt ihr übernatürliche Kräfte zu, denn sie ist nach einem ansonsten tödlichen Schlangenbiss nicht gestorben.

Für Westafrikakenner ist die Geschichte nachvollziehbar, für allgemein Interessierte fehlen allerdings im Glossar wichtige Begriffsklärungen, um Gespräche, Handlungen, soziale Hierarchien und Konflikte im Dorf einordnen zu können. Die wenigen Erläuterungen sind bruchstückhaft, ebenso der dreiseitige Abriss zur Geschichte Liberias am Ende des Buches, der zudem sachliche Fehler enthält. Hilfreich wären auch genauere Erläuterungen zu den Kapiteln des Romans, die Anfang des 19. Jahrhunderts in der Karibik und in den Südstaaten der heutigen USA spielen.

Zwei Söhne von Sklavinnen und ihre Flucht vor rassistischer Gewalt

In Virginia begegnen wir June Day, dem Sohn einer Sklavin, die wie alle anderen Sklaven unter den Demütigungen und Angriffen eines brutalen Sklavenhalters leidet. Dem Jungen gelingt mittels seiner übernatürlichen Kräfte die Flucht. Der Gewalt entflieht auch Norman, Sohn eines britischen Forschers und einer früheren Sklavin aus Jamaika, dessen Körper für rassenanthropologische Experimente seines Vaters herhalten muss. Diese überlebt er nur dank übersinnlicher Kräfte, die ihn schließlich nach Liberia bringen, wo er June Day und Gbessa trifft.

Wie die drei dort nach einigen Umwegen zum Aufbau des Staates beitragen, erzählt die Autorin im Schlussteil des von Mythen durchwobenen Romans. Für Afrikakenner ist er interessant konstruiert, für Interessierte ohne Vorwissen streckenweise schwer verständlich.

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